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Liegt das Bernsteinzimmer in Wuppertal?

Privatforscher vermutet verschwundenes Kunstwerk in unterirdischem Bunker. Mit Helfern will er den Schacht erstmals seit 1945 wieder betreten

Es ist nur eine auf Indizien gestützte Spekulation, nicht mehr. Aber sie ist genauso gut oder schlecht wie Dutzende ähnlicher Indizienketten. An diesem Mittwochmittag wollen einige Privatforscher den Durchbruch in einen vergessenen Bunker in Wuppertal wagen. Irgendetwas werden sie sicher finden – und vielleicht sogar das seit 1944/45 verschollene Bernsteinzimmer.

Karl-Heinz Kleine, geborener Sachse und seit 1986 im Bergischen Land heimisch, ist die treibende Kraft bei der Suche. Seit er 1978 auf einer Austauschreise der Karl-Marx-Universität Leipzig und der Universität Leningrad zum ersten Mal im Katharinenpalast in Zarskoje Selo, dem heutigen Puschkin, vom Schicksal des Bernsteinzimmers hörte, ist er fasziniert von diesem verschwundenen Kunstwerk.

Die Wandvertäfelung entstand Anfang des 18. Jahrhunderts in Berlin, im Auftrag des ersten preußischen Königs Friedrichs I. Zar Peter der Große war bei einem Besuch in Berlin so fasziniert von der goldenen Pracht der aus geschliffenem versteinertem Baumharz zusammengefügten Platten, dass er sie gegen fünf Dutzend besonders groß gewachsene Söldner für die Leibgarde des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. tauschte. Die kommenden 225 Jahre befand sich das Bernsteinzimmer in Russland, meist im Katharinenpalais.

Von hier entfernten Soldaten der Wehrmacht es im Oktober 1941 und ließen es in 28 Kisten nach Königsberg bringen, wo es Mitte November 1941 zum ersten Mal der allgemeinen Öffentlichkeit präsentiert wurde. Zweieinhalb Jahre später wurde es wieder demontiert und eingelagert. Damit verliert sich die Spur des Bernsteinzimmers.

Jedenfalls die eindeutige Spur. Sind die 28 Kisten beim britischen Luftangriff auf die ostpreußische Hauptstadt am 30. August 1944 verbrannt? Oder waren sie vorher bombensicher versteckt worden? Und falls ja: Wohin wurden sie gebracht? Oder liegen sie immer noch in der inzwischen seit fast sieben Jahrzehnten zuerst sowjetischen, dann russischen Stadt?

Karl-Heinz Kleine ist davon nicht überzeugt. „Ostpreußens Gauleiter Erich Koch war ganz vernarrt ins Bernsteinzimmer“, sagt der Wuppertaler. Er glaubt, dass der als ausgesprochen brutal, gierig und skrupellos bekannte Nazi-Funktionär diese seine wertvollste Beute in Sicherheit gebracht hat. „Aber er wird sie nicht irgendwo versteckt haben“, zeigt sich der gelernte Agraringenieur überzeugt, „sondern dort, wo er sich auskannte.“ Also zum Beispiel oder sogar in erster Linie in Wuppertal.

Zwar gab es diese Stadt noch gar nicht, als Erich Koch hier 1896 geboren wurde. Denn erst 1929 wurde sie aus den Städten Elberfeld und Barmen sowie kleineren Gemeinden zusammengefasst. Dennoch kannte sich Koch natürlich hervorragend in der Nähe seines Geburtsortes aus, hatte viele Kontakte zu Nachbarn. Das ist auch nicht weniger, als auf zahlreiche andere mögliche Verstecke des Bernsteinzimmers zutrifft.

Kleine glaubt, dass Erich Koch ein sicheres Versteck ausgesucht haben dürfte, das keinesfalls von der Roten Armee überrollt werden würde. Außerdem hätte er als ehemaliger Reichsbahn-Arbeiter sicher nicht etwas so Wertvolles wie das Bernsteinzimmer per Lastwagen oder Schiff transportieren lassen, sondern nur auf der Schiene.

Im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel gibt es einen vermutlich sehr großen unterirdischen Bunker. Mit Genehmigung des Eigentümers wollen Kleine und einige Mitstreiter die Sperren in einem Luftschacht aufbrechen und zum ersten Mal seit 1945 die mutmaßliche Fabrik wieder betreten. Den genauen Ort will Kleine nicht verraten; er befürchtet Schaulustige und Medienauftrieb.

Der Privatforscher ist sich sicher, an der richtigen Stelle zu suchen. Er sucht Sponsoren und verspricht, das Zehnfache des Einsatzes zurückzuzahlen, wenn er Erfolg hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kleine fündig wird. Seine Vermutungen sind weder besser noch schlechter als zahlreiche andere Ansätze. Doch die sind alle enttäuscht worden.