Gewalt

Der Rest ist Schweigen

Ein Jahr nach dem Amoklauf von Newtown wollen nur noch wenige die Waffengesetze ändern

Er sammelte Gewaltvideos und Goldhamsterfotos, Lego-Modelle und Waffen, Artikel über Pädophilenrechte und Amokläufe wie 1999 in der Highschool von Columbine: Adam Lanza war 20 und seelisch schwerstbehindert, als er am Morgen des 14. Dezember 2012 seine Mutter in ihrem Bett erschoss, zur Sandy-Hook-Schule in Newtown fuhr und innerhalb von fünf Minuten mit einem Sturmgewehr 154 Schüsse abgab, die 20 Kinder, sechs Lehrer und am Ende ihn selbst töteten.

Lanzas Amoklauf entsetzte Amerika. Für einige Wochen schien es, als würden die Fronten im Glaubenskrieg über Waffenverherrlichung und -kontrolle gesprengt durch Scham und Vernunft. Die untröstlichen Eltern der ermordeten Kinder klagten Amerika an, das eher seine Jungen opfere, als an die Freiheit, Waffen zu tragen, zu rühren. Der Präsident warf sich in den Kampf; der Vizepräsident verhandelte mit der Waffenlobby. Connecticut verabschiedete strengere Waffengesetze im Eilverfahren. Dann erlahmte der Furor. Amerika vergaß Adam Lanza.

Von dem Amokläufer sprechen und schreiben wieder alle, seit die Landespolizei von Connecticut am Montag ihren 45 Seiten starken Abschlussbericht über sein elendes Leben und Sterben vorlegte. Die Fahnder stellten „signifikante seelische Probleme“ fest. Nicht mehr. Bei Lanza war im Jahr 2005 mit dem Asperger-Syndrom eine milde Variante von Autismus diagnostiziert worden. Es gibt keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Asperger und Gewaltneigung. Nach einem Jahr Arbeit muss die Kriminalpolizei einräumen, nur „widersprüchliche“ Beschreibungen Lanzas bieten zu können. Und vor allem eines nicht: ein klares Motiv.

Hass auf die Schule, die er selbst besucht hatte und mochte, hat Adam Lanza nicht getrieben. Slasher-Videos und possierliche Hamsterbilder, welch einen kranken Reim hat sich der Junge darauf gemacht? Es fand sich eine Verteidigungsschrift zu Pädophilie und ein Video, in dem die Erschießung von Kindern gespielt wird. Es gibt Bilder, in denen sich der Junge als aufgerüsteter Rambo feiert. Auf anderen Fotos simuliert er seinen Selbstmord. So sieht der ganz normale Wahnsinn eines jungen Waffennarren in Amerika aus. Die Liebe zu seinen Gewehren und Pistolen war die einzige Liebe, die er mit seiner Mutter Nancy teilte. Die Waffen waren sämtlich gesetzmäßig von ihr erworben.

Das Haus in der Yogananda Street 36 zu Newtown starrte vor Feuerwaffen, Schwertern, Speeren, als sollte es einer Belagerung standhalten. Bedrängt von der Außenwelt, in selbst gewählter Verdunkelung, hauste Adam Lanza in den letzten Monaten seines Lebens. Die Angehörigen der Opfer wird das Wissen um Lanzas seelische Leere nicht trösten.