Interview

„Man muss aus Freude übers Seil gehen“

Rekordversuch über dem Grand Canyon: Drahtseilartist Freddy Nock über den Reiz des Risikos

Ohne Sicherung, in 450 Metern Höhe auf einem Seil über den Grand Canyon – der Hochseilartist Nik Wallenda, 34, hat sich an diesem Sonntag den schwierigsten und gefährlichsten Gang seines Artistenlebens vorgenommen. Wallendas Kollege und Konkurrent, der Schweizer Extremsportler und Rekordhalter Freddy Nock, wird die deutschsprachige Fernsehübertragung kommentieren. Mit Elke Bodderas sprach er über seine Konkurrenz mit Wallenda und dessen Drahtseilakt.

Berliner Morgenpost:

Herr Nock, was halten Sie von so einer Show: „Respekt, ich hätte mich das nicht getraut“ oder: „Nicht gerade eine überragende artistische Leistung. Aber eine clevere Idee“?

Es ist toll, so eine grandiose Kulisse zu überqueren. Auch ich wollte mir den Grand Canyon vornehmen, aber jetzt ist Nik Wallenda mir zuvorgekommen. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber als Konkurrenten lassen wir uns nicht aus den Augen. Nachdem er im vergangenen Jahr über die Niagarafälle balancierte, haben Wallenda und ich getwittert. Jetzt war er mit dem Grand Canyon etwas schneller als ich, aber was soll’s. Ich bin bei vielen anderen atemberaubenden Kulissen zum Zug gekommen, der Zürichsee, die Säntis-Schwebebahn oder die Zugspitze.

Was denken, was erleben Sie, was können Sie überhaupt noch wahrnehmen, wenn Sie ohne Sicherung über dem Abgrund balancieren?

Es ist ein Gefühl, das sich kaum beschreiben lässt. Ein Traum, der sich erfüllt. Ich bin spezialisiert darauf, Seilbahnen hochzulaufen. Da hat man es mit starken, eisigen Winden zu tun, mit Glätte, mit Schnee, da braucht man noch etwas mehr Respekt vor dem Seil. Die Risiken sind noch extremer. Als ich 2011 die Zugspitze hochgelaufen bin und den Weltrekord aufstellte, waren das 995 Meter und eine Höhendifferenz von 348 Metern auf einer Steigung von bis zu 57 Prozent. 500 Meter über den Grand Canyon zu laufen ist zwar keine allzu weite Strecke. Allerdings ist die Höhe schon enorm: Für Nik Wallenda ist der Canyon wahrscheinlich der höchste Lauf, den er jemals gemacht hat, 450 Meter hoch, eine Wahnsinnshöhe. In der Mitte über der Schlucht gibt es rechts und links keine Anhaltspunkte mehr zu sehen, da ist nichts. Man sollte gute Nerven haben. Vermutlich denkt Wallenda das Gleiche wie ich: Ja, wir könnten mit Sicherung laufen. Aber es wäre etwas ganz anderes.

Klingt nach gutem Selbstvertrauen.

Ich laufe niemals gesichert. Meine Sicherheit sind meine Hände und meine Füße. Mein Training, mein Talent. Wallenda verfolgt dasselbe Prinzip wie ich, er hat viel Erfahrung auf dem Hochseil und ein gutes Team hinter sich. Technisch versierte Menschen, die alles überprüfen, denen er vertrauen kann. Wie gut er kritische Momente geprobt hat und wie es um seine Fangtechnik bestellt ist, kann ich nicht sagen. Ich trainiere alle kritischen Situationen durch, Stürze, Ausrutscher. Alles, was passieren kann. Wenn plötzlich eine Bö mit 60 Stundenkilometern bläst, kann ich auf dem Seil umkehren und wieder zurücklaufen, ohne dass ich mich auffangen muss. Wenn es bei mir zu Hause stürmt, gehe ich nach draußen aufs Hochseil und trainiere. Bei schönem Wetter lasse ich mich fallen. Das Risiko ist überschaubar bei nur zweieinhalb Metern Höhe. Erst wenn ich mich fangen kann und auch die Balancierstange nicht fallen lasse, gehe ich aufs Hochseil. Wie Wallenda trainiert, weiß ich nicht. Aber ich weiß, er ist auf Sicherheit bedacht.

Läuft man mit Sicherung anders als ohne?

Kann ich nicht sagen. Ich bin nur ein einziges Mal in meiner Karriere gesichert gelaufen, nachdem im deutschen Fernsehen ein Artist abgestürzt war. Das war 2005, da wollte ich den Säntis hoch, auf dem Tragseil der Schwebebahn. Damals war die Seilbahn-Gesellschaft plötzlich der Ansicht, ich müsse mich sichern. Ich habe das befolgt, aber die Behinderung war so groß, dass ich den Weltrekord nicht schaffte. Übrigens kann es auch mit Sicherheitsausrüstung zu tödlichen Unfällen kommen. Wenn etwa ein Seil nicht gut befestigt ist. In Russland kam es zu einem Unfall, weil das Netz riss. Ich bin meine eigene Sicherheit und mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit kann ich mich auf mich verlassen. Bleibt rechnerisch ein Prozent Risiko. Verglichen mit der Gefahr, im Straßenverkehr zu verunglücken, ist das doch nichts.

Ist Angst tödlich?

Absolut, dann ist es aus. Man muss aus Freude übers Seil gehen. Meine Familie ist seit dem Jahr 1717 unterwegs mit Hochseil-Artistik, nie ist jemand verunglückt. In Wallendas Familie hat es allerdings einige Unfälle gegeben. Einer seiner Großväter ist verunglückt, weil das Seil nicht richtig befestigt war. Es begann zu schwingen, und der Mann hatte offensichtlich für diesen Fall nicht trainiert.

Sind Sie schon gestürzt?

Ja, mit 23 Jahren. Dummheit, Leichtsinn. Ich war jung, hatte übertrieben. Ich stürzte aus vier Metern auf den Asphalt. Glücklicherweise habe ich mir nur die Handgelenke gebrochen.

Was haben Sie falsch gemacht?

Eine hübsche Blondine in der Manege. Ich habe mich ablenken lassen. Aus diesem Sturz habe ich viel gelernt. Heute können 30 Blondinen unten sitzen, und es lässt mich kalt.

Was muss man können, um über den Grand Canyon zu balancieren?

Nick Wallenda benutzt ein sehr dickes Seil, fünf Zentimeter Durchmesser, ich hoffe, dass er dafür trainiert ist. Bei dicken Seilen braucht man eine spezielle Fangtechnik. Man kann sich nicht mit den Händen festhalten, man muss die Füße und die Unterarme benutzen. Aber das Schwierigste kommt danach: Man muss sich nicht nur festhalten, sondern sich auch befreien können, hochziehen, aufstehen, die Stange in der Hand behalten, weitergehen. Und falls die Stange unten liegt, muss man ohne sie weiterlaufen können.

Wenn Wallenda am Sonntag das Seil betritt – können Sie am Bildschirm sehen, wie es ihm geht?

Ich kann ihn spüren. Ich trainiere viele Kollegen und sehe ihnen von unten an, ob sie frisch sind oder verkrampfen und Angst haben. Für Nik Wallenda ist der Grand Canyon wohl der höchste Lauf, den er je gemacht hat. Er wird nervös und voller Adrenalin sein. Der kritischste Punkt liegt in der Mitte, da hat man nichts mehr um sich herum, da darf man keine Panik kriegen. Ich hoffe, dass er einen klaren Kopf behält. Wenn er drüben angekommen ist, werde ich einen großen Konkurrenten haben.