Verhaftung

Autobahn-Schütze ist ein Lastwagen-Fahrer

Einer der größten Kriminalfälle ist gelöst: Ein 57-Jähriger hat 700 Mal auf Kraftfahrer geschossen

Die beispiellose Serie von mehr als 700 Anschlägen auf Lastwagen auf deutschen Autobahnen hatte Angst und Schrecken verbreitet. Nun ist der Fall offensichtlich aufgeklärt. Die Motive der Tat liegen aber noch im Dunkeln.

Ein 57 Jahre alter Lastwagenfahrer aus Nordrhein-Westfalen soll seit dem Jahr 2008 vor allem auf Autotransporter geschossen haben. Der Mann wurde am Sonntag festgenommen und sitzt nun in Untersuchungshaft. Das teilte das Bundeskriminalamt (BKA) am Montag in Wiesbaden mit. Den genauen Tatvorwurf nannte die Behörde zunächst allerdings noch nicht. Die Schüsse des Mannes hatten Lkw-Fahrer in Angst versetzt, und es waren Sachschäden entstanden. Vor allem aber war im Jahr 2009 eine Autofahrerin auf der A 3 bei Würzburg am Hals getroffen und schwer verletzt worden.

Der am Montag nach Würzburg überstellte Verdächtige ist nach Angaben der Ermittler als Berufskraftfahrer bei einer Spedition angestellt. Er werde weiter vernommen, bestätigte der Würzburger Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder. Nach Medienberichten stammt der Mann aus der 11.000-Einwohner-Gemeinde Kall im Landkreis Euskirchen (Eifel). Bei seiner Festnahme seien dort Waffen gefunden worden, teilte das BKA mit.

Im „Kölner Stadtanzeiger“ berichten Nachbarn des Mannes, wie sie den Einsatz des Sonderkommandos wahrgenommen haben. Zitiert wird eine Anwohnerin mit den Worten: „Ich kann das immer noch nicht glauben, das waren so unauffällige, nette Nachbarn.“ Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach von einem wichtigen Fahndungserfolg. Es sei gelungen, „einen hochgefährlichen Täter dingfest zu machen“. Die Speditionsbranche reagierte erleichtert. „Es ist auch ein Gefühl der Hilflosigkeit gewesen über all die Jahre“, sagte der Sprecher des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes (DSLV), Ingo Hodea. „Wir hoffen, dass es jetzt vorbei ist.“

Die Schüsse hatten die Ermittler seit dem Jahr 2008 vor ein Rätsel gestellt. Da die Einschusslöcher meist erst nach Ankunft der Lastwagen bemerkt wurden, waren genaue Tatorte nur äußerst schwierig zu ermitteln. Auf die Spur soll die Fahnder dann letztlich moderne Computer- und Kommunikationstechnik gebracht haben. Die Ermittler hatten an den vornehmlich betroffenen Autobahnstrecken verdeckt Lesegeräten für Autokennzeichen angebracht, wie der Südwestrundfunk berichtete.

Nach einem neuen Anschlag seien jeweils die Zulassungsdaten jener Fahrzeuge abgeglichen worden, die entlang der Route gefahren waren. Auch die Verbindungsdaten von Mobilfunkmasten entlang der Autobahn seien ausgewertet worden. Das Bundeskriminalamt will am Dienstag auf einer Pressekonferenz weitere Details nennen.

Schon früh hatten die Ermittler auf einen Lkw-Fahrer als möglichen Täter getippt, weil die Höhe der Einschusslöcher auf einen Schützen im Führerhaus eines Lastwagens schließen ließ. Noch im vergangenen November hatte BKA-Präsident Jörg Ziercke aber zugegeben, darüber hinaus gebe es keine konkreten Hinweise auf den Täter. Seit dem Herbst 2012 ermittelten 90 Beamte in der „Besonderen Aufbauorganisation Transporter“. Neben dem BKA waren Polizisten aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz beteiligt. Zudem war eine Belohnung von 100.000 Euro ausgesetzt.

Besonders betroffen waren von den Anschlägen mit Waffen verschiedener Kaliber nach früheren BKA-Angaben die A 3 von Köln bis Nürnberg, die A 4 zwischen Aachen und Köln, die A 5 zwischen Karlsruhe und Kirchheim, die A 6 von Walldorf bis Nürnberg und die A 61 von Walldorf bis Kerpen.