Zugunglück

Lokführer soll vor dem Unfall telefoniert haben

Schnellzug in Spanien ist vermutlich entgleist, weil Francisco José Garzón Amo abgelenkt war

Für Julio Gómez-Pomar, den Präsidenten der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe, steht der Schuldige für die Todesfahrt schon jetzt fest. „Der Fahrer kannte die Kurve zur Genüge, er hat sie schon 60 Mal befahren“, so Gómez-Pomar. Die Kurve liegt vier Kilometer hinter dem eigentlichen Ende der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Madrid nach Santiago de Compostela. Auf diesem Abschnitt, kurz vor der Einfahrt nach Santiago, wird der Verkehr von konventionellen Signalen gesteuert, somit ist der Lokführer und niemand sonst für das Tempo verantwortlich.

Die Zahl der Todesopfer ist inzwischen auf 79 gestiegen. Wie die Regionalregierung von Galicien mitteilte, erlag ein weiterer Mensch am Sonntag im Krankenhaus Hospital Clínico seinen schweren Verletzungen. Vier Tage nach dem schweren Unglück wurden am Sonntag noch 70 der 178 Verletzten in Krankenhäusern behandelt. 22 Menschen seien noch in einem kritischem Zustand, hieß es.

Lokführer Francisco José Garzón Amo wurde am Sonntag einem Richter vorgeführt. Wie konnte es einem erfahrenen Lokführer passieren, derart schnell in eine Kurve zu preschen? Wie die spanische Tageszeitung „ABC“ spekuliert, könnte ein Telefongespräch Garzón Amo kurz vor der Einfahrt in die Kurve abgelenkt haben. Der 52-Jährige besaß ein privates und ein Diensthandy. „Wir werten die Gespräche aus, werden aber keine Stellungnahme gegenüber der Öffentlichkeit abgeben, sondern die Ergebnisse dem Untersuchungsrichter mitteilen“, sagte ein Polizeisprecher der Berliner Morgenpost.

Am Sonnabend hatte Innenminister Jorge Fernández Díaz die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen Garzón bekannt gegeben. Am Sonntag sollte er dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. „Es gibt Grund zu der Annahme, dass er für das, was geschehen ist, verantwortlich sein könnte“, sagte Díaz über den Bahnangestellten. Bei seiner ersten Vernehmung im Krankenhaus hatte der Mann, dem fahrlässige Tötung in 79 Fällen vorgeworfen wird, die Aussage verweigert. Allerdings hatte sich der Lokführer unmittelbar nach dem Unfall selbst beschuldigt. In einem Funkspruch an den Notdienst des staatlichen Bahnnetzbetreibers Adif hatte er durchgegeben, 190 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer gefahren zu sein.

„ABC“ spekuliert, Garzón, der während der Fahrt mehrmals die Waggons abgelaufen habe, habe erst gebremst, nachdem der Zug bereits aus dem Gleis gesprungen war. Hätte er vorher gebremst, wären Funken gesprungen, und bei der Lok wäre Rauch hochgestiegen, zitiert „ABC“ einen Ermittler. Auf den Aufnahmen der Sicherheitskameras, die den Hergang des Unfalls dokumentierten, war davon nichts zu sehen.