Kirche

Natalia und die Päpste

Eine Künstlerin aus Russland ist offizielle Porträtmalerin des Vatikans. Ihre Technik hat die 46-Jährige in Moskau erlernt

Natalia Tsarkovas Mund ist voller Worte, so wie die Wände ihrer Wohnung voller Bilder sind. Kaum geht die Tür auf, sprudelt sie los: Es sei ihr Geburtstag, sie war mit Freunden zum Mittagessen und darum zu spät zurück ins Atelier gekommen; ob wir kühlen Weizensprudel möchten, eine Spezialität, die sie in einem russischen Laden gefunden hat; dass sie für die Fotos ihren Schal auf den Schultern behalten will, auch bei 35 Grad im Schatten. Natalia Tsarkova ist blond, nicht groß, fröhlich und trotzdem etwas schüchtern. Ihre blauen Augen sezieren uns genau.

Die 46-Jährige ist Malerin. Sie ist Russin und malt verschneite Landschaften, traurige Bauersfrauen, europäischen Adel, Tiere, auch wunderschöne Aktbilder – Eva mit der Schlange und eine Paolina Borghese frei nach Tsarkova, viele Kardinäle, in einem Stil zwischen klassischer russischer und niederländischer Malerei. Aber vor allem malt sie Päpste: Sie ist die offizielle Porträtmalerin des Vatikans.

Weltpremiere in Arbeit

Drei Päpste lang ist sie in Rom, hat Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gemalt. Jetzt arbeitet sie an einem Porträt von Franziskus und an einer Weltpremiere, die sie uns exklusiv zeigt. Es ist ein Porträt zweier Päpste, eine Kreidezeichnung, die Franziskus und Joseph Ratzinger abbildet: in der päpstlichen Sommerresidenz in Castelgandolfo. Dort wohnte der emeritierte Benedikt im Frühjahr für zwei Monate bevor er in seine selbst erwählte Klausur im Vatikan ging – kniend nebeneinander beim Gebet. Im August will Tsarkova das Bild im Vatikan präsentieren.

Den Kirchenstaat betrat Natalia Tsarkova vor 17 Jahren zum ersten Mal. Sie war für eine Ausstellung ihrer Bilder nach Italien gekommen. „Kurz vor der Abreise erhielt ich den Auftrag, einen römischen Adeligen zu malen. Darauf folgte ein Porträt des Prius des Malteserordens, Franz von Lobstein“, erzählt sie. Dann kam der Auftrag aus dem Vatikan: Johannes PaulII. mochte ihre Bilder, also stand er Modell für das erste offizielle Papstporträt. „Ich war furchtbar aufgeregt, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Aber er hat Russisch gesprochen, das hat mich beruhigt“, erinnert sich die Malerin an die erste Begegnung. „Wojtila war ein großer Hirte. Auf meinem ersten Porträt steht er gebeugt, denn er trug das Leiden der Menschheit auf seinen Schultern.“

Natalia Tsarkova malte den Papst – und blieb. Johannes Paul II. ließ sich eine „Madonna der Hoffnung“, die sie gemalt hatte, für mehrere Wochen in seine Privatbibliothek bringen. Heute sind ihre Bilder in den Vatikanischen Museen und in römischen Kirchen zu sehen. „Hier nach Rom zu kommen war wie eine göttliche Vorsehung für mich“, sagt sie und lacht, aber es schwingt trotzdem Melancholie mit, wenn sie sich spontan den Schal etwas straffer um die Schultern zieht. Ähnlich abrupt steht sie auf. „Ich muss jetzt meinen Vater in Moskau anrufen, ich konnte ihn heute morgen nicht erreichen“, sagt sie, legt den Stift weg und verlässt das Atelier.

Auf einem Teppich im Wohnzimmer liegen verstreut Stofftiere. „Die gehören Rufus!“, sagt sie, als sie zurück ist, und lacht. Rufus ist ein Käuzchen, sitzt still auf einer Zimmerpalme, kneift die Augen zu. Die römische Sommersonne ist nichts für kleine Nachteulen. „Ich war in einer Zoohandlung, es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Tsarkova. Eigentlich wollte sie nur Goldfische als Modell für Illustrationen kaufen. Denn sie hat Papst Benedikt nicht nur in ihren Porträts verewigt, sie hat ihm 2008 auch ein Kinderbuch gewidmet. „Ich war einmal in Castelgandolfo bei einem Spaziergang im Park dabei, als der Papst die Goldfische im Teich fütterte“, erzählt sie und kramt das Buch aus einem Stapel hervor. „Er tat das mit großer Liebe zu den Tieren. Meine Geschichte erzählt von einem kleinen Goldfisch und seiner Familie, die in der Hoffnung auf Benedikts sommerliche Besuche ihr Jahr verbringen.“

Die 46-Jährige hat ihre Technik von der Akademie in Moskau mitgebracht. Um die Schuhe von Johannes Paul II. zu malen, besorgte sie Originalsamt beim Ausstatter vom Vatikan – heute „bewahre ich den als Reliquie auf“. Im Atelier liegen Kardinalshüte, Perücken, ein Dornenkranz. Sie hat Enzyklien gelesen, Messen und Audienzen beigewohnt, bevor sie Papst Benedikt XVI. traf.

Blick voller Hoffnung

„Er ist ein großer Theologe unseres Jahrtausends“, sagt sie. „Ich habe versucht, das einzufangen: Sein Blick ist voller Hoffnung, aber auch voller Sorge, denn er weiß um die schwere Zeit, in der wir leben.“ Mit Franziskus tut sie sich an der Staffelei noch schwer, obwohl sie „menschlich von ihm begeistert“ ist.

Beim Malen versucht die Künstlerin, „die Energien der Person aufzunehmen, der ich gegenübersitze“. „Ich habe Benedikt auf dem Thron von Papst Leo XIII. gemalt, lange bevor bekannt wurde, dass er den besonders schätzte.“ Natalia Tsarkova ist wieder an der Staffelei und zieht sich den Schal bis zum Hals hoch: „Neben dem Papst kann ich doch nicht mit nackten Schultern sitzen“, findet sie. Die Nähe von Kirche und Priestern hat abgefärbt.

Ein Foto inmitten der Bilder zeigt Tsarkova am ersten Schultag inmitten vieler Mädchen, alle im weißen Kittel. Das war zu Zeiten der Sowjetunion. Auf einem anderen Bild sieht man sie mit weißem Käppchen und blauer Uniform – als freiwillige Helferin auf Pilgertour in Lourdes. „Ich bin griechisch-orthodox, aber das spielt keine Rolle. Unser Gott ist einer. “

Während sich der Himmel hinter der Kuppel vom Petersdom rot färbt und die Abendsonne römische Palazzi in einen goldenen Ockerton taucht, wird Rufus langsam munter. Sie setzt das Käuzchen auf ihre Schulter, geht ans Fenster und blickt direkt auf den Vatikan. Rufus schmiegt sich an sie. „Käuzchen sind wie Katzen“, sagt sie. „Aber ich bin keine Hexe, sondern ein Engel!“ So wie der kleine Holzengel am Thron auf dem Porträt Benedikts, wo die Künstlerin sich kurzerhand selbst verewigt hat.