Spanien

Die Herrscher von Mallorcas Unterwelt

Die Hells Angels konnten sich auf der Urlaubsinsel so richtig austoben. Nun sitzt Chef Hanebuth mit 17 Bandenmitgliedern in U-Haft in Madrid

Die mallorquinische Polizei dürfte froh sein, dass der Spuk endlich ein Ende hat. Vor gut zwei Wochen wurden Hells-Angels-Boss Frank Hanebuth, 49, und 17 Mitglieder seiner Bande nach Madrid überstellt und sitzen dort in U-Haft. Die Ermittlungsakten des spanischen Untersuchungsrichters Eloy Velazco, die der Berliner Morgenpost in Teilen vorliegen, zeigen, welche Schreckensherrschaft der Bandenchef und weitere 20 Altrocker jahrelang straflos auf der Lieblingsinsel der Deutschen ausüben konnten.

Hanebuth kam bereits mit einem langen Vorstrafenregister aus Deutschland an, die Rede war von Körperverletzung und unerlaubtem Waffenbesitz.

Auch auf Mallorca stiegen die Hells Angels schnell ins Rotlichtmilieu ein. Dort finanzierte Hanebuth den Kauf zweier Bordelle namens „Globo Rojo“ und „Red Palace“. Die Rocker lockten Frauen aus ganz Europa mit falschen Versprechungen nach Mallorca und zwangen sie dort zur Prostitution, sie schickten sogar ihre eigenen Freundinnen auf den Strich. Dies geht aus der Anzeige des Schweizers Felix L. (Name ist der Redaktion bekannt) hervor, der seine Tochter Andrea Desirée Anfang 2011 aus den Klauen der Bande befreien wollte.

Andrea, 28, war die Freundin des Marokkaners Abdul Youssafi, der mit seinen Brüdern Khalil und Naim einen Prostitutionsring für die Hells Angels aufgebaut hatte. Die junge Frau hatte ihrem Vater per E-Mail mitgeteilt, dass sie mit Gewalt zur Prostitution gezwungen wurde und dass sie mit eigenen Augen gesehen hatte, wie ihr Freund Abdul einem Deutschen auf Mallorca die Kehle durchgeschnitten hatte. Die spanische Polizei konnte nichts tun, weil Andrea aus Angst vor Repressalien den Beamten gegenüber alles abstritt. Sie wusste offenbar, was Frauen geschah, die redeten.

Zuhälter quälen Prostituierte

Die „Bild“-Zeitung beschrieb jüngst brutale Strafaktionen, mit denen die Zuhälter ihre Prostituierten quälten. Laut einer Zeugenaussage soll eine Frau zur Strafe für „Ungehorsam“ in einen Hundezwinger gesperrt worden sein oder mit Kampfhunden eingeschüchtert worden sein. Einige wurden offenbar zu Schönheitsoperationen wie Brustvergrößerung gezwungen. Immerhin war die Anzeige des besorgten Schweizer Vaters nicht umsonst, fortan wurde Hanebuth überwacht und seine Telefongespräche abgehört.

Die Mafia auf Mallorca hatte laut Ermittlungsakte noch viele weitere Einnahmequellen wie Erpressung von Schutzgeldern und Geldwäsche. Wer sich einmal auf Geschäfte mit den Rockern eingelassen hatte, der wurde sie nicht wieder los. Diese Erfahrung machte der deutsche, in Mallorca ansässige Unternehmer Olaf L., der im Mai 2010 in Hamburg eine Anzeige gegen Khalil erstattete. Khalil hatte ihm versprochen, ausstehende Schulden auf Mallorca einzutreiben, doch die Kosten dafür waren enorm. Am Ende versuchte der Marokkaner, den Hamburger um 420.000 Euro zu erleichtern, die Zahlungsfrist waren 15 Tage, ansonsten drohte er ihm Gewalt an. Olaf L. verzichtete lieber auf eine neue Anzeige und erkaufte sich mit der Zahlung von 70.000 Euro seine Ruhe.

Laut der „Mallorca-Zeitung“ zählten zu den Opfern der Rockerbande auch Prominente wie der selbst nicht ganz lupenreine Österreicher Jürgen Ludwig Prinz zu Hohenlohe. Er hatte in Palma de Mallorca wegen angeblichen Anlagebetrugs neun Monate in U-Haft gesessen. Zusammen mit seiner spanischen Ehefrau Beatriz Delgado soll der Prinz gutgläubigen Investoren Geld abgenommen und eine hohe Rendite versprochen haben. Einige der Geschädigten hatten sich an Khalil gewandt, um wieder an ihr Geld zu kommen. Zu einer Anzeige kam es nicht, da sich der Prinz laut „MZ“ „zu keinem Zeitpunkt“ von den Hells Angels bedroht gefühlt habe.

Khalil war Experte bei Anlagebetrug. Die Hells Angels hatten ihre eigene Geldwäsche- und Betrugsfirma namens Green Planet Plantations ins Leben gerufen. Mit einem Schneeballsystem wurden Anleger dazu gebracht, Bäume in Asien, Afrika und Zentralamerika zu kaufen und unter dem Versprechen hoher Ausschüttungen systematisch getäuscht: Es gab weder Bäume noch Ausschüttungen. 300 Menschen sollen laut der „Bild“-Zeitung dem Schwindel aufgesessen sein. Khalil verdiente nebenbei auch Geld am Drogengeschäft zwischen Deutschland und Holland, während er bequem auf Mallorca lebte.

Die Hells Angels provozierten in regelmäßigen Abständen Schlägereien und Messerstechereien. Die Polizeiakten dokumentieren dies deutlich. Der Spanier José Angel Nuñez hatte sich ein paar Hells-Angels-Aufnäher gekauft, was der Bande missfiel. Sie verprügelten ihn und forderten Schutzgeld. „Wenn du uns anzeigst, bringen wir dich um“, so die Rocker. Der Spanier kam mit einem Schrecken davon, nicht aber der deutsche Urlauber Stefan A., 43. Als er im Sommer 2009 in Palma de Mallorca bummelte, gingen sieben Bandenmitglieder grundlos auf ihn los. Sie waren mit Baseballschlägern und einem Messer bewaffnet und stachen den Mann nieder.

Stefan A. überlebte mit zwei Stichwunden im Krankenhaus. Mallorca dürfte er seither meiden, obwohl die meisten Bandenmitglieder in Madrid auf die Verhandlung warten. Ein Termin steht noch nicht fest, die Opfer müssten sich in Geduld üben, machte eine Sprecherin des Nationalen Gerichtshofs klar. „Der Umfang der Akten ist mit 15.000 Seiten enorm, es wird es noch Monate dauern, bis wir hier in Spanien überhaupt mit dem Prozess beginnen können.“