Kriminalität

Streit ums Erbe: Vierfachmord in den Alpen aufgeklärt

Eine irakische Familie und ein Radfahrer wurden vor zehn Monaten erschossen. Jetzt ist der Bruder eines Opfers verhaftet worden

Schon seit vergangenem September beschäftigen vier Tote die Ermittler in Frankreich, der Schweiz und Großbritannien. Die Ermordeten waren auf einem Parkplatz in Chevaline in der Nähe von Annecy unweit der Schweizer Grenze gefunden worden. Nach wie vor ist unklar, wer den aus dem Irak stammenden Briten Saad al-Hilli, seine Ehefrau Iqbal und seine Schwiegermutter Suhaila al-Allaf sowie den wohl zufällig den Tatort passierenden französischen Radfahrer Sylvain Mollier erschossen hat. Doch nun hat die britische Polizei am Montagmorgen in Chessington in der Grafschaft Surrey unweit Londons einen Mann verhaftet. Es soll sich um Zaid al-Hilli, den Bruder Saad al-Hillis, handeln. Dies verkündete ein Reporter der Zeitung „Le Parisien“ auf Twitter.

Zaid al-Hilli war bereits Ende März von den Ermittlern vernommen worden. Wie der französische Sender France 2 meldete, soll er im Juni einer Vorladung der französischen Polizei nicht gefolgt sein. Deshalb wohl erfolgte nun die vorübergehende Festnahme. Am Montagnachmittag soll al-Hilli im Beisein französischer Ermittler von britischen Polizisten verhört worden sein. Die britische Polizei verdächtigt ihn, „an einer Verschwörung mit dem Ziel, einen Mord zu begehen“, beteiligt zu sein, berichtete der „Figaro“. Anfang Juni waren die Ermittler auf verdächtige Telefonate aufmerksam geworden, die Zaid al-Hilli vor der Tat mit Kontaktpersonen in Rumänien geführt haben soll.

Konto mit fast einer Million Euro

Der 54 Jahre alte Bruder des erschossenen Saad al-Hilli stand von Beginn an unter Verdacht, weil es Streit um das Erbe gegeben haben soll. Der Vater der beiden war ein irakischer Industrieller, der sein Heimatland in den 70er-Jahren verlassen hatte. 2011 starb er in Andalusien. Er hinterließ unter anderem ein Schweizer Konto mit 968.000 Euro. Hier liege ein „vorstellbares Motiv“ für die Tat, hatte der Generalstaatsanwalt von Annecy, Éric Maillaud, im Herbst gesagt. Nun haben die Ermittler anscheinend einen weiteren Schritt getan. „Wir waren der Ansicht, dass es genügend Anhaltspunkte gibt, um ihn in Untersuchungshaft zu nehmen und zu verhören“, sagte Maillaud dem „Parisien“. Man wolle dem 54 Jahre alten Bruder des Opfers Fragen zu den familiären Beziehungen und zum Erbstreit stellen.

Saad al-Hilli, seine Ehefrau und seine Schwiegermutter waren am 5. September in und neben al-Hillis BMW-Kombi auf einem Parkplatz bei Chevaline regelrecht hingerichtet worden. Der oder die Täter benutzten eine Pistole vom Typ Luger P06, Kaliber 7,65 – ein Sammlerstück, das nur zwischen 1900 und 1929 hergestellt wurde, das jedoch in Savoyen relativ häufig zu finden ist, da die Schweizer Armee diesen Waffentyp benutzte. Am Tatort fand die Polizei zudem die schwer verletzte sieben Jahre alte Tochter des Ehepaars, Zainab, die mit einer Schusswunde in der Schulter und einer Schädelverletzung vor dem Auto lag und vom Täter offenbar für tot gehalten wurde. Den Anschlag überlebte außerdem eine weitere Tochter, die vierjährige Zeena, die sich im Fußraum des Beifahrersitzes unter dem Rock ihrer Mutter versteckt hatte und vom Täter offenbar übersehen worden war.

Kein Hinweis auf andere Tatmotive

Neben dem Fahrzeug Saad al-Hillis fand die Polizei außerdem die Leiche des französischen Radfahrers Sylvain Mollier. Mollier stand aber nach bisherigen Erkenntnissen mit der irakischen Familie, die in der Schweiz ihren Urlaub verbracht hatte, in keinerlei Beziehung. Er kam vermutlich zufällig an dem Parkplatz vorbei, war aber wahrscheinlich das erste Opfer des Täters. Er wurde mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Der Stahlarbeiter aus Ugine in Savoyen befand sich im Erziehungsurlaub und war mit seinem Fahrrad unterwegs, als er dem Mörder zum Opfer fiel.

Außer den beiden Mädchen, die keine verwertbaren Aussagen machen konnten, sind bislang keine Zeugen der Tat bekannt. Ein Wanderer hatte am 5. September um 15.48 Uhr die Polizei verständigt, nachdem er von einem britischen Mountainbike-Fahrer darum gebeten worden war, der zufällig an dem Tatort vorbeigefahren war. Die Polizei ermittelt seither in alle Richtungen, auch in die Richtung, ein Verrückter habe das Massaker angerichtet und seine Opfer zufällig ausgewählt. Bei den Ermittlungen in psychiatrischen Anstalten und Schützenvereinen der Umgebung stieß man jedoch nicht auf verdächtige Personen, die als Täter hätten infrage kommen können. Auch auf die Schweiz und Italien wurden die Ermittlungen ausgeweitet, jedoch ohne Erfolg. Die Polizei konzentrierte sich daher wieder auf Ermittlungen im Umfeld der Familie al-Hillis.

Die beruflichen Aktivitäten des 50-Jährigen hatten den Medien dabei allerlei Anlass zu Spekulationen geboten. So wurde unter anderem gemutmaßt, dass das Konto in der Schweiz mit Verbindungen al-Hillis zum ehemaligen irakischen Diktator Saddam Hussein in Zusammenhang stehen könnte. Diese Vermutungen hat Generalstaatsanwalt Éric Maillaud jedoch als „Hirngespinste“ bezeichnet. Saad al-Hilli war Ingenieur und soll an Luftfahrt- und Satellitenkommunikationsprojekten beteiligt gewesen sein, hat jedoch offenbar keine spezielle geheimdienstliche Genehmigung erhalten, wie sie sonst in sicherheitsrelevanten Branchen stets üblich ist.