Meisterhaft

103 Millionen Euro in 45 Sekunden

Cannes lebt von Superreichen. Das lockt Super-Diebe an.Eine Tatortbegehung an der Côte d’Azur

Das Uhrengeschäft Kronometry liegt an der Croisette genau gegenüber dem Festivalpalast, es ist auf Luxus-Armbanduhren spezialisiert und hat deshalb vorsichtshalber Vitrinen aus Panzerglas und eine Sicherheitsschleuse installiert. Der Mann, der die Schleuse am Mittwochmorgen gegen 10.30 Uhr betrat, trug einen Hut und einen Schal. Die Temperatur lag knapp unter 37,5 Grad. Ein skeptischer Angestellter des Geschäfts bedeutete dem nicht saisongerecht Gekleideten deshalb durch die Sprechanlage, die Kopfbedeckung abzunehmen. Im Laden zückte der Mann trotzdem eine Handgranate und veranlasste so die Angestellten, einem Komplizen die Tür zu öffnen, der mit einer Pistole bewaffnet war. Die beiden Täter – beide Anfang 20 – fesselten eine Angestellte und rafften rund 150 Uhren zusammen, bevor sie zu Fuß flüchteten. „Tut mir leid, aber es liegt an der Krise“, rief der humorvollere der beiden Täter den geschockten Verkäuferinnen noch zu.

Der Überfall ereignete sich 72 Stunden nachdem wenige Hundert Meter weiter östlich auf der Croisette ein einzelner Täter eine Verkaufsausstellung des Diamantenhändlers Lew Lewiew im Luxushotel „Carlton“ überfallen hatte. Das „Carlton“, eines der berühmtesten Luxushotels an der Côte d’Azur, feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Passend zum Jubiläum erlebte der BelleÉpoque-Palast einen Jahrhundertüberfall: Der Dieb soll mit einer Beute im Wert von 103 Millionen Euro geflohen sein. Während man es im Fall des Uhrenladens Kronometry mit krisenspezifischer Gelegenheitskriminalität zu tun zu haben scheint, dringt der Coup im „Carlton“ in eine andere Dimension vor. Der Wert des Raubguts übertrifft den bislang größten Juwelenraub in Frankreich aus dem Jahr 2008, als sechs maskierte Täter den Juwelier Harry Winston in der Pariser Avenue Montaigne um Preziosen im Wert von 80 Millionen Euro erleichterten.

Spektakuläre Diebstähle im Trend

Der Juwelendieb im „Carlton“ betrat den Ausstellungspavillon am linken Flügel des Gebäudes exakt in jenem Moment, als Lewiew-Mitarbeiter die Juwelen aus ihren Kassetten in die Auslagen befördern wollten. Er trug Handschuhe, eine Baseballkappe, einen Schal vor dem Gesicht – und eine halb automatische Pistole. Damit hielt er drei Sicherheitskräfte, zwei Verkäufer und einen Lewiew-Manager in Schach. Er ließ 72 diamantenbesetzte Schmuckstücke, darunter 34 sogenannte Ausnahmestücke – die fast 100 Millionen der Gesamtsumme ausmachen –, in eine Sporttasche packen, warf die Tasche dann aus einer Glastür an der Seite des Gebäudes, die in die Rue François Einesy führt, und sprang hinterher. Das Ganze dauerte 45 Sekunden. Dann verschwand er – in Shorts, wie ein gewöhnlicher Tourist – in Richtung der Einkaufsstraße Rue d’Antibes. Kriminalitätsexperten wie Frédéric Ploquin gehen davon aus, dass der Mann sehr gut über den Ablauf im „Carlton“ Bescheid wusste: „Er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Mir scheint, der Mann war fast zu gut informiert“, sagte Ploquin im Sender BFM-TV.

Auch wenn sich beide Taten in ihrer Ausbeute und in ihrer Machart unterscheiden, sind sie Teil desselben Trends: Die Zahl spektakulärer Diebstähle an der Côte d’Azur nimmt zu. In die Kronometry-Boutique war bereits im Februar eingebrochen worden. Damals wurden ebenfalls rund 150 Uhren im Wert von etwa einer Million Euro entwendet. Im Mai dann wurde einer Angestellten der Schmuckfirma Chaumet während der Filmfestspiele ein 1,4 Millionen Euro teures Collier aus dem Safe ihres Hotelzimmers im Hotel „Novotel“ in Cannes gestohlen. Kurz darauf raubte ein Dieb ein weiteres zwei Millionen teures Schmuckstück des Schweizer Juweliers de Grisogono während einer Gala im Hotel „Eden-Roc“ am Cap d’Antibes. Während der Filmfestspiele verleihen zahlreiche Schmuckhersteller den Stars ihre Kreationen für deren Auftritte auf dem roten Teppich. Vom Werbeeffekt zehren beide Seiten. Dass die Hotelsafes der Stadt in dieser Zeit mit besonders wertvollen Schmuckstücken gefüllt sind, hat sich mittlerweile in interessierten Kreisen herumgesprochen.

Hohe Luxusdichte auf 500 Metern

Doch auch außerhalb des Filmfestivals ist Cannes eine Jetset-Destination. Im Sommer verdreifacht sich die Bevölkerung des Küstenstädtchens auf rund 200.000 Einwohner. Und in kaum einem Ort drängen sich die Filialen der Luxusanbieter auf so engem Raum. Auf den 500 Metern zwischen der Kronometry-Filiale und dem „Carlton“ passiert man die Filialen von Chaumet, Chopard, Omega, Rolex, Boucheron, Bulgari, Hermès und Cartier. Jede dieser Luxusboutiquen könnte das nächste Ziel sein. Entsprechend steigt die Nervosität. Der Kronometry-Geschäftsführer Walter Ronchetti forderte am Mittwoch nach dem Überfall auf seinen Laden die politisch Verantwortlichen auf, „endlich die Augen zu öffnen“, sonst drohe eine Abwanderung der Luxushersteller von der Croisette. „An dem Tag, an dem es keine großen Marken mehr auf der Croisette gibt, wird Cannes nicht mehr Cannes sein.“

Doch der doppelt beraubte Ronchetti stand da womöglich noch leicht unter Schock. Bislang macht nämlich noch niemand Anstalten, die prestigeträchtige Croisette, wo Quadratmeterpreise um die 30.000 Euro gezahlt werden, aufzugeben. Die Direktion des „Carlton“ verweigert bislang jeden Kommentar zu dem Überfall. Auch das Personal ist angehalten, zu schweigen. In der Bar hinter der Lobby hängt ein Bild, das an den berühmtesten Film erinnert, der in dem Hotel gedreht wurde. Auf Französisch heißt er „La main au collet“, auf Deutsch „Über den Dächern von Nizza“. In dem Hitchcock-Klassiker bezirzt der geläuterte Juwelendieb Cary Grant Grace Kelly. Unter den aktuellen Umständen strahlt dieses Dekorelement einen Hauch von Ironie aus.

Gleich neben dem „Carlton“, in der Rue François Einesy liegt die Wechselstube Miramar. Ihr Geschäftsführer heißt Frédéric und möchte seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen. Die hohe Zahl von Superreichen auf engem Raum ziehe auch Schurken an. Frédéric, dessen Wechselstube auch schon mehrmals ausgeraubt wurde, sieht die Sache provenzalisch-fatalistisch. Eine Massenflucht der Luxusanbieter befürchtet er nicht. Solange die Reichen weiterhin kämen, blieben die Luxusanbieter auch. Cannes sei eigentlich vergleichsweise ungefährlich. Selbst die Sicherheitsdiskussion, die nun geführt werde, werde wenig ändern, vermutet Frédéric: „Glauben Sie im Ernst, ein saudischer Prinz hat Lust, im Hotel erst einmal durch einen Bodyscanner zu steigen, bevor er Diamanten kaufen geht?“