Prozess

Zwischen Glaube und Gewehr

Ende 2012 wurde eine zehnfache Mutter in einer Kirche in Braunlage erschossen. Noch immer ist unklar, wer der Täter ist

Die Kirche war ihr Leben. Die Kirche war der Ort, in dem ihr Leben endete. Am Sonnabend, dem 17. November 2011, wurde die Leiche der 48-jährigen Elke C. im Keller des katholischen Gotteshauses von Braunlage gefunden. Die Mutter von zehn Kindern hatte eine Schusswunde im Hinterkopf.

Entsetzen machte sich breit in der Kleinstadt im Harz, als bekannt wurde, dass die Küsterin und Pfarrgemeinderatsvorsitzende in der Kirche getötet wurde. Und bald schon regte sich auch der erste Verdacht, der sich wenige Tage nach der Tat zu erhärten schien, als sich der Vater bei der Polizei in München stellte. Sein 20-jähriger Sohn und seine zwölfjährige Tochter waren bei ihm. Der Vater sprach von einem Unfall. Er wollte der Frau nur das Gewehr zeigen. Da hätte sich ein Schuss gelöst.

Seit Anfang Mai läuft vor dem Braunschweiger Landgericht der Prozess um die tote Küsterin von Braunlage. Der Angeklagte Siegfried C., 54, schweigt. Am vergangenen Mittwoch jedoch, dem zehnten Verhandlungstag, brach er sein Schweigen. Er sprach nicht. Aber er ließ den Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Zwischenahn, Joachim Dedden, den handgeschriebenen Text vorlesen, in dem er aus seiner Sicht den Tathergang schilderte. Demnach war es kein Unfall. Demnach war es eine bewusste Tötung – begangen vom eigenen Sohn. Sie hätte den 20-Jährigen dazu getrieben. Sie hätte ihn ausgegrenzt, sie wäre an seinen Suizidversuchen Schuld. Sie hätte ihm den Glauben genommen. Er wäre so voller Zorn gegen die Mutter gewesen, dass er dem Vater die Waffe entrissen, in die Sakristei gerannt und auf die Mutter geschossen habe. Der Vater habe nur deshalb die Schuld auf sich genommen, weil der den Sohn schützen wollte. Das aber könnte er mit seinem christlichen Gewissen nicht mehr vereinbaren.

Aussage gegen Aussage

Der Sohn erzählte schon im Mai dem Gericht eine völlig andere Version, die er am Freitag bestätigte. Demnach wäre der Vater an jenem Tag im November alleine in die Sakristei gegangen. Der Sohn habe mit seiner zwölfjährigen Schwester draußen gewartet. Plötzlich hätten sie einen Knall gehört. Daraufhin seien sie in die Kirche gerannt, wo die tote Mutter lag. Die Kinder hätten die Leiche in den Keller tragen und mit einem Messdienergewand bedecken müssen. Auch ein gestern auf Antrag der Verteidigung geladener Zeuge bestätigte die Aussage des Vaters nicht. Bei dem Zeugen handelt es sich um einen wegen Betrugs einsitzenden Mann, der gemeinsam mit dem Sohn im November in München in Untersuchungshaft saß. Gegen den Sohn wurde anfangs wegen Beihilfe zum Mord ermittelt, was sich allerdings nicht erhärten ließ. Von dem Mann, der damals mit ihm die U-Haft-Zelle teilte, hatte sich die Verteidigung erhofft, dass er gegen den Sohn aussagt. Diese Hoffnung wurde allerdings enttäuscht. Der 20-Jährige hätte ihm in der Zelle gesagt, so der Zeuge: „Mein Vater hat meine Mutter erschossen.“ Siegfried C. ging daraufhin den Zeugen an: „Du hast mir doch einen Zettel gegeben und gesagt, dass ich alles auf mich nehmen solle, beim Hofgang.“ Der Zeuge bestritt das.

Aussage gegen Aussage in einem Familiendrama, das offenbar eine lange Geschichte hat. Es ist die Geschichte von enttäuschter Liebe, von christlichem Glaube, von guten Absichten. Es ist aber auch die Geschichte von Hilflosigkeit, von Psychosen und Überforderung. Es ist eine Familiengeschichte, die sich in einen Albtraum verwandelt hat. Ein zynischer Zufall, dass die Kirche, in der die Leiche von Elke C. lag, „Heilige Familie“ heißt. 2006 war die Familie C. aus dem Ruhrgebiet nach Braunlage gezogen. Die Frau, eine zehnfache Mutter, hat schon in ihrer alten Heimat ehrenamtlich in der katholischen Gemeinde gearbeitet und als Katechetin Kinder auf die Erstkommunion vorbereitet. Siegfried C. war Verwaltungsbeamter. Wegen einer längeren Krankheit wurde er frühpensioniert.

Versucht, die Mutter zu vergiften

Er litt unter anderem unter einer paranoiden Psychose. Schon vor dem Umzug in den Harz war die Ehe problematisch. Dennoch kauften sie in Braunlage ein Haus, die ehemalige Lehrerfortbildungsstätte, am Rand von Braunlage. Ein großes Haus, das zu teuer wurde. Irgendwann wurden Wasser und Strom abgestellt.

Aber es waren nicht nur die finanziellen Verhältnisse, die nicht stimmten. Auch in der Ehe lief einiges schief. Und wenn man Menschen aus Braunlage dazu befragt, dann ist es immer wieder der Vater, der als problematisch bezeichnet wird. Als Patriarch soll er sich aufgeführt haben. Als Familienoberhaupt, das bei allen Entscheidungen das letzte Wort haben musste. Die Mutter dagegen war eine Person, die durch ihr Engagement ihren Platz im Ort gefunden hat. Stefan Grote, Bürgermeister von Braunlage, bezeichnet Elke C. als „ruhige nette Frau“, die sich vor drei Jahren von ihrem Mann trennen konnte. Wie eine Polizistin während der Verhandlung vor dem Braunschweiger Landgericht aussagte, hätte auch eine Tochter von Elke C. den Tötungsverdacht geäußert. Der Vater wäre gewalttätig, sagte sie. Offenbar hatte er auch versucht, die Mutter zu vergiften. Die Staatsanwaltschaft vermutet als Motiv Rache für die Scheidungsklage der Mutter. Die Plädoyers sollen am kommenden Dienstag gehalten werden.