Investment

Ferienwohnungen im ehemaligen Nazi-Seebad Prora

Zwei Berliner Investoren bauen einen Teil der Anlage auf Rügen für Urlauber um. Viele Käufer kommen aus der Hauptstadt

– Die Wohnanlage hat alles, was Kapitalanleger und Eigennutzer an einer Ferienimmobilie schätzen. Direkten Zugang zum feinkörnigen, weißen Sandstrand, Balkone mit unverstelltem Wald- oder Meerblick und eine moderne und komfortable Innenausstattung. Potenzielle Käufer dürfen sich zudem über Denkmalschutz-Abschreibungen freuen. Denn der Baustart für das Urlaubsdomizil, für das der Berliner Michael Jacobi und sein Geschäftspartner Axel Bering am Sonnabend Richtfest feiern, erfolgte bereits vor 77 Jahren. Der Traum von der Eigentumswohnung direkt am Strand soll sich nämlich ausgerechnet dort verwirklichen, wo die Nationalsozialisten einst das KdF (Kraft durch Freude)-Seebad Prora bauten.

Die Nazis hatten die idyllische weitläufige Meeresbucht Proraer Wiek Anfang der 30er-Jahre ausgewählt, um dort den Prototyp einer neuen Massenferienunterkunft zu errichten. Nahe dem mondänen Seebad Binz sollten in einem knapp fünf Kilometer langen, nahezu durchgängigen Gebäuderiegel 20.000 Feriengäste Platz finden. Der preiswerte Strandurlaub sollte die Bevölkerung für die Nazi-Ideologie begeistern. Der Grundstein für das „KdF-Bad der Zwanzigtausend“ wurde am 2. Mai 1936 gelegt. Durch den Kriegsausbruch 1939 mussten die Bauarbeiten jedoch eingestellt werden, die Ferienanlage wurde nicht vollendet und ging nie in Betrieb.

Erholung für DDR-Militär

Die Anlage diente nach dem Zweiten Weltkrieg erst als Flüchtlingslager, dann unter anderem als Ferienheim für hohe Militärangehörige der DDR. Bis Anfang der 90er-Jahre war die Anlage für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und fehlte sogar auf den offiziellen DDR-Landkarten: Der „Mythos Prora“ bekam dadurch erst richtigen Aufschwung. Nach einer kurzen Zwischennutzung durch die Bundeswehr und einigen Jahren Leerstand wurden einzelne Blöcke ab 2004 vom Bund an private Investoren verkauft. Nach dem geltenden Bebauungsplan dürfen zwar nicht mehr 20.000 aber immerhin 3000 Gästebetten in Konkurrenz zu den Hotels und Pensionen des Ostseebades Binz entstehen. Aktuell nutzen auch noch eine Jugendherberge und mehrere Museen und Ausstellungen die teilweise sanierten Gebäude.

Im vergangenen Jahr hatten Michael Jacobi und Axel Bering knapp einhundert Meter des denkmalgeschützten nationalsozialistischen Erbes erworben. Verkäufer war Ulrich Busch, der Sohn von Agitpropsänger und Linken-Ikone Ernst Busch (1900-1980), der seinerseits den Block I und II im Jahr 2006 für 455.000 Euro vom Bund erworben hatte. Busch erwirkte zwar die Baugenehmigungen, konnte jedoch nicht allein bauen, weil das Kapital fehlte. „Ich kenne Busch seit 20 Jahren, die Zusammenarbeit lag da nahe“, sagt Jacobi.

Mit ihrem Ferien-Projekt, das den unverfänglichen Namen „Meersinfonie“ trägt, sehen sich die Investoren Michael Jacobi und Axel Bering als Vorreiter bei der Entwicklung des denkmalgeschützten Areals. In zwei Bauabschnitten entstehen jeweils 29 Eigentumswohnungen. Der erste Abschnitt im „Haus Aurum“ soll im Herbst an die Käufer übergeben werden. Nach eigenem Bekunden investieren die beiden Geschäftsleute allein in diesen Abschnitt 4,5 Millionen Euro. 21 Wohnungen seien bereits verkauft, so Jacobi. Mit dem heutigen Richtfest soll auch der Vertriebsstart für das „Haus Verando“ erfolgen. Ende 2014 soll die gesamte „Meersinfonie“ fertig sein. Die Kaufpreise für die 43 bis 99 Quadratmeter großen Wohnungen betragen 2300 bis 3900 Euro je Quadratmeter.

Die Käufer, sagt Jacobi, kämen überwiegend aus Berlin und den neuen Bundesländern. Die braune Historie des Ortes habe weder abschreckend gewirkt noch „Interessenten mit rechter Gesinnung angelockt“, betont der 46-Jährige. „Das Gebäude kann ja nichts dafür, dass es von den Nazis begonnen wurde“, sagt er. Außerdem, fügt der gelernte Banker hinzu, würden ja auch andere Gebäude dieser Epoche noch heute genutzt: „Hertha stört sich doch auch nicht daran, im Olympiastadion zu spielen. Und der Finanzminister residiere im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium an der Wilhelmstraße in Mitte. Zudem handele es sich bei dem Ensemble in seiner Architektur um keinen typischen Nazibau, sondern erinnere mit seinen klaren Linien eher an den Bauhaus-Stil. Die größenwahnsinnige Monumentalität des in den weißen Sand gesetzten Gebäudes jedoch lässt keinen Zweifel, wer es einst plante.

Was die neuen Eigentümer in den verkauften Blöcken machen, sei rechtlich nicht zu beanstanden, sagt der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider. „Nach 20 Jahren Verfall sind endlich Investoren da, die den Eindruck erwecken, dass sie solvent sind.“ Von den Wertsteigerungen der vergangenen Jahre hat das Ostseebad Binz, zu dem Prora gehört, nichts. Mit Argwohn schauen deshalb Hoteliers auf die Konkurrenz. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass man Prora nicht allein der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben überlassen hätte“, sagt Gemeindechef Schneider. Was ihn wurmt, sind die 3000 Betten die zusätzlich auf den touristischen Markt drücken und die sommerlichen Verkehrsprobleme um Binz mit bereits 14.500 Ferienbetten verschärfen.