Technik

Ein Schuhlöffel für die „Costa Concordia“

Ein riesiges Transportschiff wird nächstes Jahr den gekenterten Luxuskreuzer abschleppen

Um zu begreifen, um was für einen mächtigen Koloss es sich bei dem Schiff handelt, das im nächsten Jahr das Wrack der „Costa Concordia“ abtransportieren soll, muss man sich das Folgende vor Augen führen: In der Länge misst die „Dockwise Vanguard“ 275 Meter und ist damit so lang wie drei Fußballfelder. Eine Boeing 747 wirkt mit 70 Meter Länge gegenüber dem Schiff wie ein kleiner Spielzeugflieger.

250 Millionen Euro hat das niederländische Unternehmen Boskalis in die Entwicklung und den Bau seines 117.000 Tonnen schweren Megaschiffs investiert und damit das größte Transportschiff der Welt geschaffen. Seit Januar diesen Jahres ist die „Dockwise Vanguard“ auf den Weltmeeren unterwegs und wird bislang in erster Linie für den Transport und die Reparatur von großen Offshore-Plattformen eingesetzt. Die Betreibergesellschaft des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ hat nun Boskalis damit beauftragt, das Schiffswrack zur Verschrottung zu schleppen.

Dass es zu dieser maritimen Liaison zwischen den beiden Riesenschiffen kommt, ist einem Zufall geschuldet, der just am 12. Januar 2012 eintrat, dem Tag, an dem die „Costa Concordia“ vor der Mittelmeerinsel Giglio auf Grund lief. Martijn Schuttevaer, Pressesprecher von Boskalis, erinnert sich: „Unser Agent in Italien saß damals vor dem Fernseher und sah die Bilder der havarierten ,Costa Concordia‘. Praktisch zeitgleich erhielt er eine interne Mail, in der die Fertigstellung der ,Dockwise Vanguard‘ für Anfang 2013 angekündigt wurde.“ Bei Boskalis brauchte man nur noch eins und eins zusammenzuzählen, denn es war klar: Um ein Wrack dieser Größenordnung zu bergen, brauchte es ein Ausnahmeschiff. Und Boskalis würde es liefern.

Technische Raffinesse

„Zugegeben, die ,Dockwise Vanguard‘ ist ohne Fracht an Bord nicht gerade das schönste Schiff“, gesteht Schuttevaer. „Sie ist eine etwas seltsam anmutende Konstruktion.“ In der Tat ähnelt der schwimmende Riese eher einem übergroßen Ponton als einem Schiff. Doch um Schönheit geht es bei der „Dockwise Vanguard“ nicht, eher um technische Raffinesse im Großformat. Als einziges Schiff der Welt kann es auf bis zu 20 Meter unter die Wasseroberfläche abgesenkt werden. Schiffe dieses Typs nennt man deswegen auch Halbtaucherschiffe. Um das Absinken zu erreichen, wird der gesamte Rumpf mit Meerwasser gefüllt. Durch die Gewichtszunahme sinkt die „Dockwise Vanguard“ langsam immer weiter nach unten, bis nur noch der obere Teil der an der Seite befindlichen Kommandobrücke zu sehen ist.

Eine Technik, die bei der Bergung und dem Transport der „Costa Concordia“ auf beeindruckende Weise zum Einsatz kommen wird. Sowohl die Vorder- als auch die Rückseite der „Dockwise Vanguard“ sind offen. Dadurch kann das Schiff auch Objekte aufladen, die um einiges länger sind als es selbst. Das Wrack der „Costa Concordia“ beispielsweise misst 292 Meter und überragt ihre Trägerin somit um 17 Meter. „Wir schieben die ,Dockwise Vanguard‘ wie einen Schuhlöffel unter das Schiffswrack“, erläutert Schuttevaer. „Dann pumpen wir das Wasser wieder aus dem Rumpf heraus, die ,Dockwise Vanguard‘ kommt langsam nach oben und am Ende liegt die ,Costa Concordia‘ trocken an Deck und kann sicher abgeschleppt werden.“

Alles in allem wird die letzte Fahrt des ehemaligen Luxusliners mit der „Dockwise Vanguard“ 22 Millionen Euro kosten.