Prozess

Der Pate von Boston

Er ist 83 Jahre alt und hat mindestens 19 Menschen ermordet: Der Gangsterboss James „Whitey“ Bulger steht vor Gericht

Der Mann hat etwas von einer Legende, man wünschte sich, jemand würde einen Film über sein Leben drehen. In gewisser Weise existiert dieser Film natürlich längst: In Martin Scorseses „Departed – Unter Feinden“ gibt es die Figur des Gangsterbosses, dargestellt von Jack Nicholson. Aber das ist eine Nebenrolle. Man wünschte sich freilich einen Film, der sich voll und ganz auf diesen Mann und sein Leben konzentrierte. Das Drehbuch sollte am besten William Shakespeare schreiben. Heute beginnt in Boston der Prozess gegen ihn: James „Whitey“ Bulger, beschuldigt der Bandenkriminalität und des 19-fachen Mordes.

Als die Polizei Bulger im Sommer vor zwei Jahren mit seiner Freundin in Santa Monica in Kalifornien verhaftete, war das beinahe eine Enttäuschung. Der Mann sah aus wie ein Rentner: weißer Bart, Haarkranz um die Glatze, klarer Blick. Er leistete bei seiner Festnahme keinen Widerstand. Allerdings war er damals auch schon 81 Jahre alt. 16 Jahre davon hatte er auf der Flucht verbracht, zwölf Jahre lang galt er als der meistgesuchte Verbrecher der USA überhaupt. Er wurde überhaupt nur deshalb gefasst, weil ihn ein ehemaliges Model – Anna Bjornsdottir aus Island – auf der Straße erkannt hatte. Zwei Millionen Dollar (1,51 Millionen Euro) zahlte ihr die Polizei als Belohnung aus. Mehr Geld war nur noch auf den Kopf eines anderen Mannes ausgesetzt: Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden.

Wo müsste ein Film über Whitey Bulger ansetzen? In seiner Jugend: Er wuchs im Süden von Boston auf, zu einer Zeit, als diese Gegend noch nicht als schick galt, sondern arm, irisch und katholisch war. Er stammte aus den „housing projects“ – Wohntürmen, in denen jene hausten, die sich sonst nichts leisten konnten. Schon als junger Dieb und Tunichtgut zeigte er jene Charaktereigenschaften, die dann sein Leben bestimmen sollten: Neigung zur Gewalttätigkeit und hohe Intelligenz. Und eine geradezu wütende Loyalität gegenüber dem Süden von Boston, der Gegend, in der er aufgewachsen war. Wie so viele Gangster empfand Whitey Bulger sich als Beschützer, nicht als Tyrann.

Aufstieg zum Unterweltboss

Sein erster Mord war ein glattes Versehen. Anfang der 70er-Jahre – da hatte Bulger schon mehrere Jahre im Gefängnis hinter sich, unter anderem saß er auf der berüchtigten Inselfestung Alcatraz vor San Francisco ein – beschloss er als Mitglied einer irischen Verbrecherbande, ein Mitglied einer gegnerischen Gang zu erschießen. Der Name des Opfers: Paulie McGonagle. Eines Tages sah Bulger, wie McGonagle ihm im Auto entgegenkam. Bulger kurbelte sein Seitenfenster herunter, McGonagle tat es ihm gleich, Bulger rief McDonagles Namen, dann schoss er ihm eine Kugel ins Gesicht. Erst da erkannte Bulger, dass er den Falschen erschossen hatte: nicht Paulie, sondern Donald McGonagle, dessen Bruder, der völlig harmlos war. Bulger fuhr sofort zu seinem Gangsterboss, aber der beruhigte ihn: Donald habe geraucht, sagte er, er wäre über kurz oder lang sowieso an Lungenkrebs gestorben.

Danach stieg Whitey Bulger zum Chef der kriminellen Unterwelt von South Boston auf. Wer unter ihm nicht spurte, kassierte keine Abreibung, er wurde auf der Stelle umgebracht. Allerdings richtete sich die Gewalt nicht gegen Unbeteiligte, sondern gegen andere Verbrecher. In den 80er-Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere – Bulger und seine Bande erpressten im gesamten östlichen Massachusetts Geld, tätigten illegale Buchmacher- und Kredithaigeschäfte und raubten ganze Lastwagen – haben sie zum Beispiel nie Drogen auf den Straßen von Boston verkauft. Stattdessen zwangen sie die Drogenhändler mit vorgehaltener Waffe, etwas von ihren Gewinnen abzugeben – und sorgten dafür, dass nur „saubere“ Drogen unter die Leute kamen. Heroin war strikt verboten; ebenso wäre es eine todeswürdige Sünde gewesen, Drogen an Schulkinder zu verkaufen.

Wer sich Dinge anmaßte, die ihm nicht zustanden, der musste sterben. Louis Litif etwa, ein Buchmacher, der nebenbei ein bisschen mit Kokain dealte und außerdem zwei Morde begangen hatte, ohne Bulger um Erlaubnis zu fragen. Als er auch noch drohte, einen Freund von Bulger umzubringen – Litif beschuldigte jenen Freund, ihn bestohlen zu haben –, war das Maß voll. Ein anderer Freund von Whitey Bulger, der seine Hochzeit plante, erzählte, er wisse noch nicht genau, wo Louis Litif sitzen werde. „Mach dir keine Sorgen“, antwortete Bulger ihm, „er wird wahrscheinlich eh nicht kommen.“ Eine Woche vor der Hochzeit wurde Litif in einem Müllsack gefunden. Er war mit einem Eispickel erschlagen und zur Sicherheit dann auch noch erschossen worden.

Der Lottogewinn half nicht mehr

Der Sturz des Gangsterbosses begann 1994 – damals beschloss die US-Drogenvollzugsbehörde, sich Bulgers Spielergeschäfte zusammen mit der Polizei des Staates Massachusetts und der Polizei von Boston einmal genauer anzusehen. Das FBI war an der Untersuchung nicht beteiligt; es galt mittlerweile als hoffnungslos kompromittiert. Ironischerweise hatte Bulger gemeinsam mit drei Freunden drei Jahre zuvor 14 Millionen Dollar im Lotto gewonnen. Aber das nützte ihm nun nichts mehr; nach dem Herbst 1996 befand Bulger sich auf der Flucht.

Allgemein wird erwartet, dass der Prozess, der jetzt beginnt, sich als ausgesprochen peinlich für das FBI erweisen könnte. Niemand weiß genau, wann die Bundespolizei Bulger rekrutiert hat. Man nimmt an, dass er irgendwann Mitte der 70er-Jahre anfing, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Irgendwann fing der Schwanz an, mit dem Hund zu wedeln. 2008 wurde der ehemalige FBI-Agent John Connolly, der sozusagen Bulgers Führungsoffizier war, verurteilt, weil er Bulger Informationen zugespielt hatte, die zu einem Mord führten. Das war bestimmt nicht alles, das dicke Ende kommt noch. Vor allem aber wünscht man sich, dass unter den Protokollanten auch ein gewiefter Drehbuchautor im Gerichtssaal in Boston sitzt.