Unglück

Lettland trauert um die Toten von Riga

Mindestens 53 Opfer nach Dacheinsturz eines Supermarktes. Präsident fordert Mord-Ermittlungen

In einem Wettlauf gegen die Zeit haben lettische Rettungskräfte nach dem Dacheinsturz in einem Einkaufszentrum nach Überlebenden gesucht. Die Zahl der Toten in der lettischen Hauptstadt Riga stieg am Sonnabend auf 53. Zwei der Opfer waren noch immer nicht identifiziert. Helfer suchten in den Trümmern des Gebäudes, dessen Dach am Donnerstagabend eingestürzt war, nach zehn Vermissten. Die Hoffnung, sie lebend zu bergen, sank jedoch mit jeder Stunde. Lettlands Präsident Andris Bērzins forderte die Aufnahme von Mordermittlungen. „Dieser Fall muss wie ein Mord an zahlreichen hilflosen Menschen behandelt werden“, sagte Bērzins im Fernsehen. Ein Team unabhängiger Experten aus dem Ausland müsse unverzüglich gebildet werden.

Keine Lebenszeichen mehr

Am Unglücksort versammelten sich bangende Angehörige und Menschen, die mit Blumen oder Kerzen ihre Trauer ausdrücken wollten. Wegen Einsturzgefahr mussten die Arbeiten immer wieder unterbrochen werden. Drei Feuerwehrleute waren bei den Rettungsarbeiten ums Leben gekommen, als sie von herabfallenden Dachteilen getroffen wurden. Zahlreiche Helfer suchten unterstützt von Soldaten und Spürhunden in den Trümmern nach Überlebenden. Vier große Kräne waren im Einsatz, um den Schutt rasch zu beseitigen. „Wir haben immer wieder beim Räumen innegehalten, um Klopfzeichen und andere Lebenszeichen zu hören“, sagte ein Sprecher des Rettungsdienstes. „Aber in mehr als acht Stunden gab es keinerlei Lebenszeichen.“

Angehörige von Vermissten, die seit Donnerstagabend versuchten, die Mobiltelefone ihrer Freunde oder Familienmitglieder zu erreichen, blieben ebenfalls ohne Antwort. Noch immer müssten etwa 300 Quadratmeter des insgesamt 1500 Quadratmeter großen Geländes durchkämmt werden. Zuletzt waren in der Nacht zu Freitag Verletzte gefunden worden. Insgesamt wurden 29 Menschen verletzt, darunter auch elf Rettungskräfte.

„Dies war ein harter Tag für ganz Lettland“, sagte Regierungschef Valdis Dombrovskis. Nach dem bislang schwersten Unglück seit der Unabhängigkeit Lettlands 1991 hat eine dreitägige Staatstrauer in dem baltischen EU-Land begonnen. Landesweit wurde an allen öffentlichen Gebäuden die Nationalflagge mit Trauerflor auf halbmast gesetzt. Auch Fernsehkanäle und Internetseiten platzierten Trauerschleifen oder Kerzen neben ihrem Logo. Eishockeyspiele, Konzerte und Theatervorstellungen wurden abgesagt.

Das Dach des Supermarktes war plötzlich eingestürzt, als dort rund 100 Menschen ihre Einkäufe erledigten. Der 19-jährige Überlebende Antons Rjachin sagte, er habe gerade an der Kasse gewartet, als die Decke „binnen Sekunden“ eingestürzt sei. „Ich bin hinausgerannt, die Türen waren offen, aber es fiel sehr viel Schutt herunter, der anderen vielleicht den Weg versperrt hat.“ Im Supermarkt seien zum Unglückszeitpunkt etwa 100 Menschen gewesen, schätzte er.

Ungeklärt ist noch immer, warum das Dach des preisgekrönten Gebäudekomplexes einstürzte. Spekuliert wurde über Baumängel oder den Ausbau des Gras- und Kiesdachs zu einem Garten und Spielplatz. Das Gebäude war erst vor zwei Jahren errichtet worden. Ein Sprecher des Maxima-Supermarkts bestätigte, dass es gut eine halbe Stunde vor dem Einsturz einen Feueralarm gegeben habe. Es sei aber nicht evakuiert worden, weil es kein Anzeichen eines Feuers gegeben habe. Unklar war, ob es einen Zusammenhang zwischen den Bauarbeiten und dem Feueralarm gibt.

Der Rigaer Bürgermeister Nils Usakovs sagte, große Mengen von Baumaterial und Erde für den Spielplatz und Wintergarten seien an einer schwachen Stelle des Dachs gelagert worden. Ihr Gewicht hätte den Einsturz auslösen können. Da es tagelang geregnet hatte, wurde spekuliert, dass die Erde sich vollgesogen habe und dadurch noch schwerer geworden sei. Usakovs schrieb via Twitter, dass die Ruinen nach Ende der Ermittlungen abgerissen würden.

Last falsch berechnet

Der stellvertretende Bürgermeister Andris Ameriks sagte, mehrere verstärkte Stahlträger seien gleichzeitig umgefallen, was darauf hinweisen könnte, dass Ingenieure den Lastendruck auf das Dach falsch berechnet hätten. Ameriks machte Haushaltskürzungen für fehlende Baukontrollen verantwortlich. „In den zurückliegenden Jahren wurden aus wirtschaftlichen Gründen viele Institutionen, darunter die Bauaufsicht, um Kosten zu sparen geschlossen.“

Die Solidarität in der lettischen Bevölkerung ist riegengroß. Anwohner versorgten die Rettungskräfte und Angehörige von Vermissten, die an der Absperrung um den Unglücksort ausharren, mit Decken, heißem Tee und Essen. Eine Hilfsaktion zugunsten der Opfer sammelte innerhalb von zwei Tagen umgerechnet mehr als 120.000 Euro. Auch den Aufrufen zu Blutspenden folgten viele der gut zwei Millionen Letten – an den Spendezentren bildeten sich lange Schlangen.