Todesfahrt

„Er hat die Kurve schon 60 Mal befahren“

Der Lokführer schweigt, Spanien rätselt: Was passierte in den letzten Minuten vor dem Zugunglück?

Für Julio Gómez-Pomar, den Präsidenten der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe, steht der Schuldige für die Todesfahrt fest. „Der Fahrer kannte die Kurve zur Genüge, er hat sie schon 60 Mal befahren“, so Gómez-Pomar. Die Kurve, in der 78 Menschen, darunter zehn Kinder, den Tod fanden, liegt vier Kilometer hinter dem eigentlichen Ende der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Madrid nach Santiago de Compostela. Auf diesem Abschnitt, kurz vor der Einfahrt nach Santiago, wird der Verkehr von konventionellen Signalen gesteuert, somit sei der Lokführer und niemand sonst für den Bremsvorgang verantwortlich.

Francisco José Garzón del Amo wurde inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen – und sogleich wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung in 78 Fällen in Gewahrsam genommen. Das Justizministerium hatte zuvor erklärt, dass der für Sonnabend geplante erste Auftritt des Lokführers vor einem Richter auf Sonntag verschoben worden sei. Bisher hat der 52-Jährige die Aussage verweigert. Spanischen Medienberichten zufolge hat ihm sein Anwalt dies geraten. Allerdings liegt ein schwerwiegender Beweis gegen den Lokführer vor: Direkt nach dem Unfall hatte er noch per Funk an den Notdienst durchgegeben, 190 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer gefahren zu sein. Nun müssen die Ermittler auf die Auswertung des Fahrtenschreibers warten, um weitere Aufschlüsse zu erhalten.

Derweil verteidigen die Mitglieder der Lokführergewerkschaft Semaf und Freunde den Angeklagten. Garzón sei ein toller Mensch, beruflich wie persönlich, jemand, der seine Pflicht stets erfüllt, so ein Kollege, der Garzón aus Kindertagen kennt und wie er aus dem galicischen Ort Monforte stammt, gegenüber der Tageszeitung „El País“. „Ich zahle Ihnen 50 Euro für jede Person, die sie finden, die schlecht über ihn spricht.“ Der Kollege Manuel Mata, der ebenfalls die Strecke Madrid–Ferrol mit dem Alvia-Schnellzug befährt, ergänzt: „Was passiert ist, ist nicht allein Garzóns Schuld.“ Kurz vor der Kurve A Grandeira müsse man von 200 auf 80 Kilometer herunterbremsen, doch nirgendwo stehe ein Hinweis, dass jetzt abrupt gebremst werden müsse, sagte der Mann spanischen Medien. Hätte am Bahnhof von Santiago das automatische ERTMS-Kontrollsystem funktioniert, dann hätte die Katastrophe vermieden werden können, so der Kollege. Am Unglücksort wachte jedoch lediglich das auf konventionellen Zugstrecken verwendete ASFA-Signalsystem, das den Zug nur bremst, wenn er über 200 Stundenkilometer fährt.

In Santiago wird noch an der Identifikation der Toten gearbeitet, bei dreien steht die Identität noch nicht fest. Die meisten Opfer stammen aus Galizien, elf aus Madrid, fünf aus Südspanien. Unter den Toten sind aber auch Menschen aus Mexiko, Algerien, der Dominikanischen Republik und den USA.