Fernsehen

Flüchtlingsleben als Reality-Show

Das ZDF schickt für Dokureihe C-Promi und Ex-Nazi in Asylantenheime

Man stelle sich vor, das Öffentlich-Rechtliche wollte es den Privaten mal so richtig zeigen. Das ZDF wollte auch mal anständig Quote machen und das Konzept von Reality-Shows à la „Big Brother“, „Dschungelcamp“ oder „Frauentausch“ klauen, dem Ganzen aber einen seriösen Anstrich verpassen. Welches Szenario könnte man wählen? Ein drängendes politisches Problem vielleicht, etwas, das einer gewissen nachrichtlichen Aktualität nicht entbehrt. Das Thema Flüchtlinge zum Beispiel.

Man stelle sich also vor, das ZDF wählte sechs Protagonisten – einen Ex-Nazi, einen Ex-Bundeswehrsoldaten, einen -Fan, ein C-Promi-Blondchen, eine türkischstämmige Sozialarbeiterin und ein Ex-Böhse-Onkelz-Mitglied – und begleitete diese krude Crew auf einer „Reise ins Ungewisse“. Die sechs würden „auf Zeit“, müssten sich auf den Weg machen in die Heimat der Menschen, die nach Deutschland fliehen: in Asylbewerberheimen schlafen, einen Schlepper finden, sich über das Mittelmeer bis nach Eritrea oder in den Irak durchschlagen. Und dieser „Challenge“ gäbe das ZDF dann den Titel „Auf der Flucht – das Experiment“. Eine bösere Satire könnte man sich wohl kaum ausmalen.

Das Problem: Es ist gar keine Satire. Diese Sendung gibt es tatsächlich. Das ZDF strahlt die vierteilige Doku-Reihe seit dem gestrigen Donnerstag auf seinem Jugendsender ZDFneo aus. Die Filmemacher haben die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt: „Team Nahost“ und „Team Afrika“. Begleitet werden sie von einem Nahostexperten, der ihnen als Erstes die Handys abnimmt und sie in ein deutsches Asylbewerberheim verfrachtet. Dort spielen sich irrwitzige Szenen ab, wenn die Versuchskaninchen auf echte Flüchtlinge losgelassen werden. „Ich hab in meinem Leben noch nie Krieg mitgemacht“, eröffnet Mirja du Mont, 37, – die vierte Ehefrau von Sky du Mont – den Smalltalk mit einem Mann aus Eritrea, der im Krieg seinen Bruder verloren hat. „Wie war das so für dich?“, fragt das Model.

Es bleibt das Rätseln über die Motivation des ZDF? Man wolle herausfinden, warum Flüchtlinge ihr Zuhause und ihre Familien für immer verlassen, verkündet ein Sprecher aus dem Off. Dazu hätte der Sender freilich nicht diese sechs Figuren auftreiben müssen. Flüchtlinge gibt es genug. Sie hätte man auf ihrem Weg begleiten können. Bereits das Wort „Experiment“ ist zynisch: Für Hunderttausende Menschen ist das bittere Realität, die sie nicht abbrechen können.

Nein, hier geht es nicht um Aufklärung, sondern um Quote. Warum sonst dieser reißerische Stil, der Kino-Sound, die explosive Mischung der Charaktere, die die Macher von „Dschungelcamp“ und „Big Brother“ nicht besser hätten casten können? RTL hält seine Protagonisten wenigstens räumlich von Menschen mit echten Problemen fern und macht kein Hehl aus seiner Quotengier. Diese versucht das ZDF mit einer angeblich hehren Motivation zu verschleiern. Das reale Leid in dieser Reality-Show ist schon schwer genug auszuhalten. Das öffentlich-rechtliche Gutmenschentum aber überschreitet die Grenze des Erträglichen.

Dafür hat sich das ZDF einen gehörigen Shitstorm verdient. Und eine Diskussion mehr darüber, warum man 17,98 Euro im Monat bezahlen soll für Formate, in denen aufmerksamkeitssüchtige Möchtegernabenteurer Flüchtlingen im Asylbewerberheim das Essen wegessen und ihre Nasen über dreckige Toiletten rümpfen.