Interview

„Mode? Ich mag das Wort nicht“

Stella McCartney trägt privat nur das, was sie selbst entworfen hat – von der Unterwäsche bis zur Sonnenbrille. Ein Gespräch mit der Designerin

Dank ihr denken viele Frauen beim Stichwort „McCartney“ nicht mehr zwangsläufig an Paul von den Beatles. Die Mode des Labels, das ihren Namen trägt, verkauft Stella McCartney in weltweit zwei Dutzend eigenen Stores; die Marke gehört zum Luxuskonzern Kering. Ihre Funktion als Mentorin im Nachwuchswettbewerb „Designer for Tomorrow“ hat Stella McCartney nach Berlin geführt. Während des Interviews mit Anne Waak isst die 41-Jährige Erdnüsse, verteilt Komplimente, lacht viel und erzählt, dass auch sie zu Beginn ihrer Karriere mal eine ganz normale Praktikantin war.

Berliner Morgenpost:

Haben Sie sich beim Designen selbst vor Augen?

Ich entwerfe nicht nur für mich selbst, aber ich probiere alles an. Ich lege sehr viel Wert auf das Fitting. In einer Saison möchte ich die Schultern zum Beispiel so eng anliegend, dass sie fast die Bewegungsfreiheit einschränken. Ich frage mich dann, welches Gefühl mir das als Frau vermittelt und ob ich mich so fühlen will – wie in einem Käfig aus Stoff. In der nächsten Kollektion möchte ich mit dekonstruierten Schnitten vielleicht ein entspannteres Gefühl haben. Ich sende eine Botschaft dadurch aus, wie meine Kleider sich anfühlen. Der Stoff und seine Farbe werfen noch einmal ganz andere Fragen auf. Aber es hat immer mit Emotionen zu tun, das alles ist dermaßen psychologisch. Kurz: Ich designe teilweise für mich selbst, vor allem aber für Frauen.

Tragen Sie ausschließlich Ihre eigenen Entwürfe?

So ist es. Meine eigene Unterwäsche, meine eigenen Sonnenbrillen. Wenn ich Sport mache, tue ich das in meiner eigenen Sportkollektion, meine Kinder tragen meine Kinderkollektion. Es ist verrückt, wirklich verrückt – es gibt diese Momente, in denen ich innehalte und darüber nachdenke, dass so gut wie jeder Gegenstand in meiner Wohnung meinen Namen trägt. Aber in gewisser Weise bin ich als Person auch von dem Namen abgekoppelt, der auf den Labels steht.

Sie sind seit 1995 in diesem Geschäft, zunächst als Chefdesignerin bei Chloé, dann mit Ihrem eigenen Label.

Ja, ich bin alt.

Das nicht. Aber Sie haben gesehen, wie sich die Branche verändert hat.

Die Modeindustrie ist heute wirklich eine Industrie. In dem Sinne, dass sehr viel mehr Leute an diesem Geschäft teilhaben. Mode basiert heute vor allem auf Marken. Die Marke Stella McCartney, das hat mich nie interessiert – anders als der emotionale Teil des Jobs. Warum haben Sie sich heute morgen dafür entschieden, dieses Hemd anzuziehen und dazu diese Uhr und jene Schuhe? Sie kommen nicht wie eine Frau rüber, die sich für hübsche Kleider interessiert.

Ich besitze zwei Kleider, die ich nie trage.

Sehen Sie? Vorhin habe ich eine Frau getroffen, die ausschließlich Röcke trägt. Das ist so interessant. Und ich designe für Sie beide. Mein Wunsch ist es, ein begehrenswertes, schönes Objekt zu erschaffen, für das Sie beide eine selbstbestimmte Entscheidung treffen können.

Das scheint Sie schon sehr früh interessiert zu haben. Mit 15 fingen Sie an, Praktika bei Pariser Modehäusern zu absolvieren.

Ja, das war toll. Ich war bei Christian Lacroix und ein paar Tage bei Yves Saint Laurent. Später machte ich noch ein paar mehr Praktika, unter anderem bei der „Vogue“. Ich wollte herausfinden, ob ich wirklich in Richtung Design gehen wollte.

Und dann sprachen Sie mit Yves Saint Laurent über seinen Beruf?

Ich war eine ganz normale Praktikantin! Ich habe keine Extrabehandlung bekommen, sondern Tee gekocht, bin rumgerannt – die ganzen Drecksjobs eben. Ich bin nicht zu ihm gegangen und habe gesagt: „Hallo, darf ich mich zu dir setzen und mit dir reden?“ Yves Saint Laurent war immer freundlich, aber auch sehr beschäftigt. Ich habe nicht mit ihm rumgehangen.

Was waren Sie für ein Mädchen?

Ich war vergleichsweise cool, glaube ich. So, wie ich heute meine Kinder ermutigen würde zu sein. Ich wusste ziemlich genau, wer ich war, und das zeigte sich auch in meinen Outfits. Ich trug T-Shirts, Jeans und viel Vintage, weil ich mir die Sachen, die ich tragen wollte, neu nicht leisten konnte. Meine Haare sind normalerweise eher lockig, ich hatte richtige Ringellöckchen. Kein Make-up. Bis heute trage ich nur welches, wenn ich weiß, dass ich fotografiert werde.

Hatten Sie jemals eine Art Mentor?

Ich bin als Kind zweier sehr kreativer Menschen aufgewachsen, habe sie beobachtet und dadurch gelernt. Ich bin eine ziemlich gute Beobachterin. Aber es gab keinen, der mich in die Geheimnisse der Branche einführte. Allerdings bekam ich früh einen wirklich guten Rat von der britischen Designerin Betty Jackson. Sie sagte mir: „Schau dir die Produktion an, die Pressearbeit, arbeite eine Zeit lang in einem Laden – und dann erst weißt du, ob du das hier wirklich tun willst.“ Viele Leute sind ausschließlich Modedesigner und beschäftigen sich nicht mit dem ganzen Geschäft.

Nicolas Ghesquière hat nach seinem Ausscheiden bei Balenciaga gesagt, er habe sich dort oft allein gefühlt und sich einen Partner gewünscht. Wie Miuccia Prada, deren Mann Patrizio Bertelli ja der CEO bei Prada ist. Wünschen Sie sich auch manchmal jemanden für gemeinsame Entscheidungen?

Es kann auch nicht leicht sein, mit seinem Ehemann zusammenzuarbeiten. Ich bin sicher, Miuccia Prada ist manchmal richtig gestresst deswegen. Anders als Nicolas gehören mir 50 Prozent meines Unternehmens. Ich bin also nicht „nur“ angestellte Designerin eines Modehauses. Und ich habe viele Leute um mich herum, an die ich mich wenden kann, wenn ich Rat und Hilfe brauche. Zum Beispiel meinen Mann. Es ist toll, ihn zum Reden zu haben. Er sitzt auch im Vorstand von Stella McCartney, versteht also, was ich mache.

Mode ist ja ...

Wissen Sie was? Ich hatte immer Probleme mit dem Wort „Mode“. Wenn mich Leute früher gefragt haben, was ich mache, habe ich immer geantwortet: „Design.“ Und die Ergänzung „Mode“ dann eher hinterhergeschoben. Mir gefällt diese Einweg-und-Wegwerf-Seite des Ganzen nicht. Mode ist meine Leidenschaft, aber ich hasse es, dass sich die beiden Begriffe im Englischen reimen. Passion – fashion. Das ekelt mich regelrecht an.

Haben Sie das alles manchmal über? Ständig neue Ideen haben zu müssen, die Geschwindigkeit des Geschäfts?

Ja, manchmal überfordert mich die schiere Menge der Dinge, die ich an einem gewöhnlichen Tag abhaken muss, um voranzukommen.

Was tun Sie dann?

Ich sage mir selbst, dass ich es mir erlauben kann, überwältigt zu sein. Es ist nicht so, dass ich jemals vergesse, warum ich diesen Job liebe. Manchmal weiß ich nur wirklich nicht, welchen Bodenbelag wir in einem Shop auslegen sollten oder wie eine Anzeige auszusehen hat. Ich denke dann: Gebt mir ein wenig Raum! Man hat eine Menge zu tun, wenn man als Kreativdirektorin an so vielen Dingen gleichzeitig arbeitet.

Eine Möglichkeit wäre, Zuständigkeiten abzugeben.

Ich versuche, kein Kontrollfreak zu sein. Aber ich denke, da steht nun mal mein Name auf dem Label. Und die Leute investieren in etwas, das aus der Hand einer Designerin stammt, einer Frau mit vier Kindern. Ich will also nicht nur so tun, als würde ich die Fäden in der Hand halten. Und manchmal sage ich eben: Ich weiß auch nicht genau, welchen Reißverschluss wir für diese Tasche benutzen sollten, könnt ihr mir drei zur Auswahl geben?