Paul Gascoigne

Gefangen in den Fallstricken des Ruhms

Der Niedergang des alkoholkranken, einstigen Fußballidols Paul Gascoigne erschüttert England

Quo vadis, Paul Gascoigne – wohin führt sein Weg, wenn nicht in den Tod? Diese grausame Frage stellt sich derzeit ganz England, denn innerhalb weniger Tage haben all jene Dämonen ihren einstigen Fußballliebling übermannt, gegen die er seit Jahren angekämpft hat. Es scheint ein vergeblicher Kampf gewesen zu sein.

Am Montag war er im Vollrausch vor dem Royal National Hotel an Londons Russell Square zusammengebrochen. Eigentlich hatte sich „Gazza“ zu der Zeit in einer Entzugsklinik der Kette „Alcoholics Anonymous“ im südenglischen Bournemouth aufhalten sollen, weil sein Verhältnis zum Alkohol in den vergangenen Monaten immer problematischer geworden war. Stattdessen hatte er den Weg nach London eingeschlagen. Augenzeugen berichteten anschließend der Boulevardzeitung „The Sun“, der 46-Jährige sei kurz vor seinem Kollaps auf Londons Straßen in Tränen ausgebrochen, habe lautstark um Alkohol gebettelt und nach seiner von ihm geschiedenen Frau Sheryl gerufen. Die alarmierten Sanitäter fanden kurz drauf zwei Flaschen Gin in seinen Jackentaschen.

Nur wenige Tage zuvor hatte er sich angetrunken an eben jener Sheryl vergriffen und wurde daraufhin in Polizeigewahrsam genommen. In seiner nordenglischen Heimat zählt niemand, wie oft Gascoigne schon in Handschellen abgeführt worden ist. Sein Freund Ronnie Irani will außerdem eine wachsende geistige Verwirrtheit erkannt haben. Schon im Februar 2008 hatte die Polizei Gascoigne nach einem neuerlichen Ausfall unter Berufung auf ein Gesetz zur Behandlung Geisteskranker festgenommen und ihn in einen psychiatrische Klinik einweisen lassen.

Die Beine, die vor nicht einmal 20 Jahren die Hoffnungen des englischen Fußballs trugen, wanken nur noch ziellos durch die Welt. Bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien verzückte er die Fachpresse. In seiner 2004 erschienenen Autobiografie „My Story“ erinnert er an ein Gespräch mit Bobby Robson, das er mit dem damaligen Nationaltrainer am Vorabend des Halbfinalspiels gegen Deutschland geführt hat. Robson versuchte seinem Schützling klar zu machen, er werde in Lothar Matthäus den besten Mittelfeldspieler der Welt gegen sich haben, „Nein“, erwiderte Gascoigne mit der vorlauten Überheblichkeit seiner Jugend, „ich nicht. Er.“

Der Ausgang ist bekannt: Deutschland gewann im Elfmeterschießen und wurde später zum dritten Mal Weltmeister. Die Szene des Halbfinals lieferte jedoch Gascoigne. Nach einem Foul an Thomas Berthold sah er seine zweite Gelbe Karte. Als ihm klar wurde, dass er damit für das Finale gesperrt sein würde, sank er weinend zu Boden. Da waren noch mehr als 20 Minuten zu spielen.

Dieses Bild prägte Gascoignes Mythos lange Jahre: Das Image des manchmal genialen, aber immer emotionalen Kickers, sicherte ihm einen Platz in den Herzen der Fans. Wie makaber klingt daher jener Rat, den er seinem Nachfolger Wayne Rooney im Sommer 2004 gab. Bei der EM in Portugal verblüffte der 19-Jährige mit seinem wuchtigen Spiel. Nicht nur äußerlich erinnerte er viele an den jungen Gascoigne. „Hüte dich vor den Fallstricken des Ruhms“, riet damals der gealterte dem blutjungen Nationalhelden: „Sie haben mich in den Alkohol und anderes Elend gezogen.“ Seinem eigenem Rat hat er, wie es aussieht, leider nicht folgen können.