Protest

Amerika in Aufruhr

Der Fall „Trayvon Martin“ ist nach dem Freispruch des Todesschützen noch nicht vorbei: George Zimmerman droht eine zivilrechtliche Klage

Zwei Tage nach dem Ende des Prozesses gegen George Zimmerman bleibt Amerika tief gespalten. Der Nachbarschafts-Hilfssheriff war am Sonnabend vom Vorwurf des Mordes und Totschlages an dem 17 Jahre alten, unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin in Sanford (Florida) freigesprochen worden.

Einige Kommentatoren wie die konservative TV-Analystin Ann Coulter („Halleluja“) begrüßten den Schiedsspruch der sechs ausschließlich weiblichen und nicht schwarzen Jurymitglieder des Gerichts. Derweil kam es in zahlreichen Städten des Landes – wie in Los Angeles, Oakland, San Francisco, Boston und New York – zu spontanen Protestaktionen gegen das vermeintliche Skandalurteil. Die meisten Demonstrationen verliefen friedlich. In Los Angeles und New York gab es jedoch mehrere Festnahmen, nachdem Demonstranten Steine und Flaschen auf Polizisten und Gebäude geworfen hatten. In der kalifornischen Metropole wurde zudem der Verkehr auf einer wichtigen Autobahn vorübergehend durch protestierende Jugendliche blockiert.

Mehrere bekannte Bürgerrechtler zeigten sich schockiert über den Freispruch und forderten die Regierung von Präsident Barack Obama auf, weitere juristische Schritte einzuleiten. Andere dagegen wollen, dass sich der freigesprochene 29 Jahre alte Todesschütze Zimmerman in einem Zivilprozess verantworten muss.

Neue Anklage gefordert

„Ich kann die Entscheidung immer noch nicht fassen“, erklärte der sichtlich empörte Bürgerrechtler Jesse Jackson in einem TV-Statement. „Jetzt muss das US-Justizministerium eingreifen und das Verfahren auf eine andere Ebene heben.“ Jackson will, dass Zimmerman „wegen Verletzung der Bürgerrechte von Trayvon Martin“ vor Gericht gestellt wird. Eine Forderung, die auch die größte Schwarzenorganisation Amerikas, die NAACP, verlangt: „Justizminister Eric Holder muss gegen Zimmerman eine Anklage wegen Hassverbrechens (,hate crime‘) anstrengen“, sagte der NAACP-Präsident Ben Jealous dem TV-Sender CNN. „Es gibt gewichtige Gründe anzunehmen, dass Trayvon Martin wegen seiner Hautfarbe von Zimmerman verfolgt wurde.“

Eine spontane Petition der NAACP, die die Obama-Regierung auffordert, einen weiteren Prozess anzustrengen, soll bereits von mehr als 100.000 Menschen unterschrieben worden sein. Das Urteil sei „eine Ohrfeige für das amerikanische Volk“, sagte auch der Bürgerrechtler und TV-Kommentator Al Sharpton. Er forderte das Justizministerium auf, gegen Zimmerman genauso vorzugehen wie im Fall von Rodney King. Sharpton bezog sich dabei auf einen Justizskandal, der im Jahr 1991 für Schlagzeilen und Ausschreitungen mit 53 Toten und mehreren Tausend Verletzten gesorgt hatte. Der 47Jahre alte King war in Los Angeles von fünf Polizisten brutal zusammengeschlagen worden. Trotz eindeutiger Beweise durch eine Überwachungskamera, die alles genau aufgezeichnet hatte, wurden vier der angeklagten Polizisten freigesprochen. Bei dem fünften Beamten kam es erst gar nicht zu einem Prozess.

Erst nachdem das US-Justizministerium ein weiteres Verfahren angestrengt hatte, wurden zwei der Angeklagten zu Gefängnisstrafen verurteilt. King, der im vergangenen Jahr in seinem Swimmingpool ertrunken war, bekam später in einem Zivilprozess 3,8 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen.

Parallelen zum Fall Rodney King

Tatsächlich scheint die Obama-Regierung den Fall nicht auf sich beruhen lassen zu wollen: Bereits einen Monat nach dem Tod von Trayvon Martin am 26. Februar 2012 hatte Justizminister Eric Holder eine Überprüfung des Falles angekündigt. Nach dem Urteil erklärte der oberste Ankläger des Landes jetzt: „Wir werden die Fakten und Umstände, die zum Tod von Trayvon Martin geführt haben, weiter untersuchen und dann geeignete Schritte einleiten.“

Doch es gibt auch Stimmen, die den Fall George Zimmerman endlich ad acta legen wollen: „Wir sollten diesen Fall nicht noch weiter politisieren“, warnte der Republikaner Steve King und kritisierte damit indirekt Präsident Obama. Der hatte kurz nach dem Tod von Martin erklärt: „Wenn ich einen Sohn hätte, würde er aussehen wie Trayvon“.

Der Republikaner hält Zimmermans Freispruch für angebracht: „Die Beweise in diesem Fall haben von Anfang an keine Mordanklage gerechtfertigt“, sagte King. „Der Tod von Trayvon ist eine Tragödie, nicht nur für seine Familie, sondern für ganz Amerika. Aber wir leben in einem Land der Gesetze, und eine Jury hat ihr Urteil gefällt.“

Verklagt wie O.J. Simpson

Neben der politischen Dimension in einer Klage wegen „Hassverbrechens“ könnte Zimmerman aber auch schon bald in einem Zivilprozess vor Gericht stehen, ähnlich wie im Fall des US-Football-Spielers O.J. Simpson. Der war zwar 1995 vom Vorwurf des Mordes an seiner Frau Nicole und deren Freund Ron Goldman freigesprochen worden, in einem späteren Zivilprozess aber zur Zahlung von Schadenersatz von 33,5 Millionen Dollar verurteilt worden.

„Wir werden die Möglichkeit eines Zivilprozesses prüfen“, deutete der Anwalt der Familie von Trayvon Martin, Benjamin Crump, in einer ersten Stellungnahme nach dem Urteilsspruch an. Vor einem Zivilgericht würde auch der Freispruch wie im Fall O.J. Simpson keine Rolle mehr spielen. Außerdem könnte Zimmerman gezwungen werden, vor dem Richter auszusagen. In seinem Strafprozess hatte er das verweigert.

„Wir sind sehr zuversichtlich, dass mein Klient auch in einem solchen Verfahren gewinnen wird“, sagte Zimmermans Anwalt Mark O’Mara. „Warten wir doch einmal ab, wie viele dieser Prozesse aus diesem Fiasko für die Anklage noch entstehen werden.“ Trotz des Optimismus von O’Mara scheint aber eins bereits klar zu sein: Der Freispruch für George Zimmerman ist nicht das letzte Wort in dem derart aufwühlenden Fall.