Zugunglück

Polizei nimmt spanischen Lokführer fest

Ermittler wollen herausfinden, weshalb der Zug zu schnell fuhr. Auf Facebook kursiert indes wohl ein gefälschtes Profil vom Zugführer

Zwei Tage nach dem verheerenden Zugunglück in Spanien hat die Polizei den Lokführer Francisco Jose Garzón festgenommen. Der Mann sei im Krankenhaus, in dem er sich erhole, in Gewahrsam genommen worden, teilte der Polizeichef der spanischen Region Galicien, Jaime Iglesias, am Freitag mit. Der Lokführer solle als „Verdächtiger für ein Verbrechen im Zusammenhang mit der Unglücksursache“ verhört werden.

Wegen seines gesundheitlichen Zustands könne der Lokführer noch nicht aussagen, sagte Iglesias weiter. Was dem Mann genau fehlte, konnte der Polizeichef nicht sagen. Allerdings könnte sein Zustand ein Verhör durch die Polizei hinauszögern, hieß es. Der Schnellzug mit 218 Passagieren und fünf Angestellten an Bord war am Mittwochabend in einer Kurve nahe der Stadt Santiago de Compostela entgleist. Die Polizei korrigierte die Zahl der Todesopfer am Freitag von 80 auf 78 nach unten, nachdem Gerichtsmediziner Körperteile von Opfern des Unglücks verglichen und zugeordnet hatten. Die sterblichen Überreste von offenbar sechs Menschen müssten noch identifiziert werden, sagte der Polizeichef Antonio de Amo. Die Zahl der Opfer könnte sich noch ändern, sagte er.

Die Ermittlungen zu dem Unglück konzentrieren sich inzwischen auf die Geschwindigkeit des Schnellzuges. Dabei wird untersucht, ob der Lokführer fahrlässig zu schnell gefahren ist oder ob die Systeme zur Kontrolle und Regulierung der Geschwindigkeit versagt haben. Die Ermittler haben inzwischen die Blackbox des Zuges gesichert. Der Datenschreiber werde an den zuständigen Richter übergeben, sagte Polizeichef Iglesias. Eine Gerichtssprecherin wollte nicht sagen, wie lange die Untersuchung der Blackbox dauern würde. Rafael Catala vom spanischen Entwicklungsministerium sagte dem Radiosender Cadena Ser, dass der Zug offenbar viel schneller unterwegs gewesen sei als die zugelassene Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke, auf der er verunglückte. Medienberichten zufolge soll Garzón in der Vergangenheit auf Facebook mit seinem hohen Tempo geprahlt haben. Garzón habe einmal auf seiner Seite das Foto eines Zug-Tachometers veröffentlicht, der 200 Stundenkilometer anzeigte, berichten spanische Zeitungen.

Das Bild wird auf der Facebookseite mit den Worten kommentiert: „200 KM/Hora, se siente como el viento!“ Auf Deutsch heißt das soviel wie: „200 Stundenkilometer, man fühlt sich wie der Wind.“ In den Kommentaren darunter werden jedoch Zweifel laut, dass die Seite tatsächlich von dem Francisco José Garzón angelegt wurde, der auch den Unglückszug fuhr. Das Foto vom Tacho ist bei Facebook tatsächlich zu finden, allerdings mit der Bemerkung „vor sechs Stunden eingestellt“. Ebenfalls „vor sechs Stunden“ wurde auf der Seite offenbar das Foto des Mannes geändert. Nun ist ein Mann zu sehen, der Uniform trägt und erkennbar vor einem Zug steht. Möglicherweise handelt es sich um eine Fälschung.

Neben menschlichen Fehlern seien auch mögliche Fehler bei der Sicherheitstechnik und -ausrüstung als Unglücksursache denkbar, stellte die Regierung ausdrücklich klar. Einen terroristischen Hintergrund wie im Jahr 2004, als bei Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet wurden, hat das spanische Innenministerium ausgeschlossen. Viele der Opfer erlitten schwere Brandverletzungen, da der Dieselkraftstoff des Zugs bei dem Unglück ein Feuer entfacht hatte. Augenzeugen berichteten, dass Anwohner auf die Gleise gerannt seien und sich bemüht hätten, Überlebende aus brennenden Wrackteilen des Zugs zu retten. „Alle Spanier empfinden den Schmerz der Familien“, so der spanische König Juan Carlos, der gemeinsam mit seiner Frau Königin Sofia am Donnerstag Überlebende der Zugkatastrophe im Krankenhaus besuchte.

Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt. Nach Informationen der Zeitung „El País“ soll der Lokführer unmittelbar nach der Katastrophe über Funk der Leitstelle im Bahnhof von Santiago gesagt haben: „Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen.“ Die verkeilten und zerstörten Waggons an der Unfallstelle erinnerten an das folgenschwere ICE-Unglück von Eschede 1998. Die Katastrophe nahe der Pilgerstadt Santiago de Compostela war das erste tödliche Unglück auf einer Strecke des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes. Der Wallfahrtsort, der das Ziel des Jakobsweges bildet, sagte alle Feiern zu Ehren des Heiligen Jakobs an diesem Wochenende ab. Ministerpräsident Mariano Rajoy ordnete für ganz Spanien eine offizielle Trauer von drei Tagen an.