Keime

„Alle anderen meiden uns“

Die Stadt Warstein in NRW kämpft gegen Legionellen und um seine Touristen

Bürgermeister Manfred Gödde blickt auf die Uhr. Freitag, halb elf. Genau um diese Zeit wollte er jetzt eigentlich am Flughafen stehen. Zielort Portugal, eine Woche Urlaub an der Algarve. Stattdessen ist er schon seit 8 Uhr in seinem Büro und wird vielleicht wieder, wie so oft in den letzten Wochen, einen Zwölf-Stunden-Tag im Dienst verbringen. Doch zu verschwinden, die Stadt und ihre Bürger für ein paar Tage allein zu lassen, ist für ihn undenkbar. „Das könnte ich nicht – da würde ich nicht ruhig schlafen können“, gibt er zu.

Manfred Gödde ist Bürgermeister von Warstein in Nordrhein-Westfalen, wo vor vier Wochen die Legionärskrankheit ausgebrochen ist. 165Menschen haben sich seitdem an Legionellen infiziert, zwei sind gestorben, sieben werden noch stationär behandelt.

Noch immer ist die Suche nach der Ursache nicht abgeschlossen. Was die jüngste Meldung, dass Legionellen nicht nur in einem Klärwerk des Ruhrverbandes, sondern auch in einer Abwasseranlage der Brauerei gefunden wurde, langfristig für Folgen hat, vermag noch niemand abzuschätzen.

Unter den aktuellen Auswirkungen leiden die Warsteiner jedoch jetzt schon. Vor allem Gastwirte, Hoteliers und Geschäftsleute: „Zu uns kommen nur noch die Einheimischen“, sagen sie. „Alle anderen meiden uns.“

Doch um eins ist der Bürgermeister „heilfroh“: dass die Ursache für den Legionellenausbruch nicht im Trinkwasser lag. „Unser Trinkwasser ist unser höchstes Gut – und das ist vollkommen unbelastet und rein.“ Was jedoch überhaupt für die Legionellenentwicklung im Klärwerk des Ruhrverbandes verantwortlich war und ob es einen Zusammenhang zu dem Befund im Abwasser der Warsteiner Brauerei gibt – all das ist noch offen. Und die Menschen im Ort diskutieren immer wieder, warum es so lange gedauert hat, bis die Verantwortlichen in der Kreisverwaltung der Ursache nachgegangen sind. Doch es ist nicht der Bürgermeister, gegen den sich die Vorwürfe der Bürger richten. Eher kritisieren sie, dass die Kreisverwaltung aus Soest überfordert gewesen sei, dass sie sich viel zu sehr auf den angeblichen Fachmann, den „Legionellenpapst“ aus Bonn, verlassen habe und sich auch das NRW-Gesundheitsministerium viel zu spät eingeschaltet habe. Wo das mal enden wird? Keiner weiß es. Doch alle eint die Hoffnung, dass es nicht wieder – wie vor einer Woche – einen neuen überraschenden Krankheitsfall geben wird. Und vor allem: Dass endlich die Reisewarnung aufgehoben wird. Ob dann der erhoffte Besucherschub kommt? Die Warsteiner setzen auf Montag, wenn der Krisenstab mal wieder tagt und sich mit dieser Frage beschäftigen wird. Auch Bürgermeister Manfred Gödde wird dann dabei sein – und auf eine neue Entscheidung hoffen, damit endlich wieder die Touristen nach Warstein kommen. Und vielleicht, so überlegt er, könnte er dann im Oktober sogar noch Urlaub machen.