Zukunft

Und nun zu etwas völlig anderem

Jung, witzig und unkonventionell: Die Nachrichtensprecher der Zukunft senden auf YouTube

Der Anchorman der nächsten Generation braucht keine quer gestreifte Krawatte und keine Lesebrille, um sein Publikum kompetent und vertrauenswürdig zu bedienen. Seine Beglaubigung ist ein Tattoo, eines, das als journalistisches Motto gelten kann: „in medias res“. Wenn LeFloid, einer der meistgesehenen deutschen Videoblogger, mit „LeNews“ auf Sendung geht, ist er immer mittendrin statt nur dabei. „Aloha, Freunde!“ statt „Guten Abend, meine Damen und Herren“. Nachrichten werden nicht abgelesen, sondern frei erzählt.

Seit rund einem Jahr läuft LeFloid mit „LeNews“ bei YouTube, mittlerweile zweimal wöchentlich. Mit über 800.000 Abonnenten ist er in die Top Ten der YouTuber von Deutschland aufgerückt. YouTube, die Internetplattform, auf der dem Klischee nach vor allem Katzenvideos, Nerdstuff und Schminktipps klicken. Sind das überhaupt Nachrichtenthemen, die LeFloid da sendet? Es geht etwa um Internetsucht, um ein geplantes Facebook-Verbot für Lehrer, aber auch um den Hitlergruß von Fußballern. Die Nachrichten von „LeNews“ folgen weder Relevanzkriterien, noch gehorchen sie einer Chronistenpflicht. Genau das macht sie in ihrer Zielgruppe so glaubwürdig und beliebt: „Es gibt ’ne zehnte Klasse Informatik, irgendwo im Süden Deutschlands, die sich jeden Freitag zu Unterrichtsbeginn erst mal meine Videos der Woche anguckt“, sagt LeFloid zu seiner Kernzielgruppe.

Die Zeiten haben sich geändert. Seit man Nachrichten den ganzen Tag konsumiert, seit wir auf unseren Smartphones und Rechnern – wie es der Feuilletonist Marcus Jauer einmal treffend beschrieben hat – quasi nonstop eine Bundesligaschaltkonferenz mit News laufen haben, seitdem braucht niemand mehr auf deren quasibehördliche Bekanntgabe um 20 Uhr namens „Tagesschau“ zu warten. Zumal, auch das zeigen Studien, Nachrichtensendungen im Fernsehen oft nicht verstanden, als regungslos, steif, unpersönlich und langweilig wahrgenommen werden.

Normale Nachrichten zu langsam

Genau an dieser Stelle sieht LeFloid seine Marktlücke: „Meiner Zielgruppe sind normale Fernsehnachrichten viel zu langsam“, sagt der YouTuber. „Die Leute verlieren das Interesse schon beim Guten-Tag-Sagen des Moderators, das 15Sekunden dauert.“ LeFloid ist gewiss kein Nachrichtenaufsager, eher ein Nachrichtenperformer. Er tritt in seiner eigenen Bude vor ein Kamerastativ, hinter ihm hängen seine Skateboards und Gaming-Posterhelden an der Wand, auf seinem Arm prangen Unfallnarben und Tattoos, über die seine Zielgruppe bestens Bescheid weiß – und auf seinem Kopf sitzt ein Käppi.

Auf den ersten Blick scheint es paradox, liegen doch ARD und ZDF mit ihren Nachrichtenportalen und Mediatheken nur einen Klick weit entfernt. Doch während der YouTube-Kanal der „Tagesschau“ 8000 Abonnenten zählt, kommt LeFloid aufs Hundertfache. Und auch mit seinen 185.000 Fans bei Facebook stellt der „LeNews“-Mann die Gefällt-mir-Quoten der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz in den Schatten: Nur 166.000 Facebook-Usern gefällt die „Tagesschau“, 117.000 „Heute“. Das übertrifft er mit einem Format, das nur zweimal wöchentlich sendet. „Die Vermittlung von Inhalten ist eine Kunst“, sagt LeFloid, der im echten Leben Florian Mundt heißt, Mitte 20 ist und Psychologie und Rehabilitationspädagogik an der Humboldt-Universität studiert.

Ich treffe Flo und zwei seiner Kollegen im Nikolaiviertel. Hier entstehen die derzeit coolsten Nachrichten Deutschlands. In einer 150-Quadratmeter-Dachwohnung hat der Sender TIN seine Redaktion und Produktion untergebracht. Es ist dort im Moment zu eng und heiß, um zu sprechen, ohne die Kollegen zu stören, die seit einem Monat „Was geht ab?“ produzieren. Also setzen wir uns in ein lauschiges Café in der Poststraße. „Was geht ab?“ versucht, LeFloids News-Erfolg mit weiteren Figuren aus der Berliner YouTube-Clique fortzusetzen. Zu ihnen gehören zum Beispiel die „Space Frogs“ Rick und Steve. Oder Frodo. Allesamt Mittzwanziger, die nirgends gecastet wurden, sondern alle schon fast so lange eigene YouTube-Kanäle besitzen, wie es YouTube gibt. Oft stammen die Vlogger aus der Gaming-Szene, fanden früh ihren Spaß darin, sich mit Text, Bild, Ton und „Jump Cuts“ auszuleben. Damit bezeichnet man die sprunghaften Schnitte, die die Nachrichten von „Was geht ab?“ zu einem dynamischen Vergnügen machen.

Das neue Format arbeitet oft mit zwei Sprechern, die sich in schnellen Schnittfolgen abwechseln. Bewegte Videoeinspielungen gibt es kaum, Korrespondentenberichte gar nicht. Es geht um Einordnung und Kommentierung. Auch die Sprache ist jugendlich, sie kennt den Jargon ihrer Zuseher und simuliert ihn nicht nur. „Im Unterschied zu echtem Fernsehen reagieren wir auf Feedback“, sagt Robin Blase, der ebenfalls moderiert und als Kanalmanager Erfahrung aus den USA einbringt.

Dass es mit Firmen wie Mediakraft nun unternehmerische Netzwerke gibt, die versuchen, solche Formate redaktionell zu professionalisieren und monetarisieren, zeigt, dass die Reichweite bei YouTube längst die kritische Masse übersteigt. Man kann dort mit vorgeschalteten Werbeclips richtig Geld verdienen. Flo und seine Freunde können Lebensunterhalt oder Studium durch YouTube finanzieren – und werden im echten Leben erkannt.

Meine Eltern haben im Urlaub angeblich einmal Thomas Roth am Strand gesichtet. Den Anchorman der „Tagesthemen“ zu treffen – das ist für sie die gleiche Erlebniskategorie, die ein Teenager erfährt, der LeFloid im Einkaufszentrum Alexa anspricht und um ein gemeinsames Foto mit ihm bittet. Wenn es um Nachrichten geht, das lehrt auch die allerjüngste Mediengeschichte, geht es immer auch um den Boten.