Bildung

Heimweh nach Zahlen

Maximilian ist ein hochbegabter Mathematiker. Der Zehnjährige hat sogar einen Studienplatz

Bisher ist Maximilian ganz zufrieden mit den Herbstferien, die er mit seinen Eltern in Südfrankreich verbringt. „Eine schöne Abwechslung“, sagt er, „man kann mal die Gedanken von der Schule loslassen und andere Dinge machen.“ Länger schlafen, im Pool planschen, auf dem Trampolin springen, mit den Nachbarskindern spielen. Es ist vieles anders als zu Hause in der Schweiz. Nur eines nicht: Ohne Mathematik vergeht auch in Frankreich kaum ein Tag.

Im Gegenteil. In den Ferien mache er sogar noch mehr Mathe als sonst, sagt Maximilian, als wäre es das Normalste der Welt. Gemeinsam mit seinem Vater lernt er bis zu eineinhalb Stunden täglich, derzeit stehen unter anderem Manipulationen von Matrizen und diophantische Gleichungen auf seinem Programm.Dass die meisten Erwachsenen gar keine Ahnung haben, was das ist, daran hat er sich inzwischen gewöhnt.

„Maximilian ist ein mathematisches Genie“, sagte der Rektor des Gymnasiums Immensee im Kanton Luzern vor Kurzem. Der Zehnjährige besucht dort die zweite Klasse, das entspricht der achten im deutschen System. Im Frühjahr zog Maximilian das Mathematikabitur vor und absolvierte es mit einem Schnitt von umgerechnet 1,25. „Er erschien mit Donald-Duck-Heft zur schriftlichen Prüfung mit dem Argument, ein Neunjähriger könne sich nicht vier Stunden konzentrieren“, sagt sein Vater Thomas Drisch, der einst Mathematik an mehreren Universitäten lehrte, dann in die Versicherungswirtschaft wechselte und inzwischen im Ruhestand ist. Maximilians Devise sei gewesen: „Lieber mal eine Aufgabe auslassen, als auf die Lektüre verzichten – daher der Notenabzug, was ihn gewiss nicht weiter irritierte.“ Nachdem Maximilian es schwarz auf weiß hatte, dass seine Schule ihm mathematisch nichts mehr bieten konnte, versuchten seine Eltern, für den damals Neunjährigen einen Platz an der ETH in Zürich zu bekommen. Nicht, weil Maximilian ihn inhaltlich schon überflügelt habe, sagt sein Vater, der ehemalige Mathematikprofessor, sondern weil er sich an der Universität mit Gleichgesinnten austauschen und sein Talent unter Beweis stellen könnte: „Jedes Kind, das sich anstrengt, braucht ein Mindestmaß an Bestätigung, sonst wirft es den Griffel hin.“

Maximilian interessiert sich nicht nur für Mathe. Er lese auch gerne die „Lustigen Taschenbücher“ und „Gregs Tagebücher“, sagt er. Außerdem probiert er gerne neue Apps auf dem Smartphone aus, trommelt bei den Tambouren und geht regelmäßig zum Judo. Seine zweite Leidenschaft ist die Kosmologie. Er möge sie, weil sie wie Mathematik ein Eintritt in eine andere Welt sei, sagt er, und dabei ziemlich abstrakt. „Man kann ja nicht sagen, hier sehen Sie den Planeten Uranus am Boden liegen“, sagt er. Das gefalle ihm. „Ich bin eben abstrakt gebaut.“

Der Kampf der Eltern um einen Studienplatz hatte inzwischen Erfolg. Die Universität Zürich gab gerade bekannt, dass sie für Maximilian ein spezielles Förderprogramm zusammengestellt hat. Der Zehnjährige besucht weiterhin das Gymnasium, erhält aber alle zwei Wochen Einzelunterricht bei einem Mathematikprofessor. Jedes Semester gibt es eine Evaluation durch eine Förderkommission. Zweimal war Maximilian schon bei dem Professor in Zürich. „Das Abitur war sehr einfach im Vergleich zu seinen Aufgaben“, sagt er.