Tom Christian

Die Stimme der „Bounty“ verstummt

Tom Christian, berühmtester Nachfahr der Meuterer, starb auf der Pazifikinsel, auf die sich die Galgenvögel damals zurückzogen

Ungebremst hauen unten die Pazifikwellen an die Steilküste des kleinen Felseneilands. Anders als bei den anderen Inseln in dem Ozean – die nächste bewohnte liegt über 500 Kilometer entfernt – stoppt kein Riff die Brecher. Bis hier hinauf auf den 300 Meter hohen Berg donnert und rauscht die Brandung. Wir sitzen oben am Eingang einer geräumigen Höhle, „Fletchers Cave“. Genau an dieser Stelle weilte er einst sehr oft, jener berühmteste Fletcher der christlichen Seefahrt, Fletcher Christian, Anführer der Meuterei von der „Bounty“, die vor zwei Jahrhunderten ein paar Archipele westlich stattfand, als man Käpt’n William Bligh mit ein paar Getreuen auf hoher See in ein offenes Boot zwang und davonsegelte.

Der Mann, der neben mir sitzt, ist oft schon hier oben gewesen, bemüht, sich in Fletchers Situation hineinzuversetzen. „Man sagt ja, Fletcher sei immer hier hinaufgeklettert, um Ausschau zu halten nach Schiffen, die ihn suchen würden“, sagt er. „Ich glaube eher, er wollte hier meditieren, über sein Verbrechen nachdenken, wahrscheinlich tief in Gedanken daran, was mit ihm passieren würde, wenn man ihn fände.“

Melancholischer Ort

Die weite Aussicht, ein idealer Ort für Fletchers Melancholie, sein Heimweh, alles im Bewusstsein, nie mehr nach Hause zu kommen, und im Blick auf die kleine Siedlung am Fuß des Berges, aus roh zusammengezimmerten Hütten. Seine neue Heimat damals, aus der Welt gefallen. Das war vor ein paar Jahren. Jetzt ist der Mann, der so viel über Fletcher Christian zu erzählen wusste, selbst gestorben. Auch er hieß Christian mit Nachnamen, Tom Christian, Fletchers Urururenkel. 77 Jahre wurde er alt. Mit ihm verschwand auch eine Brücke in die legendäre, ja märchenhafte Vergangenheit dieses ganz besonderen Gemeinwesens. Das kleinste der ganzen Welt.

Niemand sonst auf der Insel hat sich so sehr mit der Heimatgeschichte beschäftigt wie Tom. Mit der Besiedlung, der Zeit also, als am 23. Januar 1790 die neun Meuterer mit sechs Tahitianern und zwölf Tahitianerinnen auf der „Bounty“ den unbesiedelten Felsen für sich entdeckten, der 40 Jahre später, auch wenn Fletcher und seine Kumpane damals die meistgesuchten Verbrecher Ihrer Majestät waren, zur britischen Kronkolonie wurde.

Jeder kennt die Geschichte dieser Meuterei. Fünf Kinodramen machten sie weltbekannt. Aber die wenigsten wissen, dass noch heute fast alle 50Einwohner der Insel Pitcairn Nachfahren jener Schiffsrebellen sind. Tom Christian war ihr Aushängeschild, die „Stimme Pitcairns“, weil er jahrzehntelang oben auf dem Hügel, einen Kilometer von der Höhle entfernt, die offizielle Kurzwellenstation betrieb, von dort die Wetterlage aus dem einsamen Posten nach Neuseeland durchgab, Rettungsmaßnahmen bei Seenotfällen in der Umgebung koordinierte, aber vor allem abends in seinem Haus unten im Dorf über seinen privaten Amateurfunk die weltweite Pitcairn- und „Bounty“-Fanszene bediente. Die oft geäußerte Vermutung, kein anderer „Ham-Radio“-Enthusiast habe mehr Funkkontakte gehabt, dürfte stimmen. Er brachte eine hohe sechsstellige Zahl zusammen.

Bei alldem verwundert es schon ein wenig, dass Toms Tod am 7. Juli (nach längerer Krankheit) erst jetzt bekannt wurde, als die „New York Times“ ihm eine ganzseitige Reportage widmete. Schuld daran dürfte auch der Rhythmus sein, in dem die Inselzeitung „Pitcairn Miscellany“, die zuerst die Nachricht veröffentlichte, selbst wiederum erscheint und in alle Welt versandt wird, nämlich nur alle ein, zwei Monate. Es zeigt aber auch, dass das, was die Insel damals so attraktiv für die Meuterer machte, sie heute noch auszeichnet: ihre Abgeschiedenheit, auf den Weltmeeren fast beispiellos, damals, vor gut 200 Jahren, unauffindbar, weil sie obendrein um 150 Seemeilen falsch auf den Karten verzeichnet war. Der ideale Unterschlupf für gesuchte Schwerverbrecher.

Nur dreimal im Jahr kommt heute ein Versorgungsschiff auf seiner Reise von Neuseeland zum Panamakanal vorbei. Alles andere, Besuch von Yachten oder Kreuzfahrtschiffen, ist Glückssache. Eine Reise nach Pitcairn will Monate oder Jahre geplant sein – und kann dann dennoch schiefgehen. Etwa wenn schlechtes Wetter es den Pitcairnern verbietet, ihre Langboote aus dem Schuppen zu holen, um hinaus zur Reede zu fahren, wo das Versorgungsschiff normalerweise hält, in dem Fall aber ohne Stopp weiterdampft.

Eine einzigartige Insel mit einzigartiger Gesellschaft. Für alle Welt sind die „Bounty“-Meuterer Helden, vorgeprägt durch die Dramaturgie der „Bounty“-Filme. Tom, der mehrfach in Australien und Amerika war, liebte seine Heimat, die Abgeschiedenheit vom hektischen Weltbetrieb („Gut, ab und zu würde man gern mal seine Familie zum Abendessen ausführen, das geht eben nicht“). Aber deshalb hat er die Vorfahren der Insulaner, denen sie diese Heimat zu verdanken haben, noch lange nicht vergöttert.

Ein unerfüllter Traum

„Helden? Ich weiß nicht, sie haben das Gesetz gebrochen, und ich denke, sie kannten die Strafe für Meuterei: Tod am Galgen. Andererseits war Käpt’n Bligh wirklich grausam. Und das harte Leben auf See nach dem süßen auf Tahiti – ein wenig nachvollziehen kann ich das“, meinte er nachdenklich oben in Fletchers Höhle. Aber was soll’s, resümierte er: „Die Meuterei fand statt, und so sind wir hier.“

Ein Traum erfüllte sich nicht für Tom. Er hatte immer gehofft, die Geldschatulle der „Bounty“ zu finden, unter seinem alten Haus, dort, wo auch Fletcher einst wohnte. Doch als Tom es abriss, weil er längst nebenan ein neues gebaut hatte, da fand er dort nichts. Pitcairn darf weitersuchen. Das Erbe der „Bounty“ bleibt spannend.