Ausstellung

Verlorene Tochter

Das Jüdische Museum in London zeigt Stücke und Fotos der verstorbenen Sängerin Amy Winehouse

Amy Winehouse hatte ihr Revier im Londoner Stadtteil Camden, zwischen Pubs und Plattenläden, einheimischen Bohemiens und europäischen Touristen. Ihre letzte Wohnung lag am Camden Square, wo sie im Sommer vor zwei Jahren an einer akuten Alkoholvergiftung starb. Mit 27 Jahren. Ebenfalls im Viertel, in der Albert Street, befindet sich das Jüdische Museum. Gleich hinter dem „Earl Of Camden“, einem Pub, an dessen Außenwand ein Straßenkünstler Amy Winehouse als Ikone auf den Putz gepinselt hat, samt Heiligenschein ums Haar und ihrem auf die Schulter tätowierten Hufeisen mit dem Bekenntnis „Daddy’s Girl“.

Im Jüdischen Museum zeigt ihre Familie nun ihre privaten Hinterlassenschaften. Im Foyer empfängt einen ihr weltberühmtes Karokleid. „A Family Portrait“, die Ausstellung, wartet im dritten Stock unter dem Dach. Man steigt die Treppen hoch, vorbei an religiösen Wandteppichen, einem Ritualbad, einer Büste von Chaim Weizmann. Niemand weiß, ob Amy Winehouse das Museum je betreten hat. Erahnen kann man allenfalls, wie jüdisch sie sich fühlte. Ihre Urgroßeltern waren weißrussische Juden, die im 19. Jahrhundert eingewandert waren. In den Ästen ihres Stammbaums stehen Namen wie Pupatovic und Cohn. Ihr Urgroßvater Benjamin betrieb im Londoner Osten den Friseursalon „Ben’s Barber Shop“. Die Zeugnisse gelebten Judentums sind spärlich: ein Pulli der Jewish Lads’ and Girls’ Brigade, ein Foto ihres älteren Bruders mit Bar-Mizwa-Schal und ein Geschenk des Bruders, „The Book Of Jewish Food“. Dem Kochbuch hatten Amys Weggefährten, Musiker und Manager die Hühnersuppe zu verdanken, die sie ihnen unablässig vorsetzte. Ein ungenießbares Gebräu, darin sind sich die Hinterbliebenen einig.

Jüdische Wurzeln bilden Rahmen

Aber es geht auch nicht um das Jüdische an Amy Winehouse. Die Familienwurzeln bilden lediglich den Rahmen. Mitch und Alex Winehouse, Vater und Bruder, haben dem Museum die Erinnerungsstücke für einen Sommer überlassen. Vor zwei Jahren hatte Mitch, der weißhaarige Taxifahrer, die Garderobe seiner Tochter an die Trauernden vor seiner Tür noch großzügig verteilt. Die Wäsche war bei Ebay wiederaufgetaucht. Hier wird nun pietätvoller und menschlicher getrauert. Man kann an die Tote adressierte Botschaften („Sleep well!“) auf grüne Zettel schreiben, an eine Gendenkwand kleben und sich damit selber trösten. Dann steht man vor einer Tafel, mit der Alex Winehouse die Besucher einstimmt: „Dies ist kein Mahnmal. Amy mag die berühmteste Person unserer Familie gewesen sein, doch sie war nie ihr Zentrum. Keiner von uns ist das. Wir sind eine Familie mit einer bunten und bewegten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kinder werden geboren, sie werden älter, und dann sterben sie. Dies sind Schnappschüsse von einem kleinen Kind des Londoner Nordens mit großen Talenten.“

Amy Winehouse hatte das Talent, mit 20 Jahren schon wie eine 70-Jährige zu singen. Bereits als sie zwölf war, schrieb sie an eine Theaterschule: „Ich möchte berühmt werden. Die Menschen sollen ihre Sorgen vergessen, wenn sie meine Stimme hören. Ich will, dass sich die Menschen an meine ausverkauften Konzerte erinnern. Ich will, dass sie sich an mich erinnern.“ For beeing just … me. So steht es handschriftlich auf einer weiteren Tafel. Aus ihrem Besitz stammen zwei leere Vogelkäfige, von denen einer kurzzeitig bewohnt gewesen sei, von einem jung verstorbenen Kanarienvogel. Es gibt reichlich Kram zu sehen von den umliegenden Trödelmärkten: Kleider, Schuhe, ein Kofferradio aus den 50ern und eine Hausbar aus den 60ern, Sammlungen von Kühlschrankmagneten und Sudoku-Heften.

Gelesen hat Amy Winehouse Bücher von Vladimir Nabokov und Hunter S. Thompson. An der Wand hängt ihre Liste für ein „Chill-out Tape“, die Stücke laufen dazu: Frank Sinatra selbstverständlich und Ella Fitzgerald, aber auch ein Mickymaus-Marsch und „Alive“ von Pearl Jam. Die größte Retrosängerin der Popgeschichte war auch nur ein Mädchen ihrer Zeit.

Selbst Heiligtümer wie das blaue Plastikblumenkleid vom Festival in Glastonbury, ihre erste Weißpressung und die Gitarren denkwürdiger Auftritte verlieren in der Ausstellung jede reliquienhafte Aura. Da steht der postume Grammy, für die letzte Aufnahme mit Tony Bennett: bloß ein miniaturisiertes Grammofon-Modell auf einem Holzklotz. Da ist ein CD-Rohling, beschriftet mit dem Namen Human Blues, der Band von „Felicks, Matt + Amy“, und bemalt mit Edding-Herzen. Die Banalität der Andenken. Die Popkultur verklärt den frühen Tod zum Meister unendlichen Ruhms und ewiger Jugend. Sogar Janis Winehouse, Amys Mutter, sagte neulich in der „Sun“: „Ich konnte mir Amy nie als ältere Person vorstellen. Mir war klar, dass sie keine 30 wird.“

Winehouse im „27 Club“

In Hamburg auf der Reeperbahn ist eine Doppelgängerin gerade im Musical „The 27 Club“ zu sehen. Amy Winehouse tritt darin mit Janis Joplin, Kurt Cobain, Jim Morrison und allen anderen für immer 27-Jährigen auf, als wäre deren früher Tod ihr größter Hit. Was nach der Popgeschäftslogik auch zutrifft. Hier im Jüdischen Museum in London erzählt jedes einzelne Stück die Wahrheit: Hier ging keine Künstlerin an ihrer Kunst zugrunde, sondern eine Sängerin an ihrer Sucht. Ein öffentliches Mädchen.

Auf die rechte Schulter hatte Amy Winehouse sich ein Jugendbildnis ihrer Oma Cynthia stechen lassen. Sie, das Scheidungskind, war stolz auf die Familie ihres Vaters, in der gern gesungen und getanzt und das Exzentrische geschätzt wurde. Dieser Zweig ihrer Familie holt sie nun in London heim. Da sind auch ihre Snoopy-Comics und die Dr.-Seuss-Bände, in denen sie als Kind gern geblättert hat. Sie liegen in der Nähe eines schwarzen Reisekoffers, ihres Schreins für die Familienfotos. Er stand neben ihr und offen, als man sie in ihrer Wohnung fand. In Camden würde Amy Winehouse heute über die Getränkepreise im „Good Mixer“ staunen und über das Denkmal, das sie ihr im Herbst errichten wollen. Sie würde um die verschwundenen Plattenläden trauern. Ihre Ausstellung endet am 14. September, denn am Tag darauf wäre sie 30 Jahre alt geworden.