Musiker

Kein Weg zu weit

In Deutschland ist Peter Maffay ein Star, in seiner alten Heimat Rumänien unbekannt. Dort engagiert er sich jetzt für Roma-Kinder

Nein, er wird heute nicht singen. „Es soll ja ein schöner Abend werden“, sagt Peter Maffay und grinst. Seine Augen werden dann ganz schmal, die tiefen Falten im Gesicht ziehen sich zusammen. Er wirkt weich, der harte Rocker – trotz tätowierten Oberarmen und Totenkopfring an der rechten Hand. Aber das ist ihm nicht mehr so wichtig. Wie die Musik, die in seinem Leben „eh nur noch die zweite Geige spielt“.

Peter Maffay hat viel zu tun in seiner alten Heimat Rumänien. Obwohl er ungern von „Heimat“ spricht. Aber die Gefühle kann er nicht verbergen, wenn er von seiner Rückkehr erzählt. Einer Rückkehr nach mehr als 40 Jahren. Ein Schritt, der in den 80ern, in der Hochphase des Kommunismus, für ihn undenkbar war. Das Kapitel war abgeschlossen, zu schmerzhaft die Erinnerung an die Schikanen, denen seine Familie (die Mutter eine Deutsche, der Vater ein Regimegegner ungarischer Abstammung) durch die Securitate in Kronstadt/Brasov ausgesetzt war. Totschweigen als Form der Vergangenheitsbewältigung, so war das bei den Makkays (wie der Name der Familie richtig heißt).

Roades, ein Dorf zwischen Kronstadt und Schäßburg. Die Siebenbürger Sachsen, die dort ihre Heimat hatten, nannten es Radeln. Nach der Wende 1989 sind fast alle ausgewandert. Heute leben dort nur noch Roma-Familien und ein paar alte Sachsen. Peter Maffay sitzt auf einer einfachen Holzbank und erinnert sich daran, wie es damals war, als er Anfang der 2000er-Jahre zurückkam. Mit 14 hatte er Rumänien mit seinen Eltern verlassen, mit Ende 50 wollte er „zurück zu seinen Wurzeln“. Es war kein eigener Impuls, sondern das Insistieren einer Freundin. Er müsse wieder nach Siebenbürgen, er müsse sich das Land anschauen, sagte sie ihm. Ein Land ohne Kommunismus. Und dann ließ er sich breitschlagen. „Warum nicht?“, dachte er.

Als er in Kronstadt ankam, erinnerte er sich an die deutschen Touristen, die früher von rumänischen Kindern umzingelt wurden, die nach Kaugummi und Abziehbildern verlangten. „Wenn meine Augen verbunden gewesen wären, ich hätte den Geruch von Kronstadt erkannt.“ Die ersten rumänischen Sprachfetzen nach so vielen Jahren machten ihn lebendig, erzählt er. „Und das Komische: Ich hab’s gut gefunden.“ Ein paar Monate später fuhr er mit deutschen Freunden ins Kronstädter Umland. „Auf einer Anhöhe ließen wir die Motorräder stehen. Ich schaute ins Tal und wusste in dem Moment: Von hierher komm ich.“

Maffay ist beseelt, wenn er von der Wiederentdeckung der Stadt seiner Kindheit erzählt. Er kann sich genau erinnern, wo er in der Mittelgasse gewohnt hat und dass er keine Lust auf Schule hatte. Wer nach Roades will, braucht ein solides Auto oder einen stabilen Pferdewagen. Drei Kilometer Schotterweg müssen von der Hauptstraße, die Kronstadt mit Schäßburg verbindet, erst einmal zurückgelegt werden. Im Sommer stört nur der Staub, der aufgewirbelt wird. Im Winter, wenn Schnee liegt, ist es fast unmöglich, das Dorf zu erreichen.

Als Maffay vor zwei Jahren hierherkam, war die Gemeinde für ihn eine Offenbarung. Zehn Kirchenburgen wollte er sich anschauen, um einen geeigneten Ort für sein Projekt für traumatisierte Kinder zu finden. Aber in Roades, der dritten Burg, war Schluss – er hatte seinen Platz gefunden. Den Platz für eine „persönliche Vision“, wie er sie nennt und die er in diesem Roma-Dorf ausleben kann. Er will helfen im Land, mit dem er sich versöhnt hat.

Maffay setzt sich auf die Treppe der Kirche. Die Sonne glüht an diesem Mittag im August. „Dieser Stein, auf dem ich sitze, Hunderte Jahre alt, fühlt sich für mich besonders an.“ Der in Rumänien geborene, in Deutschland aufgewachsene, in Spanien und bei München lebende Maffay nennt sich am liebsten einen „Staatenlosen“. Aber hier, in Roades, entdeckt er eine Verbindung zur Tradition. Sogar am Gotteshaus – obwohl er aus der Kirche ausgetreten ist. Gott ja, Konfession nein. Bloß kein Zwang, keine Obrigkeit. Maffay ist ein Makkay.

„Alles im Leben hat seine Zeit, heißt es in einem Tabaluga-Lied – so ist es auch bei mir.“ Jetzt sei die Zeit, in einem Roma-Dorf Kindern einen Ort zu bieten, an dem sie sich nach Schicksalsschlägen erholen, mit Pflanzen und Tieren umgehen und soziales Verhalten lernen können. Wenn Maffay durch die verstaubten Straßen läuft, wird er alle paar Meter begrüßt, „buna ziua, domnu’ Peter“, „Guten Tag, Herr Peter“. Die Leute reden mit ihm. Ein Mann in einem roten Auto hält an und erzählt von einem Problem mit seinem Zaun, ob ihm „domnu’ Peter“ helfen könne. Maffay spricht Rumänisch mit ihm, hört sich alles geduldig an und verspricht ihm Unterstützung.

Dann geht er weiter, er muss die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung des Erlebnisbauernhofes koordinieren. Dort sollen Kinder die Natur neu entdecken, ihnen wird gezeigt, wie Obst und Gemüse wachsen, wie Pferde und Kühe gehalten werden. Aus einem Transporter müssen für die Küche Lebensmittel und Wasser ausgeladen werden. Maffay packt an, trägt ein paar Kisten ins Haus. Mit 64 wirkt er extrem fit. Man sieht ihm an, dass er regelmäßig Sport treibt und diszipliniert lebt. Den Kettenraucher und Whiskytrinker Maffay gibt es nicht mehr. Und was ist mit dem Biker Maffay? „Ich habe hier einen Unimog. Wenn mich die Lust packt, fahre ich eine Runde durchs Dorf.“

Der Mittelpunkt von Roades ist an diesem Freitag das Pfarrhaus. Dort hat Peter Maffay sein Hauptquartier. Er blickt von der Terrasse auf das Dorf im Tal und die Berge drum herum. „Der Pfarrer hat genau gewusst, warum er hier wohnt. Von hier aus hatte er seine Schäfchen alle im Blick.“ Aus der Musikanlage, die für das Richtfest aufgebaut wurde, ertönt „Sonne in der Nacht“. Peter Maffay wird heute Abend nicht singen. Es gibt Wichtigeres zu tun.