Wetterdienst

Unruhe vor dem Sturm

Orkantief „Xaver“ wird mit Böen von bis zu 110 Stundenkilometern in Berlin erwartet

Das Sturmtief „Xaver“ erreicht am Donnerstagmorgen die Region Berlin-Brandenburg. Heftig stürmen werde es an diesem Tag vor allem zwischen 15 und 20 Uhr, sagt Jürgen Schmidt, Meteorologe und Geschäftsführer des Wetterkontors in Ingelheim. „Wir erwarten dann für Berlin Böen mit Maximalgeschwindigkeiten von 100 oder 110 Kilometer pro Stunde. Das wird auf jeden Fall Windstärke 10, eventuell auch 11. Einen extremen Orkan wird es aber nicht geben, da können wir beruhigen.“

Es sei zu erwarten, dass der eine oder andere Baum umstürzt, sagt der Wissenschaftler. Auch für Weihnachtsmärkte sieht Schmidt Risiken. Zwischen den Buden hängende Beleuchtungen, Schirme und Heizpilze könnten umgerissen werden. „Auf jeden Fall sollte man in dieser Zeit keine Waldspaziergänge machen. Abbrechende Äste sind eine Gefahr.“

In der folgenden Nacht und auch noch im Verlauf des Freitags bleibt es stürmisch. Wenn auch nicht mit orkanartigen Böen, so doch mit Windgeschwindigkeiten von 80 bis 90 Kilometer pro Stunde (Windstärke 9). Erst am Sonnabend lässt der Wind langsam nach. Mit der größten Windstärke am Donnerstagnachmittag und -abend zieht – mit der Bewegung des Tiefdruckgebietes – eine Kaltfront über die Region. Wie jedes Tiefdruckgebiet besteht „Xaver“ aus einem Warmluft- und einem nachfolgenden Kaltluftsegment. Die einbrechende Kaltluft aus den Polarregionen sorgt für starke Winde und Gewitter – und einen kleinen Wintereinbruch.

Temperaturen sinken auf null Grad

Die Wetterexperten erwarten, dass die Temperaturen dann von etwa fünf Grad auf der Vorderseite der Kaltfront auf etwa null Grad sinken. „Es können Schneeschauer fallen, unter Umständen gibt es auch etwas länger Schnee“, erläutert Schmidt. Vor allem in den Morgen- und Abendstunden besteht auf den Straßen Glättegefahr. Aber generell dürften die Temperaturen am Freitag knapp über null Grad bleiben, sagt Schmidt.

Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes wird der Orkan in Schleswig-Holstein am stärksten wüten. Schon jetzt rät die Deutsche Bahn auf ihrer Internetseite ihren Kunden, ab Donnerstagmittag auf Zugreisen in Schleswig-Holstein, dem nördlichen Niedersachsen, Hamburg und Bremen nach Möglichkeit zu verzichten. Dort sei mit „Betriebsbehinderungen und Einstellung des Betriebes“ zu rechnen.

An der Nordseeküste waren bereits am Mittwochabend Vorboten des Sturmtiefs angekommen. Dort rechnen die Wetterexperten am Donnerstag mit teils extremen Orkanböen. Das Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation warnt insbesondere für die Nordseeküste und dort vor allem für Nordfriesland vor extremen Böen von bis zu 140 Kilometern pro Stunde.

Insgesamt würden die Windgeschwindigkeiten an der Küste aber wahrscheinlich unter denen des vorigen Sturmtiefs „Christian“ bleiben, teilte das Hamburger Institut mit. Dieses war Ende Oktober über West- und Nordeuropa gezogen und hatte teils schwere Schäden angerichtet. Der Deutsche Wetterdienst rechnet damit, dass „Xaver“ mindestens so stark wird wie „Christian“, „Xaver“ soll zudem länger dauern.

Keine Überflutungen wie 1962

Bis weit ins Hinterland hinein wird nach den Vorhersagen starker Sturm herrschen, Kaltluft ankommen und Schnee fallen. Vor allem im Bergland sei mit stärkeren Schneefällen und Schneehöhen bis zu zehn Zentimetern zu rechnen. Erst in der Nacht zum Sonnabend soll es allmählich aufhören zu schneien.

Das Umweltministerium in Kiel erwartet für die Nacht zu Freitag am Eidersperrwerk 2,50 Meter über dem mittleren Tidehochwasser. „Das ist genau die Grenze zu einer schweren Sturmflut“, sagte der Abteilungsleiter für Küstenschutz, Dietmar Wienholdt. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Freitag eine weitere Sturmflut nachkommt.“ Aber erst bei Wasserständen von mehr als 3,50 Metern über Normalnull seien die Deiche in Gefahr. Bei der schweren Hamburger Sturmflut von 1962 stieg das Wasser auf 5,70 Meter über Normalnull. Anders als damals sind die Deiche und Hochwasserschutzanlagen in der Stadt inzwischen aber alle auf Wasserstände von mindestens 7,50 Meter über Normalnull ausgelegt, einige sogar höher. Sie sind zudem stabiler gebaut.

„Sorgen macht uns die Sturmflut eher für die sandigen Küsten“, erläutert Wienholdt. „Die Halligen werden wieder Land unter melden – je nach Höhe der Sturmflut.“ Insgesamt sei Schleswig-Holstein aber gut gerüstet, so Wienholdt. „Die Deiche sind wintersicher. Sie werden auch ohne Probleme eine Sturmflut wie 1962 oder 1976 überstehen.“

Auch die niedersächsische Küste und die ostfriesischen Inseln sind von Sturmflut bedroht. Doch mit geschätzten zwei Meter über Normalnull ist keine Katastrophe zu erwarten. Verkehrsbetriebe, Feuerwehr und Rettungsdienste bereiteten sich am Mittwoch auf das Schlimmste vor. Die Deutsche Bahn mobilisierte die Bereitschaftsdienste für Oberleitungsreparaturen sowie zur Räumung von Bahnsteigen und Gleisanlagen von Schnee und Eis.