Humanmedizin

In den Tiefen der Speiseröhre

Von Schlüsseln bis zum Verlobungsring – es gibt fast nichts, was nicht schon einmal verschluckt worden wäre. Wann aber wird es gefährlich?

Es gibt sicherlich bessere Methoden, um sich ein Bröckchen Speiserest aus den Zahnzwischenräumen zu entfernen. Lin Kong entschied sich aber für das nächstgelegene Werkzeug – und das war eine Nagelschere. Gefährlich genug. Doch statt sich auf die Werkelei in seinem Mundraum zu konzentrieren, alberte der 27-jährige Chinese noch mit seinem Kumpel herum. Als dieser einen besonders guten Witz riss, verschluckte Lin Kong die Nagelschere. Vier Zentimeter spitzes Metall steckten in seinem Hals fest – und jeder Versuch, sie selbstständig wieder hochzuwürgen, ließ die Schere tiefer die Speiseröhre hinabsinken.

Derartig spektakuläre Missgeschicke gehören zwar zu den seltenen Fällen in der Notaufnahme, doch das Verschlucken selbst ist keine Seltenheit. „Gerade in der Grillsaison, wenn viel Fleisch gegessen, Alkohol getrunken und viel geredet wird, verschluckt sich häufig jemand“, sagt Felix Gundling von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Als Oberarzt der Klinik für Gastroenterologie am Klinikum Bogenhausen in München hat Gundling schon einiges aus dem Rachen seiner Patienten geholt – am häufigsten aber Fleischbrocken, wie die Studie ergab.

Zwischen 2008 und 2010 haben Gundling und seine Kollegen nachgezählt. Die Berechnungen ergaben: Bei mehr als 65 Prozent aller verschluckten Fremdkörper handelte es sich um Fleischbrocken. Bereits sehr viel seltener sind Zahnprothesen und Tabletten, jeweils weniger als acht Prozent. „Verschluckte Gebissteile gehören eher zu den seltenen Fällen in der Notaufnahme“, sagt Gundling, „entweder sind sie zu groß, um überhaupt verschluckt zu werden, oder sie sind oft so klein, dass sie den Magen-Darm-Trakt problemlos passieren.“

Bei Kindern sieht die Verteilung allerdings etwas anders aus. Sie verschlucken auch unüblichere Gegenstände oft, besonders in den ersten Lebensjahren. „Kinder lernen ihre Umgebung kennen, indem sie diese im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Nahezu jeder Gegenstand wird nicht nur in die Hand genommen, sondern auch in den Mund“, sagt Burkhard Rodeck, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und Chefarzt des Christlichen Kinderhospitals Osnabrück. Deswegen sollten Eltern alle Gegenstände, die verschluckt werden können, gut wegräumen. Dafür gibt es eine einfache Regel: „Gefährlich ist all das, was durch eine Toilettenrolle passt“, rät der Experte.

Geldstücke im Kinderhals

Nicht selten sind die Kleinen aber flinker und gewitzter, als ihre Eltern ahnen können. Einmal nicht hingeschaut – und schon haben sie sich das Wechselgeld vom Küchentisch gekrallt. Münzen gehören zu den am häufigsten verschluckten Gegenständen bei Kindern. Während kleinere Münzen den Magen-Darm-Trakt oft problemlos passieren, können größere Geldstücke an einer der drei Engstellen der Speiseröhre stecken bleiben. „Ab einer Größe von fünf Cent bleibt das Kleingeld oft hängen“, sagt Chefarzt Rodeck. Für die Eltern heißt das dann: ab mit dem Kind zum Arzt. Fest steckende Fremdkörper müssen so schnell wie möglich entfernt werden. Meist ist das mit einer Magenspiegelung möglich.

Allerdings ist die Bergung nicht immer so einfach. Besondere Probleme macht zum Beispiel magnetisches Spielzeug, das Kinderärzten derzeit viele Sorgen bereitet. Die oft kugelrunden und bunten Teilchen werden von Kindern zunehmend häufiger verschluckt – das ergab eine aktuelle Studie des Seattle Children’s Hospital in den USA. Diese Art von Unfällen habe sich zwischen 2002 und 2011 verfünffacht, berichtet das Team um Notärztin Julie Brown im Fachjournal „Annals of Emergency Medicine“.

Magneten mit Tücken

Was die Magneten besonders gefährlich macht, sind allerdings nicht nur schlucktaugliche Form und Größe – sondern vor allem ihre physikalischen Eigenschaften. Denn wenn sich die Teilchen im Darm gegenseitig anziehen, kann dies zu schweren Schädigungen führen. Das Darmlumen kann sich gefährlich verengen und die Darmpassage behindern. Oder die Schleimhaut wird unter dem Druck stark beschädigt.

Was aber ist mit anderen Gegenständen – zum Beispiel mit kleineren Münzen? Sollten solche Fremdkörper nicht in einer der drei Engen der Speiseröhre stecken bleiben, kann bei Erwachsenen wie Kindern erst einmal abgewartet werden. Was die Speiseröhre problemlos passiere, mache normalerweise auch beim Durchgang durch den Darm keine weiteren Probleme, sagt Chefarzt Rodeck. Das heißt allerdings nicht, dass man darauf vertrauen kann. Vielmehr muss genau kontrolliert werden, ob der verschluckte Gegenstand tatsächlich problemlos durchflutscht.

Denn manchmal setzt sich ein Fremdkörper auch noch hinter der Speiseröhre fest – wie im Falle einer Patientin aus der englischen Stadt Exeter. 1986 hatte sich die Britin in ihren kratzenden Rachen schauen wollen – in einem Spiegel. Um die Zunge aus ihrem Sichtfeld zu rücken, behalf sie sich dabei mit einem Filzstift. Dieser blieb allerdings nicht in ihrer Hand, sondern rutschte die komplette Speiseröhre herunter und landete schließlich in ihrem Magen – wo er erst einmal blieb – ganze 25 Jahre lang. Erst vor zwei Jahren fischten Ärzte des Royal Devon and Exeter Hospital Foundation Trust den Stift wieder heraus.

Mit Erstaunen stellten die Mediziner fest, dass sich der Stift an seinem ungewöhnlichen Aufenthaltsort recht gut gehalten hatte. Auch nach einem Vierteljahrhundert im Magen der Britin schrieb er noch, wie die Mediziner im Fachjournal „British Medical Journal Case Reports“ berichteten.

Auf einen ebenso guten Erhalt – wenngleich auch bei kürzerer Wartezeit – hatte wohl auch Ronald Perley aus Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire gehofft. Der 52-Jährige verschluckte sich nicht aus Versehen, sondern mit Absicht. Nichts Geringeres als ein 14-Karat-Goldring sollte künftig die Hand seiner Verlobten schmücken. Nur wollte Perley das rund 2000 Dollar teure Schmuckstück nicht bezahlen. So schluckte er es im Geschäft einfach herunter.

Unbemerkt blieb das jedoch nicht. Eine einfache Röntgenaufnahme konnte seine Tat entlarven. Im Gegensatz zum Filzstift fand der Ring seinen Weg nach außen jedoch ganz von selbst. Dort angekommen, landete er allerdings nicht am Ringfinger von Perleys Angebeteter, sondern vielmehr in den Händen der örtlichen Polizei.