Medizin

Tod auf dem Klinikflur

Mysteriöser Fall in San Francisco. Patientin wird erst 17 Tage nach ihrem Verschwinden gefunden

Als Lynne Spalding vor knapp drei Wochen in das San Francisco General Hospital (SFGH) eingeliefert wurde, klagte sie über starke Schmerzen. Sie hatte seit Tagen schon wenig gegessen, verlor an Gewicht und wirkte auch generell gesundheitlich angeschlagen. Damals fanden die Klinikärzte schnell den Grund für das allgemeine Unwohlsein. Spalding litt unter einer akuten und schweren Blasenentzündung, einer Infektion, die bereits den ganzen Körper angegriffen hatte. Die Ärzte verschrieben Antibiotika, gaben der 57 Jahre alten Frau zusätzlich starke Schmerzmittel. Zunächst schien es der Patientin schnell wieder besser zu gehen.

Eigentlich war Lynne Spalding ein Routinefall für die renommierte Klinik. Doch nach zwei Tagen Behandlung verschwand die in San Francisco lebende gebürtige Britin und zweifache Mutter plötzlich unter mysteriösen Umständen von der Station. Ihre 23 Jahre alte Tochter glaubte, dass ihre Mutter, benebelt von den Medikamenten, durch das Krankenhaus irrte. Doch eine sofortige Suchaktion der Klinik blieb ohne Erfolg.

Jetzt wurde Spalding per Zufall gefunden: Sie lag tot in einem abgelegenen Gang der Klinik – 17 Tage nach ihrem Verschwinden. Sie hatte das Krankenhaus offenbar nie verlassen.

„Was in unserer Klinik passiert ist, ist der blanke Horror“, sagte der SFGH-Chefarzt Dr.Todd May in einer Pressekonferenz. „Wir sind hier, um Patienten zu behandeln, sie zu heilen und ihnen einen sicheren Ort zu geben. Dieser Fall erschüttert uns bis ins Mark. Wir sind alle schockiert. Aber wir wissen noch nicht, was mit dieser Frau wirklich passiert ist.“

Auch für die Polizei bleibt das Verschwinden von Spalding bisher ein Rätsel. Nur eins scheinen die Behörden bereits ausschließen zu können: Lynne Spalding starb nicht durch ein Verbrechen. Das zumindest erklärte der Sprecher der Familie, David Perry. „Der Gerichtsmediziner kennt noch nicht die Todesursache“, sagte Perry. „Doch es gibt keine Hinweise, dass Lynne einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.“

Perry nannte das Verschwinden und den Tod von Spalding „einen Albtraum“. „Lynne starb allein auf einem Gang im Treppenhaus in einem der besten Krankenhäuser, die dieses Land besitzt. Wie konnte so etwas passieren?“ Verärgert zeige sich die Familie auch über die Suchaktion des Klinikpersonals und des Sheriffs. „Ich habe gehört, dass die Polizei nach Lynne gesucht haben soll“, sagte Perry. „Nun, das war ganz offensichtlich eine sehr schlampige Suche.“

Rekonstruiert werden konnten mittlerweile die letzten Tage im Leben von Lynne Spalding. Danach war sie am 19.September in die Klinik eingeliefert worden. Die Patientin kam aber nicht auf die Intensivstation, sondern lag im vierten Stock der Klinik auf einem Gang, auf dem vier bis fünf Patienten von einer Schwester betreut und im Schnitt alle Viertelstunde gesehen werden. „Sie war in keinem kritischen Zustand“, erklärte die Klinik in einem Statement.

Nach zwei Tagen Behandlung schien Spalding auf dem Weg der Besserung. Am 21. September will eine Schwester sie um 10.15 Uhr morgens zuletzt gesehen haben. Als sie 15 Minuten später wieder nach der Patientin schaute, war ihr Bett leer. Das Handy von Spalding lag auf einer Ablage. Die Schwester alarmierte die Station – und eine erste Suche begann. Doch auch als eine weitere halbe Stunde später zwei Freunde und der Lebensgefährte von Spalding zu Besuch kamen, blieb sie verschwunden. Laut Klinikmanager Roland Pickens habe man daraufhin die Polizei alarmiert. Diese suchte nicht nur im Krankenhaus, sondern auch im Umkreis der Klinik und später in ganz San Francisco.

„Manchmal gehen Patienten, ohne sich abzumelden, einfach nach Hause“, erklärte Jan Emerson-Shea, Sprecherin der California Hospital Association, einem Klinikenverbund. „Manchmal sagen sie es den Ärzten und Schwestern, manchmal auch nicht.“ Laut Emerson-Shea gebe es davon in Kalifornien etwa 50 Fälle jedes Jahr.

Doch wie konnte Spaldings Leiche für mehr als zwei Wochen unentdeckt bleiben? Als sie per Zufall während eines alle drei Monate durchgeführten Routinechecks von einem Hausmeister gefunden wurde, lag sie auf einem Gang, der nur als Fluchtweg im Falle eines Feuers benutzt wird. Der Zugang ist verschlossen und durch einen Alarm gesichert. „Wir wissen noch nicht, ob dieser Alarm nicht funktioniert hat oder vom Klinikpersonal ignoriert wurde“, sagte der Sprecher des Sheriffs, Paul Miyamoto. „So etwas darf nie passieren“, sagte San Franciscos Bürgermeister Ed Lee, der sich mittlerweile persönlich in den Fall eingeschaltet und neben der Polizei noch einen zusätzlichen Ermittler eingesetzt hat.