Naturkatastrophe

„Wir sind stärker als der Sturm“

Philippiner in Berlin suchen im Glauben Kraft, um die Folgen des Taifuns zu überstehen

Es kommt selten vor, dass ein Priester darüber spricht, dass man seinen Glauben verlieren könnte. Doch Simon Boiser, Seelsorger der philippinischen Gemeinde in Berlin, denkt in diesen Tagen viel darüber nach. Seit Jahren beobachtet er, wie seine Heimat von Stürmen und Erdbeben geplagt wird. Da könne man denken, sagt Boiser, dass es keinen Gott gebe. Oder, dass Gott die Menschen dort bestrafe. Beide Sichtweisen könnten zu der Frage führen: Warum noch glauben? Tatsächlich, der Priester lächelt, als er das sagt.

In der Berliner Gemeinde vermissen mindestens zehn Familien ihre Angehörigen. Auch zu einem Diakon, der in die Heimat geflogen war, fehlt jede Verbindung. Sicher habe er nur Probleme mit dem Telefon, sagt der Priester. Hoffnung ist alles in einer Welt, in der im Normalfall fast jeder ständig erreichbar ist.

Dann erzählt der Pater eine andere Geschichte. Es ist zwei Jahre her, dass er in seiner Heimat einen schweren Sturm erlebte. „Ruft das rote Kreuz“, habe er gesagt. Seine Freunde hätten geantwortet: „Nein, wir beten erst. Das Rote Kreuz kommt später.“

Warum ist der Glaube so stark? Pater Simon sagt, für die Philippiner seien die Katastrophen kein theologisches Problem. So, wie die wenigsten sich mit der Wissenschaft zum Klimawandel befassen würden, obwohl die Stürme so sehr zugenommen hätten. Es sind ungewöhnliche Worte für einen Priester: Der Glaube sei auch ein Trick, sagt er. Die Fähigkeit, das Gute zu sehen. Die Gewissheit, dass es trotz des Chaos jemanden gebe, der die Welt zusammen halte. Boiser zitiert einen Eintrag auf Facebook: „Wir sind stärker als der Sturm.“

Erst am Sonntag hatten die rund 500 Mitglieder der Berliner Gemeinde ihr 27-jähriges Bestehen gefeiert. Das Fest begann mit einer Schweigeminute. Mehr als 80 Prozent der Einwohner der Philippinen sind katholisch, ihre Gottesdienste gleichen Tanzfesten. Im Mittelpunkt steht das Jesuskind, Abbilder der Puppe, die der spanische Kapitän Magellan im Jahr 1521 in die Region brachte.

Wenn Pater Simon mit den Menschen spricht, die ihm von ihren vermissten Angehörigen erzählen, dann höre er zu und bete. Doch dabei solle es nicht bleiben. Die Gemeinde werde vor Ort helfen und sammelt Spenden, auch im im Gottesdienst am kommenden Sonntag (15.30 Uhr, Bayernallee 28).

Margrit Müller, 30, aus Neukölln ist seit Tagen mit einem Hilfsteam der Organisation Humedica in der Stadt Tacloban. In der Region lebten vor dem Sturm 220.000 Menschen. Die telefonische Verbindung ist weiter gestört. Müller teilte mit, dass sie ein Evakuierungslager in einem „völlig zerstörten“ Stadtteil errichten, wohin viele verzweifelte Menschen kämen. „Es gibt so viele tiefe Wunden, typische Verletzungsbilder“, sagte Müller. Es fehle an Wasser und Lebensmitteln. Laut Medienberichten sind weiter Soldaten im Einsatz, um Plünderungen zu verhindern. Zwei Menschen die einen Konvoi angegriffen hätten, seien getötet worden.

Das Technische Hilfswerk und das Deutsche Rote Kreuz fliegen am heutigen Mittwoch aus ihrem Logistikzentrum am Flughafen Schönefeld rund 70 Tonnen Hilfsgüter auf die Philippinen. Kochsets und Anlagen zur Aufbereitung von Trinkwasser werden in die Region Cebu gebracht. „Die größte Herausforderung ist, die Hilfsgüter zu den Menschen zu transportieren, da große Teile der Infrastruktur stark beschädigt sind“, sagte ein Sprecher.

Für die Opfer des Taifuns „Haiyan“ werden nach Angaben der Vereinten Nationen allein für die Nothilfe 225 Millionen Euro benötigt. Laut Hilfsorganisationen fehle es an asphaltierten Straßen auf den Philippinen, was auch an der Korruption in dem Land liege. Die Bundesregierung hat ihre Soforthilfe auf 1,5 Millionen Euro erhöht. Die Zahl der Opfer ist unklar. Der philippinische Präsident Benigno Aquino sagte, er rechne mit 2000 bis 2500 Toten. Schätzungen über 10.000 Opfer nannte er „zu hoch“.

Pater Simon aus Berlin hat auch gute Nachrichten erhalten, er liest eine SMS vor: „Pater, ich möchte dir mein Glück mitteilen. Ich habe Botschaft von meiner Familie bekommen, sie lebt“, schreibt ein Mitglied der Gemeinde. Und weiter: Gott sei gut. „Wirklich!“