Cyberkriminalität

Der globalisierte Bankraub

30 Millionen Euro, 23 Länder: Prozessstart nach einem Coup mit falschen Kreditkarten

Die junge Frau mit den langen blondierten Haaren und den pink geschminkten Lippen bleibt an der Tür stehen und sagt leise „I love you“ zum Angeklagten Eduard Z. Sie küsst ihre Handfläche und haucht in seine Richtung, dann stöckelt sie mit einer Freundin aus dem Saal 1.112 des Landgerichts Düsseldorf. Der erste Prozesstag in einem international spektakulären Prozess um Kreditkartenbetrug ist nach einer Stunde schon wieder vorbei. Die Verteidiger baten um eine Prozesspause bis Anfang nächster Woche. Die Anwälte konnten noch nicht mehrere Hundert Seiten neues Ermittlungsmaterial sichten, das ihnen die Staatsanwaltschaft Düsseldorf nur wenige Tage zuvor zugeschickt hatte.

Es ist ein einmaliger Fall organisierter Bankenkriminalität, den die Vorsitzende Richterin Bettina Reucher-Hodges zu verhandeln hat. Es geht um Cyberkriminalität, um Bankraub ohne Pistole, ohne Geiseln, ohne Blut. Die modernen Verbrecher nutzen Computer und Technik. Zwischen dem 19. und 20. Februar dieses Jahres gingen plötzlich innerhalb weniger Stunden einige Hundert Personen los und hoben mit Kopien einer Kreditkarte in insgesamt 23 Ländern tausendfach Geld ab. Zuvor hatten Computerhacker den Geheimcode gestohlen und das Limit der Kreditkarte ausgeschaltet. Weltweit sollen fast 40 Millionen Dollar geraubt worden sein, umgerechnet knapp 30 Millionen Euro.

Allein in neun deutschen Städten – Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Dortmund, Duisburg, Essen, Bremen, Mannheim und Koblenz – erbeuteten zumeist Unbekannte fast 1,8 Millionen Euro. Zwei von ihnen fielen in Düsseldorf auf. Die alarmierten Polizisten nahmen sie fest und staunten nicht schlecht: Es sind Mutter und Sohn. Sie stammen aus den Niederlanden. In ihrem Kleinbus lagen mehrere Blankomagnetstreifen und 169.500 Euro.

Der 35-jährige Eduard Z. und die 56-jährige Wilhelmina Z. sind die Ersten, denen der Prozess in dem globalen Bankraub gemacht wird. Freilich gelten die Angeklagten nicht als Drahtzieher dieses Coups, sondern eher als „Laufburschen“, genauso wie vier weitere Beschuldigte der Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Einer wird mit weltweitem Haftbefehl gesucht, einer sitzt in Haft, bei zwei anderen läuft das Auslieferungsverfahren.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft wurden außer in Deutschland lediglich in New York mehrere Tatverdächtige gefasst, die aus der Dominikanischen Republik stammen sollen. Ein weiterer mutmaßlicher Täter soll ermordet worden sein. Hinweise auf die Hintermänner gibt es nicht. Die Ermittler gehen von einem international gut organisierten Ring von Cyberkriminellen aus. Für die Staatsanwaltschaft ist es ein Rätsel, wie es den Drahtziehern gelungen ist, dies mit Unbekannten weltweit so präzise zu choreografieren und zugleich sicher sein zu können, dass das Geld abgeliefert wird. „Das ist ein ungewöhnlicher Fall“, aber es sei zu befürchten, dass so etwas öfter vorkommt, sagt ein Ermittler: „Das ist der Bankraub in Zukunft.“