Naturkatastrophe

Ikea spendet mehr für Opfer als China

Nach dem Taifun auf den Philippinen hätte das Land als mitfühlender Nachbar auftreten können. Doch es liegt im politischen Clinch mit Manila

Eine Woche nach dem verheerenden Taifun haben die Opfer auf den Philippinen erstmals Lebensmittelpakete und Trinkwasser bekommen. Die Luftbrücke mit US-Hubschraubern hat die Not der erschöpften Menschen etwas gelindert. Die Helikopter fliegen pausenlos Hilfsgüter in entlegene Regionen des Katastrophengebietes. Auch die ärztliche Versorgung der Verletzten läuft an: Unter anderem hat ein deutsches Feldlazarett auf der verwüsteten Insel Leyte die Arbeit genommen. Immer mehr Hilfsorganisationen erreichen auch die anderen Teile des Katastrophengebiets.

Die wegen schleppender Hilfe kritisierte philippinische Regierung unter Präsident Benigno Aquino verteidigte erneut ihr Krisenmanagement. „Die Not ist groß, sie ist dringlich, und du kannst nicht sofort jeden erreichen“, sagte Innenminister Manuel Roxas bei einem Besuch in der Stadt Tacloban. Das Katastrophenschutzamt sprach am Freitag von 3621 Toten und verhängte wegen widersprüchlicher Angaben eine Nachrichtensperre. Die Schätzungen schwankten bisher zwischen 2360 und 4460 Toten. 1179 Menschen galten als vermisst. Und noch immer werden weitere Leichen aus den Trümmern geborgen.

Die Vereinten Nationen haben bislang 50 Millionen Dollar für die humanitäre Hilfe in den Taifungebieten erhalten. Japan kündigte die Verdreifachung seiner Nothilfe auf mehr als 30 Millionen Dollar an und hat die Entsendung von Truppen, Schiffen und Flugzeugen angeboten. Australien gibt 28 Millionen Dollar, die USA spenden 20 Millionen und schicken wie Großbritannien einen Flugzeugträger in die Region. Deutschland bietet eine Soforthilfe von derzeit 1,5 Millionen Euro.

Doch ausgerechnet die Weltmacht China hält sich auffallend zurück, obwohl sich die Katastrophe fast vor ihrer Haustür ereignete. Keine zwei Millionen Dollar (rund 1,5 Millionen Euro) stellt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt an Barmitteln und Hilfsgütern bereit. Jeweils 100.000 Dollar schicken der chinesische Staat und das Rote Kreuz Chinas, dazu kommen Zelte, Decken und andere Güter im Gesamtwert von 1,64 Millionen Dollar. Zunächst wollte man gar nur 100.000 Dollar spenden. Sogar der Möbelkonzern Ikea zeigt sich mit einer Spende in Höhe von 2,7 Millionen Dollar großzügiger als die Volksrepublik.

Streit um Südchinesisches Meer

Peking führt mit Manila einen Territorialstreit im Südchinesischen Meer. Das mag die Zurückhaltung beim Spenden erklären, doch sie schadet China zu einem Zeitpunkt, zu dem es sich zur Regionalmacht aufschwingen will. „China hat eine hervorragende Gelegenheit verstreichen lassen, sich als verantwortungsbewusst zu zeigen. Es mangelt noch beim strategischen Denken“, sagt der China-Experte Zheng Yongnian von der Nationaluniversität in Singapur. Die Staatsführung begreife das Konzept der „Soft Power“ nicht und setze auf althergebrachte Methoden: wirtschaftliche und militärische Macht. Zwar streitet sich China auch mit anderen Ländern um Inseln im Südchinesischen Meer, aber hoch kocht die Auseinandersetzung mit den Philippinen, wohl auch, weil diese ihre Ansprüche sehr energisch vortragen. Auch die enge militärische Zusammenarbeit der Philippinen mit den USA ist China ein Dorn im Auge.

Hinzu kommt, dass China bei Katastrophenhilfe im Ausland noch unerfahren ist. Nach dem Tsunami von 2004 entsandte Peking Zelte und Mediziner in die indonesische Provinz Aceh, der Rest der Welt spendete Abermillionen an Dollar. Seitdem floss vor allem dem engen Verbündeten Pakistan Hilfe zu, als dieser von Erdbeben und Überflutungen heimgesucht wurde.

Chinas Millionäre spenden ungern

Private Hilfsorganisationen gibt es in China wenige, und die leiden unter Vorwürfen, korrupt zu sein und verschwenderisch mit Spenden umzugehen. Die Kultur von Firmenspenden steht erst am Anfang, und die wachsende Zahl von Millionären ist dafür bekannt, nur ungern zu spenden. Ganz anders sieht es bei Hongkong aus: Es entsandte Katastrophenhelfer, dortige Wohlfahrtsorganisationen sagten Hilfe in Millionenhöhe zu. Der China-Experte Steve Tsang von der britischen Universität Nottingham sagt, der Imageschaden für China werde „erstaunlich klein“ ausfallen – aber auch nur deshalb, weil die Erwartungshaltung so gering sei: „Hier zeigt sich das kleinkarierte Denken Chinas. China fordert Respekt ein. Die anderen Länder fürchten China, aber lieben es nicht.“