Fernsehen

Öffentlich-rechtliches Beischlafseminar

Die Sendung „Make Love“ im MDR zeigt eines der letzten Tabus: ganz normalen Sex

Wie oft habt ihr Sex? Über diese Frage muss Jessica eine Weile nachdenken. „Das spricht doch für sich“, kommentiert sie ihre Denkpause. Dann schätzt sie: „Alle drei Monate.“ Die angehende Erzieherin Jessica und ihr Freund Oli, ein Informatiker, sind zwei Protagonisten der neuen Aufklärungssendung „Make Love“, die ab Sonntag vom MDR und ab Mittwoch vom SWR ausgestrahlt wird und sich weitverbreiteten Sex-Hindernissen widmet – von Erektions- bis zu Kommunikationsstörungen. Das Versprechen: „Liebe kann man lernen.“

In der ersten von fünf Folgen lassen sich Jessica und Oli aus Böblingen dabei helfen, nach zehn Jahren Beziehung wieder mehr Lust aufeinander zu entwickeln. Ein Standardpärchen, ein Standardproblem. Wenn der Standardzuschauer so wenig über Sex weiß wie die beiden, kann man ihm nur empfehlen, sich diese Sendung anzusehen – und bei einem Anatomie-Crashkurs zu lernen, dass auch Frauen eine Prostata besitzen und die Klitoris nicht nur diese äußere kleine Perle ist, sondern ein stattliches Organ, das ins Innere reicht.

Den Unterricht für Paar und Zuschauer erteilt die Sexologin Ann-Marlene Henning, eine gebürtige Dänin, die in ihrer Hamburger Praxis ähnliche Fälle wie den der mutigen Böblinger behandelt. Henning studierte Neuropsychologie in Hamburg, bildete sich in Kopenhagen zur Sexologin weiter, sattelte Paartherapeutin obendrauf – und ist in ihrer Wahlheimat Deutschland auf dem Weg, zur Aufklärerin der Nation zu werden.

Die Sexologin kann man kennen, weil sie vergangenes Jahr mit der Journalistin Tina Bremer-Olszewski ein Buch namens „Make Love“ veröffentlichte. Das Werk richtet sich an Jugendliche, mehr als 100.000 Exemplare wurden gekauft. Die 49-jährige Henning beschreibt darin all das, was man bei Youporn nicht erfährt, aber unbedingt über Sex wissen sollte. Illustriert ist die Nachhilfe außer mit hilfreichen Grafiken mit Fotos von nackten, erregten Liebespaaren.

Die „Make Love“-Fernsehsendung ist die filmische Fortsetzung des Buches für Erwachsene – und kommt mit noch eindeutigeren Bildern daher. So führt die Sexualtherapeutin Oli und Jessica Filmclips vor, die eigens zu diesem Zweck in einem Berliner Tantrastudio gedreht wurden. Darin ist unter anderem zu sehen, wie ein Mann die G-Zone (nicht Punkt!) der Frau und somit die weibliche Prostata mit dem Finger stimuliert. Eine über den Unterleib geblendete Zeichnung illustriert, was dabei genau in der Frau passiert. Jessica und Oli entfahren dabei viele erstaunte „Mmmhs“.

Wegen solcher Szenen sorgte das Format schon vor der Premiere für eine gewisse mediale Erregung. Von „TV Revolution“ und „schärfster Doku des Jahres“ war zu lesen. Die Reaktionen zeigen, dass die Macher mit ihren Lektionen für Normalliebende einen Nerv getroffen haben. Bei der Vorstellung erklärte der Produzent Christian Beetz: „Wir schauen dahin, wo das Tabu liegt: in die Mitte der Gesellschaft.“ Dahin also, wo man zwar bereits dank zahlreicher Reportagen von Privatsendern bestens über Swingerklubs und die Herbertstraße informiert ist, aber wenig über den eigenen Körper.

Das Erstaunlichste an „Make Love“ ist jedoch, dass es eine solche Sendung bisher noch nicht gegeben hat, als hätte man vor lauter Extremsex den normalen Körper übersehen. Das wahre Tabu heutzutage ist eben nicht Sex, sondern Lust. Diese These erläutert die in Paris lebende Sachbuchautorin Betony Vernon in ihrem erhellenden Ratgeber „The Boudoir Bible“ (der leider immer noch nicht auf Deutsch erschienen ist).

Ann-Marlene Henning sieht das genauso. „Die meisten wissen nicht, wie Erregung und Lust funktionieren“, sagt sie. „Viele denken, Sex muss man einfach können. Da kommt in der Pubertät ein Paket angeflogen, und dann weiß man, wie das geht, aber so ist es nicht.“ Ihre These: Gerade Frauen haben oft keine Lust auf Sex, weil sie dabei zu wenig empfinden. Tatsächlich staunt Jessica, als die Therapeutin mithilfe einer sogenannten Plüschmösette die Feinheiten des weiblichen Körpers erklärt. Oli wiederum erkennt, dass er bei ihr wohl „zu starke“ Gefühle auslöse, wenn er ohne Umwege auf die empfindlichste Stelle zusteuert.

Anhand der Tantrastudio-Aufnahmen demonstriert Ann-Marlene Henning schließlich, wie die Frau sich auf dem Mann so bewegt, dass sie dabei wirklich etwas spürt. Jessica achtet allerdings weniger auf die schwungvolle Beckenboden-Technik, als auf die fülligere Figur des Models auf dem Bildschirm. „Die hat ‘nen Bauch“, sagt sie. Und Jessica, die sich oft zu dick für Sex fühlt, findet das plötzlich „schön weiblich“. Offensichtlich birgt es therapeutische Wirkung, wenn Normalos anderen Normalos beim Sex zuschauen.

Das Format, das aus Jugendschutzgründen nach 22 Uhr laufen muss, hätte einen Platz im Ersten Programm verdient. Es könnte problemlos eine der vielen Sendungen ersetzen, in denen über alles geredet wird, aber selten ungehemmt über Normalo-Erotik. Make love – not talk.

Die fünf Folgen von „Make Love“ laufen ab sofort sonntags um 22.20 Uhr im MDR und mittwochs um 22 Uhr im SWR. Radiohörer können zudem dienstagabends (MDR jump) und mittwochabends (SWR 3) mit Ann-Marlene Henning plaudern.