Literatur

Die Tochter des Paten

Mit 16 erfuhr Rita Gigante, dass ihr Vater die New Yorker Unterwelt kontrollierte. Um der Haft zu entgehen, stellte er sich geisteskrank

Niemand kann sich die Familie aussuchen, in die er hineingeboren wird. Das gilt bekanntlich für den Enkel des Kriegsverbrechers wie für den Sohn des Holocaust-Überlebenden; es gilt für die Tochter, die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde, und für den Jungen, dessen Vater einem politischen Attentat zum Opfer fiel. Es gilt auch für Rita Gigante, die ihre Kindheit in New York beinahe immer als wunderbar erlebte.

Gewiss, ihr Vater musste viel arbeiten und kam abends oft erst spät nach Hause. Aber er liebte seine Kinder abgöttisch und brachte oft Geschenke mit nach Hause: riesige Schokoladenhasen zu Ostern und echte, gackernde Hühner zur Aufmunterung, als die Kinder an Windpocken erkrankt waren (die auf Englisch „chickenpox“ heißen). Ihre „Nonna“, ihre Großmutter, kochte Spaghetti mit Fleischklößen. Wenn sie fragte, was ihr Vater arbeitete, hieß es: „Er hat ein Hutgeschäft“ oder „Ihm gehört ein Süßigkeitenladen“.

Chef der Genovese-Familie

Allerdings gab es da Zusammenkünfte mit Geschäftsfreunden bei ihnen zu Hause, die etwas merkwürdig verliefen. Der Fernseher lief auf voller Lautstärke; und die Männer am Tisch flüsterten Gigantes Vater Geheimnisse ins Ohr. Manchmal schrieben sie Dinge auf Zettel, die hin- und hergeschoben und anschließend vernichtet wurden. Hinzu kam, dass ihr Vater nie telefonierte; grundsätzlich nicht.

Und dann war da diese schreckliche Erinnerung: Die kleine Rita versteckte sich mit fünf Jahren unter dem Küchentisch ihrer Großmutter in Manhattan. „Ich sah einen Haufen Männerbeine und hörte die Männer schreien. Dann hörte ich die Stimme meines Vaters und das Geräusch, wie jemand geschlagen wurde, und dann sah ich einen fremden Mann auf dem Boden liegen, der mir in die Augen schaute, während Blut über sein Gesicht lief. Ohne zu wissen, dass ich im Zimmer war, trampelte mein Vater auf dem Kopf herum, bis alle still wurden und sein Körper aus dem Zimmer gezogen wurde. Ich habe mit keinem ein Sterbenswörtchen darüber gesprochen und blockierte die Erinnerung jahrelang, bis sie mir plötzlich in einem Blitz wieder einfiel.“

Rita Gigante war 16 Jahre alt, als Alessandra, eine Freundin der Familie, ihr endlich die Wahrheit steckte. Nein, kein Hutgeschäft. Nein, kein Laden für Süßigkeiten. Vincent Gigante, ihr Vater, war ein Mafioso – und zwar nicht irgendeiner: Er war jahrzehntelang Chef der Genovese-Familie, der größten der fünf Mafiafamilien, die damals in New York die Unterwelt kontrollierten. Gigante war einer von fünf Söhnen des Uhrmachers Salvatore Gigante und der Näherin Yolanda Gigante, die von Neapel nach New York ausgewandert waren. Der Sohn besuchte eine Hochschule für Textilien, fing an zu boxen und lernte den Mobster Vito Genovese kennen. So kam er in Kontakt mit der Cosa Nostra und stieg ins organisierte Verbrechen ein.

Seine Tochter Rita Gigante bietet nun in einem Buch einen Einblick in die ungewöhnliche Geschichte ihrer Mafiafamilie (Rita Gigante: „Godfather’s Daughter“, Hay House Publishing). „Zuerst fühlte ich mich beschützt, ich dachte, dass niemand uns etwas tun kann; ich hatte auch Angst vor dem, was die Regierung uns antun könnte. Aber es gab auch ein Gefühl der Erleichterung, dass ich endlich wusste, was los war“, schreibt sie darin. Die erste echte Auseinandersetzung kam, als Rita Gigante 19 Jahre alt war. Ihr Vater besuchte sie in New Jersey, und sie sagte zu ihm: „Ich muss über etwas mit dir reden.“ Sie wusste schon seit Jahren, dass sie lesbisch war. „Ich schwitzte, mein Magen war ein einziger Knoten. Seine Reaktion verriet mir, dass er es nie akzeptieren würde. Es war nicht Wut, er sagte ganz ruhig: Es ist eine Phase, es wird vorbeigehen.“ Da wusste Rita, dass sie einen Rückzieher machen musste. Ihr Vater war ein gefährlicher Mann.

Jahrelang Krankheit vorgetäuscht

Die nächste Phase begann dann, als ihr Vater in einem alten, zerschlissenen Bademantel durch Greenwich Village spazierte und murmelnd Selbstgespräche führte. Diese Phase dauerte beinahe 30 Jahre lang: Vincent Gigante täuschte eine Geisteskrankheit vor, um der Strafverfolgung durch die Behörden zu entgehen. Ein journalistischer Witzbold gab ihm damals – in Anlehnung an den Filmtitel „The Godfather“, der Pate – den Spitznamen „The Oddfather“, also: der seltsame Vater. Aber Rita Gigante, die diesen Witz leben musste, empfand ihn nicht als amüsant. Nach vielen Jahren der Vortäuschung gab ihr Vater endlich vor Gericht zu, dass er sich verstellt hatte. Er starb 2005 im Gefängnis. Er war 77 Jahre alt.

46 Jahre ist Rita Gigante heute alt. Sie lebt mit ihrer Freundin in New Jersey, wo sie New-Age-Therapien anbietet: Heilmassagen und Energietherapien. Im Mai will sie ihre Freundin heiraten. Sie ist tief überzeugt, dass der Geist ihres Vaters, mit dem sie in spirituellem Kontakt steht, zur Hochzeit kommen wird. Und er wird nicht in seinem zerschlissenen Bademantel erscheinen, sondern in seinem besten Anzug. Diese Vision kann man lächerlich finden. Oder ergreifend.