Tragödie

„Ich bring’ euch alle um!“

Ein Sportschütze aus der Pfalz erschießt seine Nachbarn und tötet sich anschließend selbst

Es ist eine Tragödie, aber alles hätte auch noch sehr viel schlimmer kommen können. Im beschaulichen Dossenheim, einem nicht ausgesprochen vornehmen, aber durchaus honorigen Nachbarort von Heidelberg, war am Dienstagabend ein 71-Jähriger in einem Vereinsheim so unglaublich in Rage geraten, dass er mit seiner Sportpistole Ceska 75 um sich schoss. Drei Tote, fünf Verletzte, so lautete die blutige Bilanz nach dem Amoklauf des Mannes, der geschrien haben soll: „Ich bring’ euch alle um!“ Nicht nur seine eigene Frau wurde verletzt, als der Dossenheimer im Nebenzimmer des Vereinsheims 17 Schüsse abgab. Ein Querschläger traf auch eine völlig unbeteiligte Frau, die einen Streifschuss am Kopf abbekam. Sie hatte mit ihrem Mann und zwei Kindern auf der Klubhausterrasse beim Essen gesessen.

Auf dem Areal des Sportvereins TSG Germania 1889, in dessen Gaststätte „Ambiente“ alles geschah, hielten sich zu dieser Zeit mehr als 50 Personen auf, darunter viele Kinder. Und Maria Böhmer, Staatsministerin bei Bundeskanzlerin Merkel, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl A. Lamers hatten nur eine Stunde zuvor noch genau dort bei einem Wahlkampftermin gesessen, wo es zur Bluttat kam. „Wir waren in demselben Raum, wo das passiert ist, saßen dann noch auf der Terrasse“, sagte der Verteidigungsexperte dem „Mannheimer Morgen“. Kaum auszudenken also, welche Katastrophe der Mann in seiner unkontrollierten Wut tatsächlich hätte anrichten können. Dabei ging es nur um die Abrechnung der Nebenkosten für die Eigentumswohnung, über die sich der Mann schon lange geärgert haben muss. Auch wegen einer kleineren Sanierung an einem Balkon gab es offenbar seit Längerem Zwist. Der Mann fühlte sich betrogen, er soll sich sogar schon vor anderthalb Jahren bei der Staatsanwaltschaft beschwert haben, damit diese wegen Betrugs ermittle.

Aber weil er schließlich doch nicht vor Gericht zog, ist unklar, ob an den Vorwürfen etwas dran ist. Offenbar galt der Mann zumindest bei der Hausverwaltung und im Haus selbst schon länger als Querulant und war sogar angezeigt worden, weil er mit Zahlungen im Rückstand war. Eine Staatsanwältin sagte, der Rentner habe sich auch stets beschwert, wenn jemand seiner Meinung nach zu laut geworden war. Der Täter, der eine Tochter und zwei Enkel hatte, besaß die Wohnung schon seit 1979.

Lange aufgestaute Wut entlud sich

Aber es sind ja oft solche Kleinigkeiten, die lange schwelen und Menschen dann unversehens in höchsten Zorn versetzen. Was geschehen kann, wenn bei solchen fatalen Kurzschlusshandlungen auch noch eine Waffe zur Hand ist, zeigt der Fall von Dossenheim wieder einmal auf brutale Weise. Der Mann, der offenbar seit Jahrzehnten Sportschütze war und mindestens zwei Schützenvereinen angehörte, galt als herausragender Schütze. Damit, dass er seine Waffen gegen Menschen richten würde, hat niemand je gerechnet.

Mit Mühe versucht nun die Polizei zu rekonstruieren, was kurz vor 19 Uhr im „Ambiente“ geschah. In Dossenheim müssen sich an diesem Dienstagabend schlimme Szenen abgespielt haben. Seltsamerweise hatte der Mann, der nach einem Streit während der Eigentümerversammlung aus dem Nebenraum im ersten Stock geworfen worden war, offenbar seine Waffe schon dabei. Die Polizei zumindest teilte mit, der Mann sei aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss gekommen und habe an der Theke eine Cola bestellt. Er war offenbar sehr nervös, als er trank. Dann stürmte der 71-Jährige in den ersten Stock und eröffnete umgehend das Feuer. Dort hielten sich sieben Miteigentümer des Wohnhauses auf. Nur einer von ihnen entging dem Anschlag. Ein 82-Jähriger und ein 54 Jahre alter Mann wurden tödlich getroffen, alle anderen Personen verletzt, eine von ihnen schwer. Danach soll der Täter aus dem Raum gestürzt, einem Kellner „dir mach’ ich nichts“ zugerufen und sich dann im Foyer selbst erschossen haben. Von den Schüssen aufgeschreckte Vereinsmitglieder leisteten Erste Hilfe und eilten mit Handtüchern herbei. In den Armen einer Frau starb eines der Opfer. Die schwer verletzte Person ist mittlerweile außer Lebensgefahr.

Dass der Mann im Besitz einer großkalibrigen Pistole war, weckt nicht nur Erinnerungen an den Amoklauf von Winnenden oder die Katastrophe von Lörrach, als eine Frau in ein Krankenhaus eindrang und auf dem Weg dorthin mehr als 300 Schuss Munition abfeuerte. Das ihrer Meinung nach allzu laxe Waffenrecht bringt auch erneut die Hinterbliebenen der Opfer in Rage.

Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden fordert erneut lautstark schärfere Waffengesetze, und neben den Grünen im baden-württembergischen Landtag spricht sich nun auch Innenminister Reinhold Gall (SPD) für ein Verbot großkalibriger Waffen aus. Sportschützen bräuchten solche Waffen nicht, sagte Gall und spricht damit Hardy Schober aus der Seele. Schober hatte 2009 sein Kind beim Amoklauf von Tim K. in Winnenden verloren. Der Sprecher des Aktionsbündnisses verlangt zudem eine zentrale Aufbewahrung und besondere Sicherung von Waffen.