Befehligte die „weiße Witwe“ den Terror?

Unter den getöteten Attentätern von Nairobi soll auch die Britin Samantha Lewthwaite sein, deren Mann 2005 in London mordete

Es war die kenianische Außenministerin Amina Mohamed, die in der amerikanischen TV-Nachrichtensendung PBS Newshour am Montagabend einen explosiven Kommentar abgab: Unter den Terroristen, die das Einkaufszentrum in Nairobi überfallen hatten, seien auch „zwei oder drei Amerikaner und eine britische Frau, die das schon viele Male zuvor gemacht hat“. Die Frau soll zu den in Nairobi erschossenen Terroristen gehören. Am Dienstagabend dann teilte Präsident Uhru Kenyatta im Fernsehen mit, dass die Terroristen besiegt sind. Fünf Angreifer seien getötet, zwölf Verdächtige festgenommen worden.

Die unbestätigte Nachricht von der getöteten Britin elektrisierte die weltweiten Sicherheitsdienste, zumal den britischen MI5, der zusammen mit den kenianischen Behörden der Britin schon lange auf der Spur war. Offenbar handelt es sich um die 29-jährige Samantha Lewthwaite, die Witwe des britischen Dschihadisten Germaine Lindsay, der im Juli 2005 mit drei weiteren Tätern den Terroranschlag auf Londons Verkehrsnetz verübt hatte, bei dem 52 Menschen ihr Leben verloren.

Die Frau war vor sechs Jahren mit ihren drei Kindern nach Kenia eingereist, wo sie Verbindungen zum somalischen Terrornetzwerk al-Schabab knüpfte und angeblich mehrere Anschläge der Gruppe mit verübte; es scheint, dass sie dort mittlerweile die Rolle einer Planerin und Anführerin einnimmt. Sicherheitsdienste sprechen von ihr als der „weißen Witwe“, während ihre Getreuen sie in der Landessprache Swahili „dada muzungu“ nennen, „weiße Schwester“.

Auf dem Radarschirm der kenianischen Fahnder war sie im Dezember 2011 aufgetaucht, wegen eines geplanten Anschlags in Kenias Tourismuszentrum Mombasa. Die Polizei griff damals rechtzeitig zu und konnte ihren Komplizen, den in London geborenen Jermaine Grant, gefangen nehmen, während die Frau untertauchte.

Von dort meldete sie sich im vorigen Jahr zurück, als Anführerin einer Gruppe von Terroristen, die Granaten in eine von Touristen viel besuchte Bar in Mombasa warfen, wobei drei Menschen starben und mehr als 50 Personen verletzt wurden. Die Fahnder sehen in ihr, wie es in Nairobi heißt, einen „kaltblütigen Killer“, die Spinne im Netz der ostafrikanischen Dschihadisten, die in Kenia, Tansania und Somalia an weiterer Destabilisierung arbeiten. Man sagt ihr nach, dass sie in Somalia ein Trainingslager eigens für weibliche Mudschaheddin aufgebaut und unterhalten habe.

Wie brutal die Frau vorzugehen pflegt, verbreitete sie selber vor zwei Wochen über den Kurznachrichtendienst Twitter, als sie sich der Hinrichtung des Mudschahid Omar Schafik Hammami aus dem US-Bundesstaat Alabama rühmte, eines „Abtrünnigen“, wie sie schrieb: „Zu deiner Info – Sam Lewthwaite hält dich für einen störenden und verachtenswürdigen kleinen Muj-Angeber.“ In dem Hinterhalt war auch ein Brite umgekommen, der Samantha Lewthwaites zweiter Ehemann gewesen sein soll.

Prozess ausgesetzt

Just in dieser Woche sollte in Nairobi der Prozess gegen den in Mombasa im Dezember 2011 ergriffenen Jermaine Grant beginnen, doch wurde das Verfahren wegen des Attentats auf das Einkaufszentrum ausgesetzt und der Häftling in Hochsicherheitsverwahrung überführt, aus Sorge, dass ein Anschlag zu seiner Befreiung geplant sein könne.

Die Lebenskurve der Samantha Lewthwaite ist ein Paradebeispiel der Verführung zum Radikalismus, die viele britische Jugendliche gefährdet. Sie lernte Jermaine Lindsay, einen britischen Moslem, in einem Internet-Chat kennen, als sie 17 war. Sie konvertierte zum Islam und heiratete den Mann drei Jahre später, 2004. Dabei stammt die Tochter eines Ex-Militärs aus gutbürgerlicher Familie in Aylesbury und fühlte sich heimisch in der Welt der Discos und Entertainmentkultur. Davon brachte Lindsay Jermaine sie offenbar ab, und in kurzer Zeit wurde sie nicht nur fromm, sondern auch zur stillen Komplizin der Londoner Terroranschläge im Sommer 2005.

Nachdem ihr Mann als einer der vier Täter identifiziert wurde, verurteilte sie zunächst das Attentat und bestritt, irgendetwas davon gewusst zu haben. Das war eine Lüge, wie man inzwischen weiß, doch die Ermittler konnten zunächst keine Beweise gegen die Frau erbringen. So verließ sie die Insel vor sechs Jahren ungehindert, um in Ostafrika selbst zur Terroristin zu werden. Die kleine, eher untersetzte Frau hatte längst alle Beziehungen zu ihrer Familie abgebrochen.

In London werden die Vorgänge in Nairobi mit höchster Spannung verfolgt. Premierminister David Cameron brach sogar seinen alljährlichen Besuch bei der Königin im schottischen Balmoral ab, um persönlich die Sitzung des Kabinettskrisenstabs „Cobra“ zu leiten. In Großbritannien leben heute etwa 100.000 Somalis als Asylanten oder eingebürgerte Briten, von denen nach Erkenntnis der Terrorabwehr etwa 50 Erfahrung haben im islamistischen Untergrund Kenias.