Hochwasser

„Ich will einfach nur nach Hause“

Am Freitag erfahren die Menschen aus Wittenberge, ob und wann sie zurückkehren dürfen

Die Nerven liegen blank. Zäh zieht sich das tagelange Warten. Noch immer gibt es keine Entwarnung für die Menschen in Wittenberge an – oder genauer – in der Elbe. Warten. Noch immer dürfen die, die vor dem steigenden Wasser fliehen mussten, nicht zurück in ihre Wohnungen in der Altstadt. „Die Gefahr, dass ein Deich bricht und damit die Altstadt überflutet, ist noch nicht gebannt“, sagt Wolfgang Brandt vom Krisenstab des Innenministeriums. Landrat Hans Lange gibt vage Hoffnung: „Am Freitag werden wir eine Entscheidung treffen, ob die seit Tagen bestehende Evakuierung der Wittenberger Altstadt aufgehoben werden kann.“ Heißt also: warten.

In Wittenberge liegt der Wasserstand der Elbe da mit 7,29 Meter nur knapp unter dem Höchststand des Hochwassers von 2002 (7,34 Meter). „Neben dem Pegelstand ist der Zustand der Deiche entscheidend, ob die freiwillige Evakuierung aufgehoben werden kann oder nicht“, sagt Landrat Lange. Bei einem Wasserstand von einem Zentimeter unter dem Höchstniveau des Hochwassers von 2002 könne man derzeit nicht die Sicherheit der Anwohner garantieren. Und die sind zunehmend genervt. „Wie lange noch? Eine hundertprozentige Sicherheit kann sowieso niemand geben. Warum hält man uns so lange hin?“, fragt ein Anwohner.

Täglich schaut der Mann nach dem Rechten und geht zu Fuß etwa eine halbe Stunde quer durch die Stadt, um dann schließlich mit einem Passierschein in der Hand die an den Ausgangsstraßen der Altstadt postierten Polizeibeamten passieren zu können. Derzeit ist er bei Freunden untergekommen. „Doch lange möchte ich denen nicht mehr zur Last fallen. Spätestens am Wochenende packe ich meine Sachen und gehe in meine Wohnung zurück“, sagt der Mann. Seinen Namen mag er nicht sagen. Dass er nicht wie einige wenige in der Altstadt geblieben ist, sei der Tatsache geschuldet, dass er durchaus Respekt vor „Mutter Natur“ habe. „Wenn sich das Wasser den Weg gebahnt hat, dann gibt es hier kein Halten mehr.“

„Jetzt wird nichts mehr passieren“

Indes hat Manfred Hennig seiner Familie grünes Licht zur Rückkehr in ihre Wohnung gegeben. „Jetzt wird nichts mehr passieren“, sagt der Binnenschiffer bestimmt. Er kennt die Elbe, ist sein Leben lang auf dem Gewässer stromauf, stromab gefahren. „Als die kritische Marke von sieben Meter erreicht worden ist und sich abgezeichnet hat, dass das Wasser noch weiter steigt, habe ich meine Kinder und Enkelkinder geschnappt und sie zu mir nach Hause in meine hochwassersichere Wohnung gebracht“, sagt der 78 Jahre alte Pensionär. Das sei bereits vor knapp einer Woche gewesen.

„Ich bin am Sonntag ausgezogen“, sagt Hennigs Enkelin Katy. Die 28-Jährige musste sich erst noch um ihre Sittiche kümmern. „Doch dann habe auch ich Angst bekommen und bin von hier weggezogen“, sagt die Büroangestellte. Jetzt hofft sie, dass etwas Ruhe einzieht, denn das sei auch für sie eine nervenaufreibende Zeit gewesen. „Man weiß ja nicht, was passiert, und hat immer Angst, alles zu verlieren.“

Diese tagelange Angst zeigt Wirkung. So mag niemand in der Notunterkunft im nahe gelegenen Perleberg überhaupt noch etwas erzählen. Über das Wasser, über die Sorgen, über das Morgen. „Ich will einfach nur nach Hause“, sagt eine junge Frau, schiebt schnell den Kinderwagen beiseite und verschwindet im Schutz der Notunterkunft. Dort ist der Zutritt für Fremde verboten.

Während sich die Anwohner nach ihrem Zuhause sehnen, müssen sich vor allem die Autofahrer im Krisengebiet in Geduld üben. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und dass es jetzt nicht immer auf den Straßen schnell vorangeht, ist nun einmal so“, sagt Xaver Keller und schließt die Seitenscheibe seines Wagens. Eingekeilt zwischen einer Kolonne von Polizeifahrzeugen vor und mehreren Einsatzfahrzeugen des THW hinter sich, geht es nur langsam durch Wittenberge in Richtung Ausfallstraße nach Perleberg. Der Weg führt normalerweise unter den Bahnschienen nahe dem Bahnhof Wittenberge durch. Doch diese Unterführung ist derzeit gesperrt.

„Mein Navi kann ich vergessen“, sagt Steven Kroll. Der aus Berlin kommende Unternehmer hat im Landkreis dienstlich zu tun. „So viel Zeit habe ich bei all den Touren durch den Landkreis noch nie in meinem Auto zugebracht“, sagt er. Viele Straßen sind gesperrt, und um ans Ziel zu gelangen, müsse er lange, bislang nicht bekannte Umwege fahren. „Das hat aber auch einen Vorteil. So lernt man dieses durchaus schöne Stückchen Brandenburg noch ein wenig besser kennen“, sagt der 48-Jährige.

Und während der Geschäftsmann noch am Abend in Wittenberge eine Übernachtung sucht, gleicht die Altstadt mit ihrem Hafenviertel einer Geisterstadt. Die alten Gemäuer verschwinden in der abendlichen Sonne und zeigen nur noch schemenhaft ihre Konturen. Für die Polizisten, die das Viertel bewachen, sind die Straßenzüge an diesem Abend mehr als überschaubar. Kein Auto versperrt den Blick in der Altstadt. Die meisten der Haustüren sind noch immer mit Sandsäcken verbarrikadiert. Niemand kann sagen, wie lange das noch so sein wird. Der Wasserdruck auf die Deiche ist enorm.

Kontrolle aus der Luft

Auf 17 Kilometern kontrollieren vier Gruppen von Deichläufern die Schwachstellen. Die zehn bis 15 Mann starken Kommandos haben jeweils 1000 Sandsäcke dabei. Sorge bereitet den Einsatzkräften das Treibgut auf der Elbe. „Mit der zu erwartenden Wetteränderung und der damit veränderten Windrichtung steigt die Gefahr, dass mehr Treibgut gegen die Deiche gepresst wird“, sagt Landrat Lange. Hilfe gibt es aus der Luft. Um Schwachstellen in aufgeweichten Deichen zu entdecken, setzen Geo-Experten aus Hannover vom Hubschrauber aus über der Prignitz eine Wärmebildkamera ein. Derweil geht unten in Wittenberge das Warten weiter.