Wacken Open Air

Die Provinz bebt

Der Auftakt des Heavy-Metal-Festivals in Wacken wird vom Tod eines Fans überschattet. Gemeinsamer Auftritt von Heino und Rammstein

Mauern durchbrechen, Barrieren niederreißen, auf die Barrikaden gehen, den Autoritäten mal so richtig den Marsch blasen – das Motiv des Freiheitskampfes taucht in unzähligen Metal-Songs auf. „Breaking the Law“ von den Säulenheiligen Judas Priest etwa könnte man mit einigem Recht als Marseillaise aller Musik-Extremisten bezeichnen. Auf dem Wacken Open Air (WOA), das derzeit vom 1. bis 3. August in den schleswig-holsteinischen Prärien stattfindet, kann von Barrierefreiheit indes keine Rede sein: Insgesamt 40 Kilometer Bauzaun trennen nicht nur den 42.000 Quadratmeter großen Innenbereich mit den beiden gigantischen Hauptbühnen, wo am Donnerstag bis zu 75.000 Rockfans vor Bands wie Deep Purple oder Rammstein aufmarschierten, von den restlichen 220 Hektar Festivalgelände, wo sich das bei solchen Veranstaltungen übliche Lagerleben abspielt.

Krabbencocktails und Wildpinkler

Abgetrennt sind auch ein Pressebereich, für die aus aller Welt angereisten Journalisten, ein eigenes „Artist-Village“, wo mutmaßlich die Bands und ihre Entourage sich an Krabbencocktails laben und im Champagner baden, sowie Rückzugsbereiche für die zahlreichen Händler und Bediensteten der Mammutveranstaltung. Durch Zäune geschützt sind auch die umliegenden Maisfelder vor Wildpinklern. Manche sagen, es sei andersherum, etwas lebe dort im Korn. So weit, so sicher.

Doch deutsche Zaunkultur blüht vor allem auch auf den Zeltplätzen der gewöhnlichen Besucher. Pflöcke werden eingerammt und die abgesteckten Claims mit rot-weißem Flatterband abgeteilt. Nicht dass am Ende noch ein Fremder wild im eigenen Vorgarten campt. Sogar vereinzelte Jägerzäune sind zu sehen. Schallten von den Parzellen nicht lautstark Slayer-Songs auf die schlammigen Wege, man fühlte sich glatt auf die Dauercampingplätze mitteldeutscher Urlaubsregionen versetzt, wo Tauben züchtende Ruheständler aus dem Ruhrgebiet hinter als Sichtschutz dienenden Geranienstauden die Sommermonate zu verbringen pflegen.

Auch manche Wacken-Camper scheinen das übrige Jahr mit den Vorbereitungen auf den Heavy-Metal-Urlaub zu verbringen, so aufwendig sind manche Camps gestaltet. „AusRastplatz“ steht auf dem zweckentfremdeten Verkehrsschild über dem Durchgang, der auch vor einer texanischen Ranch nicht fehl am Platze wäre. Dahinter dutzende Bierbänke die von ausladenden Tarnnetzen beschattet werden, etwa ein Dutzend Zelte mit Schlaf-, Wohn- und Lagerbereichen. Ein mit Sofas ausgestatteter seitlich offener Bauwagen ist ebenfalls dabei. Schon am Montag sei man angereist, um sich diesen Platz direkt gegenüber dem Eingang zum Bühnenbereich zu sichern, berichtet der selbst ernannte Platzwart. Er spricht leicht verwaschen.

Die Nachbarn gegenüber haben gleich einen ganzen Friedhof aufgebaut. Es gibt ein Grab für „Alf“, der laut Grabinschrift nach übermäßigem Biergenuss fröhlich dahingeschieden sein soll. Daneben ist ein Sarg aufgebaut, „Wacken, wir sind wieder da“, steht darauf als letzter Gruß. Die Lebenden winken mit Trinkhörnern – über den Zaun.

Ein paar Meter weiter betätigen sich ein paar Jungs an einer mitgebrachten Hantelbank, man muss zwischendurch schließlich auch was für seine Gesundheit tun. Drei Männer in neongelben Tankinis haben das Training in letzter Zeit hingegen offenbar vernachlässigt. Weniger Zeigefreudige stehen am Fanartikel-Stand um die beliebten WOA-Shirts mit dem Stierschädel-Emblem an, das aber auch noch alle möglichen anderen Produkte ziert, vom Regencape über Papphocker bis zum Mineralwasser (ob da eigentlich Schwermetalle drin sind?). Der Renner ist allerdings das Auto-Fan-Set mit Überziehern für Rückspiegel und Nackenstütze, Wimpeln und Scheibenaufklebern. Was es offenbar noch nicht gibt, ist der offizielle Wacken-Zaun. Ein Verkaufsschlager wäre er.

Am Abend ist es dann so weit: Heino hat seinen Überraschungsauftritt. Ein bisschen wie ein Fremdkörper wirkt er ja doch, als er plötzlich lächelnd zwischen den grimmig dreinblickenden Rockern von Rammstein steht. Der Schlagersänger hat sich für einen auffallend roten Mantel entschieden. Zur Garderobe von Rammstein-Sänger Till Lindemann gehören eher die dunklen Töne. Rot wird es bei der Rammstein-Show, wenn Lindemann wieder mit Kunstblut hantiert. Aber: Wacken vereint. Hier die Band, die Lieder wie „Bück dich“ im Repertoire hat. Dort der 74-jährige Heino, der für Schunkler à la „Blau blüht der Enzian“ bekannt ist – selbst wenn er ein Rock-Album aufgenommen hat. Gemeinsam stehen sie vor Zehntausenden „Metalheads“ auf der Bühne.

Toter in Zelt gefunden

Einige hartgesottene Rammstein-Fans schütteln erkennbar den Kopf, als der Überraschungsauftritt vorüber ist. Insgesamt sind die Reaktionen aber freundlich, wenn auch eher verhalten. Heino bekommt artig Applaus. Das hat auch den Grund, dass in Wacken lockere Spaßmusik keine Seltenheit ist.

Am Freitag überschattet dann die Nachricht vom Tod eines Festivalbesuchers das muntere Treiben: Rettungskräfte fanden den 52-Jährigen leblos alleine in seinem Zelt – sie konnten aber nichts mehr tun. „Es gibt bislang keine Anzeichen auf Drogen- oder Alkoholmissbrauch“, hieß es. Da die Polizei auch einen Unfall oder ein Verbrechen ausschließe, könnte der Mann auf natürliche Weise gestorben sein, wurde vermutet. Der polnische Staatsbürger soll nun in der Pathologie in Itzehoe untersucht werden, um das zu prüfen. Im vergangenen Jahr hatte es ebenfalls einen Toten beim wohl weltgrößten Heavy-Metal-Festival gegeben: Er war auf einem Autoanhänger eingeschlafen und starb an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Auch diesmal lief das Programm weiter.