Naturkatastrophe

„Es ist die Hölle“

Der Deutsche Dirk Bruckner lebt auf den Philippinen. Er berichtet, wie er durch den Taifun sein Hab und Gut verlor

Ich bin am Ende meiner Kräfte. Der Taifun „Haiyan“, den wir hier auf den Philippinen Yolanda nennen, hat meine Familie und mich voll getroffen. Mein Haus ist hinüber, mein Auto demoliert. Ich habe schon viele Stürme auf den Philippinen erlebt. Wir wussten ja auch, dass ein Taifun kommt, aber dass es so schlimm werden würde, nein, das wusste keiner.

Mein Haus, das ich selbst gebaut habe, steht in dem Ort Telegrafo inmitten eines großen Palmenwaldes, 30 Kilometer von Tacloban entfernt. Als wir im Auge von Yolanda waren, setzte eine unglaubliche Ruhe ein, eine Stunde lang, wir atmeten auf. Als der Taifun dann wieder einsetzte, gab es kein Halten mehr. Das Dach, der erste Stock und zum Schluss die Zimmerdecke flogen weg. Das Badezimmer war unsere letzte Hoffnung. Mit 18 Personen standen wir darin und beteten. Eine Dreijährige sah mich voller Angst an und fragte, ob sie denn jetzt sterben müsse.

Als der Sturm endlich aufhörte, war alles weg. Ich habe nichts mehr. Die Stahlbetonwände, die noch stehen geblieben sind, sehen aus wie von Spinnennetzen überzogen. Überall Risse. Es gibt nichts zu Essen mehr, keine medizinische Hilfe. Am Montag habe ich in Tacloban einen Supermarkt überfallen, um zu überleben. Ich habe Reis und Hähnchen gestohlen für meine Leute und die Nachbarn. Die Vorräte, die wir angelegt hatten, waren ja auch weg. Wir haben meinen Wagen so voll wie möglich gepackt. Der Besitzer hätte wohl nichts mehr mit den Lebensmitteln anfangen können, die ich aus der Gefriertruhe genommen habe. Für die gibt es doch keinen Strom mehr. Da wäre ja alles verdorben.

Ich habe viele Freunde verloren. Von vielen weiß ich nicht, ob sie noch leben oder wo sie sind. Von Tolosa bis Tacloban liegen tausende Leichen am Straßenrand, die Luft ist voll vom Geruch verwesender Körper. Es ist die Hölle.

Die Menschen töten sich gegenseitig wegen Benzin und Essen. Ich habe versucht, etwas Diesel für meinen Wagen zu bekommen. Ich hab es dann gelassen, weil an der Tankstelle gerade mehrere Männer miteinander gekämpft haben. Zwei Menschen starben, sie wurden vor meinen Augen erstochen. Die Polizei muss sich zurzeit selbst beschützen.

Überfäller mit Macheten

Ich habe mich bis nach Surigao auf die Insel Mindanao durchgeschlagen, weil hier der einzige Platz ist, an dem man noch Hilfe bekommen kann. Meine Frau habe ich bei ihrer Familie gelassen. Auf dem Weg haben Philippinos drei Mal versucht, mich zu überfallen. Sie hatten Macheten. Sie wollten Geld oder Lebensmittel. Ich habe einfach Gas gegeben. Mit dem letzten Tropfen Diesel bin ich auf die Fähre gekommen. Zurzeit schlafe ich in einem Gästehaus – auf philippinisch. Das heißt ich bezahle fünf Euro am Tag, damit ich auf Pappkartons schlafen kann. Vergangene Nacht ist hier eine ganze Familie angekommen, die von Leyte geflohen war. Sie stammen aus einem Nachbarort. Was sie erzählt haben, ist sehr schlimm. Die Lage hat sich auch Tage nach dem Sturm noch nicht verbessert. Nur in Tacloban selbst wird Hilfe geleistet. Aber die Orte drum herum, wo auch Menschen leben und Hilfe brauchen, werden völlig ignoriert. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber vor drei Wochen hatten wir das schwere Erdbeben auf der Insel Bohol. Vielleicht sind die Notvorräte erschöpft.

Was mich sehr berührt ist die Hilfe, die ich von Philippinern bekomme. Der Mechaniker hier auf Mindanao hat mich gefragt, wo ich herkomme und warum mein Auto so demoliert ist. Ich habe ihm Fotos gezeigt. Von meinem Haus. Von den 18 Menschen im Badezimmer. Alle in der Werkstatt machen jetzt Überstunden und reparieren mein Auto kostenlos, ich muss nur die Ersatzteile bezahlen. Ich will so schnell wie möglich nach Hause, ich will zu meiner Frau Donna. Sobald mein Auto fertig ist, mache ich mich auf die Rückreise, auch wenn es gefährlich ist. Ich hoffe, die Amerikaner und Engländer, von denen ich gehört habe, dass sie mit Hilfsgütern angekommen sind, bringen Ordnung in die Gebiete. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Leyte lebt von der Fischerei und vom Kokosnussöl. Es gibt keine Boote mehr, mein eigenes ist auch zerstört. Und die Fabriken wieder aufzubauen, macht keinen Sinn, weil alle Palmen weg sind. In meinem Wald standen bestimmt 1500 Palmen. Es sind vielleicht noch 30 übrig. Aber ich will unbedingt zurück, um meinen Teil zum Wiederaufbau beizutragen. Aufgezeichnet von Katja Mitic