Schauspielerin

Wer zuletzt lacht...

Ingrid Steeger präsentiert das Buch über ihr Leben: Tragische Geschichten einer fröhlichen Frau

Es gibt derart viele traurige, schlimme Geschichten über Ingrid Steeger, dass es ein wirkliches Vergnügen ist, die Frau selbst zu treffen. Eben hat sie noch auf der Bühne gestanden. „Sei lieb zu meiner Frau“ heißt das Stück, es geht um zwei Paare, die heimlich miteinander Verhältnisse haben. Ein Lustspiel natürlich, zwei Stunden lang im kleinen Theater von Worpswede. Der Saal ist dreiviertel voll, es wird gelacht, als Ingrid Steeger über die Männer schimpft. Sie steht da und stellt die Hüften aus wie früher im Fernsehen, schaut gut aus.

Nach der Vorstellung kommt Steeger um die Ecke und ruft dem Besucher zu: „Ich wollte gar nicht, dass sie kommen“. Sie erklärt sich: An Tempo und einzelnen Szenen arbeiten sie noch, wäre doch peinlich, wenn die Presse jetzt zuschaut. Sie wirkt aufgekratzt, lacht über ihre Worte, hihihihi. Ingrid Steeger, nun 66 Jahre alt, ist eine Selbstlacherin. Wir gehen in die Kneipe nebenan und lachen eigentlich den Abend lang, Eliza Doolittle rennt dabei um den Tisch, eine Terrier-Dame. Hunde gehören zu Steeger wie „Klimbim“ und recht katastrophale Beziehungen.

Zwei Monate spielt Steeger derzeit in Worpswede. Sie wohnt in der Künstlerkolonie, geht viel spazieren, kümmert sich um das Buch, das sie geschrieben hat. „Und find es wunderbar“ (Lübbe, Köln. 306 S., 19,99 Euro) ist Beichte und Autobiografie, über Strecken sehr düster. Sie nennt sich selbst „Klein Steeger“, was nicht nur etwas mit Körpergröße zu tun hat. Andere sagen zu ihr „Bambi“, ihre berühmtesten Rollen heißen „Blondie“ und „Horror-Gaby“, damals, als das Fernsehen mit „Klimbim“ erstmals sinnfreien Gesellschaftsquatsch machte. Klein Steeger: Selbstbewusstsein ist etwas anderes. Aber sie wischt das weg, sie sei eben klein. Selbstlachen: hihihihi.

Ich bin für viele Leute ein Knutschelwesen, sagt sie, dünn wie ein Model. Steeger hat während „Klimbim“ eine Affäre mit dem Regisseur Michael Pfleghar. Er sagt: Kauf dir ein Fremdwörterlexikon und such’ ein paar schnieke Worte raus, das reicht für Konversation. Er sagt auch: Dein Busen gehört Klimbim und mir. Sie gehorcht. „Pfleghar hat mir beigebracht, dass ich unmündig bin“, sagt sie. Kalt und klar und ohne Reue kommt das, wie ein Achselzucken. Später lebt sie als Zweitfrau von Regisseur Dieter Wedel, spricht ihn mit „Große Liebe“ an und gehorcht auch ihm. Bis er sie auf die Kanaren zitiert und sie sagt: „Große Liebe, ich komme nicht“.

Verprügelt und betrogen

Sie berichtet von ihren zwei Ehen, die zweite mit einem Indianer endet desaströs praktisch schon am Hochzeitstag. Und das ist lange nicht das Ende, da sind die gefühllose und boshafte Mutter und noch mehr Männer. Ihr Vater verprügelt sie, der Großvater missbraucht sie. Andere nutzen sie aus, betrügen die Frau, nehmen ihr Geld. Mehrfach wird sie vergewaltigt. Sie lässt alles geschehen, ist fremdbestimmt und gutmütig und stets wahnsinnig offenherzig. Sie durchschaut manchmal die Absichten und macht dennoch mit. Vor sieben Jahren dann der Tiefpunkt, depressiv und arbeitslos verliert Ingrid Steeger ihre Wohnung in München, lebt von Hartz IV. Die Berichte über sie sind brutal. Man möchte die Frau noch heute rütteln und vor sich selbst schützen. Mensch, wach doch auf. Steht in dem Buch alles drin? „Nein, ich habe viel Schlimmeres erlebt. Noch ganz entsetzliche Sachen. Aber auch noch Schönes. Und das gehört mir ganz allein.“ Vier gehämmerte Sätze wie Pfeile.

Am Morgen nach dem Auftritt erscheint Steeger mit Eliza Doolittle. Eine Stunde lang war sie schon unterwegs, Hunde müssen eben rennen, sagt sie strahlend. Sie erzählt so, als läge die Vergangenheit weit hinter ihr. Das Theater tut ihr gut, hat Steeger sogar gerettet, sagt sie. Denn nach der Hartz-IV-Offenbarung und ein paar Talkshows kamen wieder Angebote. Und es funktionierte. Derzeit ist sie bis Ende 2015 ausgebucht. Dafür sagt sie auch lukrative TV-Angebote ab. Es sind kleinere Brötchen, die sie backt, aber es läuft.

Ingrid Steeger ist aufgeräumt und nachdenklich. Ihre Distanz zum eigenen Leben wirkt nicht gespielt, sondern klug belegt. Das Buch zu schreiben hat etliche Erkenntnis gebracht. Auch bittere. Trotzdem: Kein Wort von Abrechnung. „So bin ich nicht“, sagt sie.

Unvermittelt ein Stimmwechsel. „Doolittle!“ Ganz streng jetzt. Der Terrier hat sich zu weit in den Nachbarraum gewagt. Miss Doolittle gehorcht. Eliza Doolittle aus dem Stück „Pygmalion“ von George Bernard Shaw (aus dem das Musical „My Fair Lady“ hervorging) ist das Blumenmädchen, das unerbittlich zur feinen Dame gestaltet wird, von einem herrischen Mann. Eine Lebensrolle, eigentlich. Die Welt, in die Ingrid Steeger aus West-Berlin mit 20 geworfen wird, ist ihr zu groß, immer. Die Frau, die dafür berühmt ist, sich einen Schlitz ins Kleid machen zu wollen, mag etwa bis heute Abendkleider gar nicht, viel zu anstrengend, dauernd dieses Posieren und Sexysein, sagt sie. Sie funktioniert und zieht sich aus. Ihre Filme: „Die liebestollen Baronessen“, „Der lüsterne Türke“, „Die goldene Banane von Bad Porno“, „Blutjunge Verführerinnen 1-3“.

Dass das halbe Land in „Klimbim“ auf ihren Busen schaut, verwundert sie. „Ich wollte nie provozieren. Man hat es verlangt, ich habe es gegeben.“ Mitte der 70er-Jahre leidet sie ein wenig darunter. Im WDR war bei Dreharbeiten das Studio immer voll, sagt Steeger. Was daraus folgte, gehört zum Traurigsten, was sich über Menschen sagen lässt. Steeger spricht schneller, es muss raus: „Ich habe gelernt, dass der Körper mir nicht gehört. Der gehört den anderen, aber nicht mir. Wie ich mir überhaupt selten gehört habe. Ich wollte gehorchen. Ich wollte gefallen. Ich habe einfach Ja gesagt.“

Die Stimme kippt und wird weich. Sie fand die Männer mit der Brust-Fixiertheit und dem Gegrapsche entsetzlich. „Ist denn die Frau ein altes Radio, dass man als erstes an den Knöpfen dreht?“ Sie lacht. Sie verzeiht. Ingrid Steeger hat ihre Tiefs derzeit überwunden. Nach der Zeit mit Harz IV riefen alle Trash-Shows an. Sie lehnte alle Angebote ab.

Steeger lebt allein mit Eliza Doolittle, in München wartet niemand, sie sucht auch nicht. In die Theaterwohnungen nimmt sie einen Koffer mit Requisiten mit. Das ist Ersatz. Aber sie freut sich auf die Theater-Familien, die mehr oder weniger bekannten Kollegen, die vom Fernsehen oder Kino von früher berichten können. Die letzte Frage hätte eigentlich die allererste sein sollen: „Wie geht es ihnen?“ – „Gut.“ – Und dann noch mal: „Es geht mir wirklich gut.“ Dabei soll es bleiben.