Aussage

„Die Idioten kümmerten sich nicht um ihn“

Im Prozess um Michael Jacksons Tod erhebt seine Ex-Frau schwere Vorwürfe gegen seine Ärzte

Ihre Aussage war mit Spannung erwartet worden, US-Klatschseiten wie etwa „TMZ.com“ wollten gar schon vorher wissen, was Debbie Rowe in dem Zivilprozess um den Tod von Michael Jackson aussagen würde. Am Mittwoch dann erschien die 54-Jährige vor dem Gericht in Los Angeles und brachte mit ihren Schilderungen tatsächlich Bewegung in das Verfahren. Rowe, die von Michael Jacksons Mutter als Zeugin benannt worden war, um dem Konzertveranstalter AEG Fahrlässigkeit nachzuweisen, schilderte ausführlich, dass der im Jahr 2009 verstorbene Sänger schon seit Jahren Schmerzmittel nahm.

Ausgangspunkt all seiner Beschwerden war ihr zufolge jene Kopfhautverbrennung, die sich Jackson 1984 bei Werbeaufnahmen für die Getränkefirma Pepsi zugezogen hatte. Bis zum Ende seines Lebens habe „Jacko“ unter den Spätfolgen des Unfalls gelitten, zahlreiche Ärzte hätten versucht, die Schmerzen mit immer neuen Medikamenten zu lindern. „Michael war sehr schmerzempfindlich, und seine Furcht vor Schmerzen war außergewöhnlich“, sagte Rowe unter Tränen. „Ich denke, die Ärzte haben ihn in der Hinsicht ausgenutzt“, so ihre klaren Worte.

Die Mediziner hätten sich in den 90er-Jahren einen bizarren Wettbewerb geliefert und sich gegenseitig mit immer neuen, noch härteren Schmerzmitteln zu übertrumpfen gesucht, so ihr bitteres Fazit. Rowe, die von 1996 bis 1999 mit Jackson verheiratet war, porträtierte sich vor Gericht als die beste Freundin und Beschützerin ihres Mannes. Jackson sei „bedauerlicherweise“ ein viel zu gutgläubiger Mensch gewesen, sagte Rowe weiter, die sich vor Gericht übrigens nicht als Krankenschwester, sondern als „medizinisch-technische Assistentin“ vorstellte.

In dieser Funktion hatte sie Jackson denn auch in den Achtzigern kennengelernt, als sie in der Praxis von Dr. Arnold Klein arbeitete, Jacksons langjährigem Hautarzt. Klein und den plastischen Chirurgen Dr. Steven Hoefflin nannte sie im Verlauf ihre Aussage dann mehrfach namentlich.

Beide, so ihre These, hätten Jackson mit gefährlichen Betäubungsmitteln in Kontakt gebracht. Die Mutter von Jacksons beiden Kindern Paris und Prince sagte laut „New York Daily News“ dann weiter: „Diese beiden Idioten machten mal dies, mal das, ohne sich wirklich um ihn zu kümmern.“ Sie selbst habe gesehen, wie Jackson das Mittel Propofol in der Praxis von Hoefflin verabreicht wurde. Zweimal sei der Sänger infolge des Beruhigungsmittels sogar ohnmächtig geworden. Ein anderes Mal, in den 90er-Jahren am Rande eines Konzerts in München, seien zwei Ärzte sogar direkt in das Hotelzimmer des Künstlers gekommen, um Jackson den lang ersehnten Schlaf zu verschaffen. Jackson nannte das Mittel später „meine Milch“.

„Was, wenn du daran stirbst?“

Die beiden Ärzte, wird Rowe in der „Los Angeles Times“ zitiert, hätten genug Behandlungsmittel mitgebracht, um das Zimmer wie einen „Operationssaal“ wirken zu lassen. Jackson sei infolge ihrer Behandlung dann, wie offenbar gewünscht, in eine achtstündige Bewusstlosigkeit gefallen. Drei Tage später habe er sich der Behandlung erneut unterzogen. Dies sei jedoch das einzige Mal gewesen, wo sie mit eigenen Augen gesehen habe, dass Jackson anästhetische Mittel bewusst genutzt habe, um zu schlafen. Sie selbst habe damals Bedenken geäußert. „Was, wenn du daran stirbst?“, hätte sie damals zu dem Sänger gesagt. „Aber er hatte schon so viele Behandlungen mit Hoefflin hinter sich, dass er sich keine Sorgen mehr machte. Seine größte Sorge war, nicht schlafen zu können.“ Jackson starb wenige Wochen vor dem Beginn seiner Comeback-Konzerte an einer Überdosis Propofol, die ihm sein damaliger Leibarzt Dr. Conrad Murray verabreicht hatte. Murray wurde bereits zu einer Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, die er derzeit noch absitzt. In dem aktuellen Prozess nun wirft die Mutter des „King of Pop“, Katherine Jackson, dem Konzertveranstalter AEG Live vor, die Gesundheit ihres Sohnes aus Profitsucht aufs Spiel gesetzt zu haben.

AEG Live hatte die für den Sommer 2009 geplanten Comeback-Konzerte organisiert, weist den Vorwurf der Fahrlässigkeit aber entschieden zurück. Der Konzertveranstalter argumentiert, dass Jacksons bereits vorhandene Abhängigkeit von Schmerz- und Schlafmitteln ihn am Ende das Leben gekostet habe. Nach Experteneinschätzung könnten Debbie Rowes Aussagen dies unfreiwillig untermauert haben.

Die Anwälte von AEG Live sehen im Konzertfilm „This Is It“ außerdem den Beweis für Jacksons künstlerische Brillanz während der letzten Proben. Der Film beschreibe fair und akkurat, wie sich Michael Jackson bei den Proben verhalten habe, versichert Verteidiger Marvin Putnam. Der Film zeige keinen Menschen, dessen Zustand sich zusehends verschlechtere. Man habe beim besten Willen nicht wissen können, dass der Star bald sterben werde, argumentiert der Konzertveranstalter.

400 Millionen Dollar Schulden

Dagegen präsentierten die Anwälte von Katherine Jackson in der vergangenen Woche E-Mails von fünf Mitarbeitern ihres Sohnes aus dem Jahr 2009, in denen Sorge um die Gesundheit des Popstars geäußert wurde. Die in dem Film gezeigten Szenen seien sorgfältig ausgewählt worden, um nur das Beste zu präsentieren. „This Is It“ kam im Oktober 2009 für zwei Wochen in die Kinos – und spielte mehr als 260 Millionen Dollar ein – also an die 200 Millionen Euro. Um die Finanzen des „King of Pop“ soll es dagegen in seinen letzten Tagen schlecht gestanden haben. Laut der „Los Angeles Times“ sagte der Finanzexperte William R. Ackermann vor Gericht aus, dass Michael Jackson zum Zeitpunkt seines Todes 400 bis 500 Millionen Dollar Schulden hatte. Die Zinsen hätten sein Vermögen aufgefressen. Jackson habe außerdem viel Geld für Wohltätigkeitsveranstaltungen ausgegeben, für Geschenke, Kunst und Möbel. „Und er gab sehr viel Geld für Schmuck aus“, so Ackermann.