Medienhype

Die Rückkehr des verlorenen Kekses

Ein halbes Jahr nach dem Diebstahl hängt das goldene Wahrzeichen von Bahlsen wieder. Staatsanwaltschaft Hannover legt den Fall zu den Akten

Ob das diebische Krümelmonster in neuer Verkleidung anwesend war, werden wir vermutlich nie erfahren. Aber zuzutrauen wäre es ihm: Werner M. Bahlsen, Chef des gleichnamigen größten deutschen Keks-Imperiums, überwachte am Donnerstag in Hannover persönlich, wie der vergoldete Keks wieder an der Fassade in die Obhut zweier fast nackiger Jugendstiljungmänner übergeben wurde. Gegen jede weitere Geiselnahme des Firmenemblems ist Vorsorge getroffen durch nächtliche Beleuchtung, Kameraüberwachung und Sensoren. Werner Bahlsen schaute zu, schüttelte ungläubig den Kopf und zählte einige der Staaten auf, in denen die Medien über den Keksklau berichtet haben, bis hin nach Asien. „Was für ein Hype.“

Klassische Erpresserbriefe

Mit der Rückkehr des Kekses an seinen angestammten Platz nach rund sechs Monaten ist einer der vergnüglichsten Kriminalfälle der deutschen Geschichte nun erst einmal – gegessen. Irgendwann Mitte Januar war erstmals aufgefallen, dass er fehlte, der vergoldete, 20 Kilogramm schwere Keks an der imposanten Front des Stammsitzes der Firma. Den beiden Jungs, deren wichtigste Stellen dezent mit Weinlaub bedeckt sind, hatte man den goldenen Keks in mehr als sechs Metern Höhe nach genau 100 Jahren aus den Händen gerissen. Wenig später tauchten die ersten Bekennerschreiben auf, und dann gab es auch Fotos vom Täter im Kostüm des Krümelmonsters aus dem Sesamstraße mit dem überdimensionalen Butterkeks.

Natürlich waren es klassische Erpresserbriefe, geschnipselt aus verschiedenen Zeitungsüberschriften mit eindeutigen Forderungen an den Besitzer. Der geklaute Keks schaffte spielend, woran Deutschlands führender Kekskonzern bei seinen Produkten bis heute hart arbeiten muss: Er wurde international. Fernsehsender aus halb Europa lichteten die von ihrer tragenden Rolle entlasteten Kekshalter ab, das Originalkrümelmonster aus der Sesamstraße meldete sich aus New York, beteuerte seine Unschuld und bot sogar an, bei der Suche nach dem diebisch veranlagten Doppelgänger zu helfen. Hannover, in Deutschland gern geschmäht als langweiligste Landeshauptstadt, genoss jeden Krümel des Interesses, ließ ihn sich auf der Zunge zergehen.

Das Krümelmonster spielte gekonnt mit dem Medieninteresse. Es verlangte von Bahlsen, bestimmte Organisationen mit Keksen zu bedienen, als Voraussetzung für die Rückgabe des goldenen Kekses. Die Entführer outeten sich zudem als wählerische Kunden, die mit Schokolade sollten es sein: „Aber die mit Vollmilch und nicht die mit schwarzer Schokolade“. Firmenchef Bahlsen wehrte sich öffentlich empört gegen Erpressungsversuche („Ich will meinen Keks wieder haben“) – andererseits suchte er via Facebook den Kontakt zum „lieben Krümelmonster“.

Niedersachsen ist Pferdeland, diese Botschaft lässt sich die Landesregierung im Rahmen einer Kampagne Millionen kosten, und das Krümelmonster machte auch hier mit: Am Hals des springenden Pferdes vor dem Hauptgebäude der Universität hing im April der goldene Keks. Die Universität trägt – wie das wichtigste Produkt aus dem Hause Bahlsen – zudem den Namen Leibniz. Der Backwarenkonzern stiftete danach wie versprochen 52 Organisationen je 1000 Packungen Kekse, die Empfänger wurden angesichts von 1200 Bewerbungen sogar aus Afrika und Südamerika ausgelost.

Restauratorin Sonja Toeppe aus dem Künstlerdorf Worpswede beseitigte alle Spuren der Entführung auf dem 50 mal 40 Zentimeter großen stilisierten Keks, der das Unternehmen einst groß gemacht hat. In acht Metern Höhe wird er künftig mit einer neuen Schicht Blattgold glänzen. Und es bleibt dabei: Er hat nur 34 Zacken, nicht 52 wie das Original zum Essen.

Einige Zeit schwankte auch die Justiz zwischen pflichtgemäßer Empörung und mühsam kaschierter Belustigung. Die Polizei ermittelte so gut, wie sie konnte, das Landeskriminalamt untersuchte, was man kriminaltechnisch untersuchen konnte, also den Keks. Polizeisprecher wie Staatsanwälte betonten immer wieder, man nehme den Vorgang ernst und lasse nichts unversucht, die Täter oder auch Täterinnen zu fassen. Beim Zuhören allerdings konnte man Zweifel bekommen, was den Ermittlern mehr auf den Keks ging: die eigene Erfolglosigkeit oder der Medienrummel.

Als der Keks jedenfalls wieder da war, entschied die Staatsanwaltschaft nach einer angemessenen Schamfrist, den Tatvorwurf der versuchten Erpressung und des Diebstahls zu minimieren auf Nötigung und Sachbeschädigung. Inzwischen ist die Akte geschlossen worden, sagt Irene Silinger, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover: „Wir haben keine Ermittlungsansätze mehr“.

Keine Strafanzeige gestellt

Bahlsen seinerseits hat, wie der Firmenchef bestätigte, nie Strafanzeige erstattet: „Uns kam es nur darauf an, unseren Keks zurück zu bekommen“, sagte er beim Fototermin an der Fassade. Eine kluge Entscheidung, denn die Geschichte des Keksklaus ist längst in eine neue Dimension gewachsen. Liat Livni ist 34 Jahre jung, Künstlerin aus Israel und war als Teilnehmerin eines Austauschprogramms bis Ende Juni drei Monate lang in Hannover. Sie hörte von dem Diebstahl und war begeistert: „Das Krümelmonster, das goldene Kekse klaut, so was gibt es doch nur im Märchen – oder eben in Hannover“. Weswegen sie in Hannover ein völlig neues Material für ihre Kunstwerke entdeckte, eigens gehärteten Keks: „Ich arbeite gerne mit greifbaren Werkstoffen, die für eine bestimmte Region typisch sind.“

Firmenpatriarch Bahlsen hat sich in den vergangenen Monaten immer wieder energisch gegen den Verdacht gewehrt, das Unternehmen habe den Keksklau aus PR-Gründen selbst in Szene gesetzt. Klar ist aber: Mehr positive Berichterstattung für so wenig Geld ist kaum vorstellbar.