Kriminalität

Die Zigarettenschmuggler von Gibraltar

Tabak ist im britischen Außenposten billig und in Spanien teuer. Das weckt Begehrlichkeiten

Geduckt rasen Miguel und Jaime mit ihrem Jetski über die Wellen vor der andalusischen Küste. Ein Patrouillenboot der Polizei aus Gibraltar ist ihnen dicht auf den Fersen. Als sich die Tabakschmuggler dem spanischen Ufer nähern, versucht das Polizeiboot, ihnen den Weg zum Anlegesteg abzuschneiden. Mit einem riskanten Manöver weichen sie aus und entkommen der Polizei nur knapp. Ihre kostbare Fracht stürzt jedoch ins Meer.

Der Schmuggel von Zigaretten aus dem niedrig besteuerten britischen Außenposten nach Spanien stieg in den vergangenen Monaten an. Die angespannten diplomatischen Beziehungen belastet der Schwarzhandel zusätzlich. „Sie haben uns fast umgebracht“, klagt Miguel am Strand von La Línea de la Concepción, der kleinen, ärmlichen Grenzstadt zu Gibraltar in Südspanien. „Wir fahren mit maximaler Geschwindigkeit, doch der Jetski ist alt und kommt kaum noch auf Tempo 55“, sagt sein 29-jähriger Komplize Jaime, der wie ein Pirat ein Bandana-Tuch um den Kopf gebunden trägt. „Wir wollen damit nicht reich werden, nur etwas zu essen kaufen.“ Auf jedem Trip können sie zwei bis fünf Boxen à 500 Zigaretten mitnehmen. Pro Box bekommen sie gerade einmal zehn Euro.

Sobald das Patrouillenboot verschwunden ist, starten die beiden daher erneut zu einer halsbrecherischen Tour auf der 1500-Meter-Strecke nach Gibraltar. Zurück in La Línea, warten schon sieben Männer zwischen Fischerbooten und Yachten, um die Ware ins Auto zu laden. Alles geschieht am helllichten Tag und unter den Augen von Passanten.

Im rezessionsgeplagten Andalusien, wo die Arbeitslosenrate inzwischen bei 35,8 Prozent liegt, haben junge Leute wie Jaime kaum Aussicht auf einen regulären Job. „Ich mache das seit meiner Kindheit, doch mit dem Jetski erst in den vergangenen fünf Jahren“, sagt er. „Wenn du in einer landwirtschaftlichen Gegend zur Welt kommst, wirst du Bauer, wenn du hier zur Welt kommst, wo es bis auf ein bisschen Schmuggel keine Arbeit gibt, dann machst du eben das.“

Der vor allem in der Europäischen Union hergestellte Tabak kommt auf großen Lkws auf legalem Wege nach Gibraltar und wird in dem selbstverwalteten britischen Überseegebiet, in dem auf 6,8 Quadratkilometern rund 30.000 Menschen leben, an Händler verteilt. Schmuggler kaufen die Zigaretten in großen Mengen zu Preisen weit unter denen in Spanien. Dort erhöhte die Regierung überdies vor Kurzem angesichts des klaffenden Staatsdefizits die Mehrwertsteuer. Eine Stange, die in Gibraltar 20 Euro kostet, lässt sich in Spanien für das Doppelte verkaufen.

Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit habe sich das Profil eines typischen Schmugglers verändert, sagt ein Vertreter der spanischen Polizei: „Durch die Krise sind jetzt auch normale Leute dabei.“ Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Beschlagnahmen an der Grenze steil in die Höhe gegangen. Die spanischen Steuerbehörden kostet der Schmuggel zweistellige Millionenbeträge pro Jahr. Spanien nennt den Zigarettenschmuggel als einen der Gründe dafür, warum es die in den vergangenen Wochen die Grenzkontrollen verstärkt hat. Gibraltar vermutet hingegen eine Vergeltungsmaßnahme für den Bau eines künstlichen Riffs, mit dem die britische Kronkolonie spanische Fischerboote von ihren Gewässern fernhält.