Justiz

„Menschlich gesehen eine Null“

Der Geiselnehmer von Gladbeck, Dieter Degowski, bleibt weiter in Haft. Er soll aberauf seine Freiheit vorbereitet werden

Eine Dreiviertelstunde dauerte am Mittwoch der Termin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl. Dann stand fest: Dieter Degowski, einer der beiden Geiselnehmer beim Gladbecker Geiseldrama vor 25 Jahren, bleibt weiter im Gefängnis. Die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Arnsberg hat noch keine Stellungnahme veröffentlicht, Degowskis Rechtsanwältin Lisa Grüter teilte aber bereits mit, dass mit einer kurzfristigen Freilassung nicht zu rechnen sei. Immerhin, so die Juristin, habe das Gericht deutlich gemacht, „dass jetzt endlich die Entlassungsvorbereitung losgehen muss. Das dauert üblicherweise zwischen zwei und drei Jahren.“

Die Richter tragen damit einem psychiatrischen Gutachten von Norbert Leygraf Rechnung. Der Gutachter hatte sich gegen eine Freilassung des heute 57-Jährigen ausgesprochen. Degowski sei zwar therapiewillig, aber intellektuell nicht dazu in der Lage, sich therapieren zu lassen, heißt es im Gutachten. Leygraf empfiehlt eine mehrjährige Vorbereitung auf die Haftentlassung. Gegenüber der Berliner Morgenpost wollte er sich nicht zum Fall Degowski äußern.

Ob seine Anregungen für den Umgang mit Degowski umgesetzt werden, ist indes unklar. Die Strafvollstreckungskammer kann bei Degowski zwar die Entlassungsvorbereitung und Haftlockerungen empfehlen, aber nicht anordnen. Die Entscheidungsgewalt liegt beim Vollzug selbst. Dass sie in der JVA Werl von der Möglichkeit, Degowski in absehbarer Zeit freizulassen, nicht angetan sind, wurde erst Ende 2012 deutlich. Damals erklärte Anstaltsleiter Michael Skirl, Degowski habe „die Therapien bei uns nur angekratzt, und er ist dissozial. Er ist menschlich gesehen eine Null. Er ist wehleidig. Und ein klassischer Mitläufer.“

Begleitete Ausgänge möglich

Er nannte den Häftling außerdem „wenig intelligent“. Zu Degowskis hinter Gittern abgeschlossener Kochlehre sagte Skirl: „Die haben ihn nur bestehen lassen, damit er auch mal ein Erfolgserlebnis hat.“ Sein Essen habe seinen Lehrmeistern nie geschmeckt, so Skirl, der erklärte, er gehe nicht davon aus, dass Degowski bald freikommt. Jetzt muss er mit entscheiden, ob der Gladbecker Geiselnehmer tatsächlich für ein Leben in Freiheit gerüstet wird.

Nun könnten begleitete Ausgänge folgen. Möglich wäre, dass Degowski, gefesselt und bewacht von Justizbeamten, einige Stunden am Stück spazieren gehen darf. Macht er keinen Ärger, könnte er danach in Begleitung Verwandte besuchen. Dabei soll unter anderem geprüft werden, ob der Häftling den Versuchungen solcher Ausflüge widersteht. Ist das der Fall, könnten ihm mittelfristig auch unbegleitete Ausgänge gewährt werden. Tritt dann die Strafvollstreckungskammer erneut zusammen, um über die Freilassung Degowskis zu entscheiden, wären seine Chancen weitaus größer als im Moment.

Nach dem Verbrechen, bei dem 1988 zwei Geiseln und ein Polizist starben, waren Degowski und sein Komplize Hans-Jürgen Rösner vom Landgericht Essen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Bereits 2002 lehnte das Oberlandesgericht Hamm eine vorzeitige Haftentlassung von Degowski ab. Seine Mindestverbüßungsdauer wurde auf 24 Jahre festgelegt, sodass er frühestens im Januar 2013 hätte entlassen werden können. Dagegen spricht nun eine ungünstige Sozialprognose. Das Gericht ist augenscheinlich der Ansicht, dass von Degowski weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht.

Rudolf Esders war der Vorsitzende Richter im Prozess gegen die Geiselnehmer. Der 74-Jährige, der heute als Rechtsanwalt in einer Essener Kanzlei beschäftigt ist, sagte der Berliner Morgenpost: „Ich gehe davon aus, dass es noch sehr lange dauern wird, ehe Herr Degowski freigelassen wird – wenn es überhaupt dazu kommt. Er wird erst dann als ungefährlich eingestuft werden, wenn er pflegebedürftig oder dement ist.“ Diese Einschätzung gelte auch für Rösner. „Das Gericht kann in diesen Fällen nicht sagen: Im Zweifel wird es schon gut gehen. Es muss sich sehr sicher sein, dass der Häftling in Freiheit keine Straftaten mehr begeht. Allein die Tatsache, dass die Tat mittlerweile gesühnt ist, genügt nicht für eine Freilassung.“ Während Rösner, der in der JVA Aachen einsitzt, frühestens im Jahr 2016 freigelassen werden kann, hatte Degowskis Antrag auf Haftentlassung für Aufregung gesorgt. Angehörige der Opfer sprachen sich dagegen aus. Doch Dieter Degowski träumt 25 Jahre nach der Tat von der Haftentlassung. Seine Anwältin Grüter sagte, er sei nach der Anhörung „froh, dass er nun eine Chance auf Freiheit hat“.