Kunst

1500 Raubkunstwerke aufgetaucht

Rentner hortet in seiner Münchener Wohnung Gemälde im Wert von bis zu einer Milliarde Euro

Es gibt noch Geheimnisse. Der bayerische Zoll hat im Frühjahr 2011 in der Münchener Wohnung des 80-jährigen Cornelius Gurlitt etwa 1500 Kunstwerke beschlagnahmt. Dabei soll es sich um verschollen geglaubte Arbeiten von Picasso, Matisse, Chagall, Nolde, Marc, Beckmann und Liebermann handeln. Angeblich seien sie bis zu einer Milliarde Euro wert, wie das Magazin „Focus“ berichtete, das den Fall jetzt öffentlich machte.

Die Sache kam eher zufällig heraus. Der Zoll hatte Gurlitt bei einer Reise nach Zürich kontrolliert, weil die Beamten vermuteten, er führe mehr Bargeld als die erlaubten 10.000 Euro ein. Das traf anscheinend nicht zu. Doch der Verdacht blieb. Die Behörden vermuteten ein Steuervergehen und ließen Gurlitts offenbar vermüllte Wohnung in München durchsuchen. Dabei kam der Bilderschatz ans Licht. Oder besser: ins Halbdunkel. Denn die Behörden machten daraus ein Geheimnis. Sie hatten erkannt, dass sie in das juristische Minenfeld gerieten, das mit den Warnschildern „Raubkunst“, „Beutekunst“, „Entartete Kunst“ und auch „verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, besonders aus jüdischem Besitz“ versehen ist.

Die Herkunft und die Eigentumsverhältnisse der Gemälde, Grafiken und Zeichnungen sind alles andere als eindeutig. Der Verdacht, dass es sich um Werke handelt, die in der Nazizeit in Museen beschlagnahmt, konfisziert und in den besetzten Ländern nach Kriegsbeginn requiriert wurden, liegt nahe.

Das hängt mit der Familie Gurlitt zusammen. Cornelius Gurlitt ist Sohn des Kunsthistorikers Hildebrand Gurlitt. Der leitete von 1925 bis zu seiner Entlassung 1930 das Zwickauer Museum. Danach etablierte er sich in Hamburg als Kunsthändler und leitete bis 1933 den Kunstverein. Weil er sich engagiert für die zeitgenössische Kunst einsetzte, war er in Zwickau angefeindet und entlassen worden. Außerdem galt er als „jüdisch versippt“. Trotzdem gehörte er schließlich zu den Kunsthändlern, die im Auftrag von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels mit der „Verwertung der Produkte entarteter Kunst“ beauftragt wurden. Die anderen waren Karl Buchholz, Bernhard A. Böhmer und Ferdinand Möller. Aber auch Wolfgang Gurlitt, ein Vetter von Hildebrand Gurlitt gehörte zu den Händlern.

Dass die aus den Museen entfernten Kunstwerke zeitgenössischer Künstler nicht, wie zuerst geplant, vernichtet wurden, war Goebbels zu „verdanken“. Am 13. Januar 1938 zeigte er Hitler die beschlagnahmten Bilder und notierte danach in seinem Tagebuch: „Das Resultat ist vernichtend. Kein Bild findet Gnade … Einiges davon wollen wir im Ausland gegen gute Meister austauschen.“ So übergab etwa das Schlesische Museum in Breslau mit offizieller Billigung ein großes Porträt von Edvard Munch der Nationalgalerie in Oslo und erhielt als Gegengabe eine Riesengebirgslandschaft von Caspar David Friedrich.

Trotzdem war der Spielraum für solche Tauschgeschäfte begrenzt. Deshalb kam die Idee des Verkaufs an ausländische Galerien auf. Allerdings kamen dabei kaum mehr als eine halbe Million Reichsmark heraus. Die vier Kunsthändler agierten da wesentlich erfolgreicher. Theoretisch erhielten sie zehn bis 20 Prozent als Provision – allerdings in Reichsmark und nicht in Devisen. Andreas Hüneke schreibt in seiner „Spurensuche“ dazu: „Am 30. Juni 1941 wurde die Verkaufsaktion beendet. Die Bilanzzahlen differieren stark. Rechnet man Verkäufe, Tauschgeschäfte, Kommissionsbestände und Rückgaben zusammen und veranschlagt die jeweils reichlich, so bleiben trotzdem noch etwa 5000 Werke, von denen jede Spur fehlt.“

Eine Spur führt nun nach München. Und manches deutet darauf hin, dass unter den Bildern etwa 300 sind, die als „entartete Kunst“ Museen enteignet wurden. Weitere 200 sollen auf Listen über „verlorene“ Kunst erscheinen, also von Erben der inzwischen gestorbenen, in der Regel als Juden verfolgten Sammler als ihr Eigentum reklamiert werden. Und der Rest ist mit einem großen Fragezeichen versehen. Der Verdacht, dass auch das Arbeiten sind, die Hildebrand Gurlitt als privilegierter Händler der Nationalsozialisten in die Hände bekam, liegt nahe.

Angesichts des sichergestellten Bestandes aus Cornelius Gurlitts Wohnung wird sich manches Rätsel auflösen. Aber so manches bleibt auch. Denn von Zeit zu Zeit hat Gurlitt einzelne Bilder versteigert. Und wenn die Eigentumsfrage nicht eindeutig geklärt werden kann, gehören die Bilder weiterhin Gurlitt. Er muss nämlich nicht beweisen, wie er in den Besitz der Werke gekommen ist, vielmehr müssen diejenigen, die Rechte geltend machen, eben das gerichtsfest belegen. Und das ist, wie etliche Restitutionsfälle zeigen, nicht einfach.