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Raab stiehlt Lanz die Show

„Wetten, dass ..?!“ war das Flagschiff der deutschen TV-Unterhaltung. Jetzt aber droht es unter dem Kommando seines Moderators zu sinken

Es sollte eine schillernde Mallorca-Premiere für Markus Lanz werden. Doch dann kam alles anders. Nach dem Selbstmordversuch von Michael Jacksons Tochter Paris fielen sie und ihr Bruder Michael Prince jr. aus. Pamela Anderson sagte ab und schließlich auch noch eine Wettkandidatin. Die größte Katastrophe für Markus Lanz aber war, dass Stefan Raab zugesagt hatte. Denn in den ersten 20 Minuten ist klar, wie „Wetten, dass ..?!“ laufen müsste. Es braucht einen schlagfertigen, frechen und lässigen Entertainer, der die Wetten am liebsten gleich selbst ausführen würde. Der seinen Wettkandidaten hinterher kameradschaftlich umarmt. Da sitzt plötzlich einer, der es kann. Der selbstironische Raab freilich ist nur erschienen, um seine neue Erfindung – einen Duschkopf – zu promoten. Aber gleich zu Anfang macht er mit seinem bissigen Humor klar, wer der Chef in der Stierkampfarena zu Palma de Mallorca ist. Zur offensichtlich schwangeren Michelle Hunziker meint er: „Berlusconi kann’s nicht lassen, was?!“ Böse – aber verdammt gut. Es ist, als läuft sich Raab warm. Für exakt den Moment, in dem die ZDF-Bosse verstehen, dass Markus Lanz Talk kann, aber keine Show.

Den Rest des Abends sitzen Stefan Raab und Michelle Hunziker auf der Couch wie die zwei Coolen der Schule in der letzten Reihe. Später gesellt sich Komiker Paul Panzer dazu, dann Schauspieler Gerard Butler. Sie alle halten nicht hinterm Berg mit ihrer Meinung zur Lanz-Premiere auf Mallorca: Fremdschämalarm! In der Tat, zwischenmenschlich gesehen geht an diesem Abend alles daneben, was nur schiefgehen kann. Schuld daran ist der tollpatschig-steife Moderator. Ein Paar Sneakers trägt er zum Anzug, mehr lockere Urlaubsstimmung wäre für ihn Kontrollverlust. Er ist so sehr bemüht , smart zu sein, dass er die Stimmung um sich herum kaum noch wahrnimmt.

Das Publikum gegen Lanz

Da begeht er auch schon den ersten schlimmen Fehler: Lanz bringt seine Assistentin Cindy von Marzahn gegen sich auf. Als Wetteinsatz soll Michelle Hunziker – die einst unter Thomas Gottschalk Show-Assistentin war – für Cindy einspringen, wenn diese mal nicht kann. Cindy fühlt sich übergangen, Michelle ist das sichtlich unangenehm. „Wir sind dann zusammen deine Assistentin“, versucht Hunziker die Situation zu retten. Zu spät. Für den Rest der Sendung spielt Cindy die beleidigte Leberwurst. Aber man nimmt ihr nicht ab, dass das nur gespielt ist. Überhaupt: Die Witze über Cindys Körperumfang sind abgenutzt – genauso wie die Bemerkungen über Michelle Hunzikers Schönheit.

Schließlich bringt Lanz das Publikum gegen sich auf. Seit der Mann aus Tirol „Wetten, dass..?!“ präsentiert, gibt es die Zuschauerwette gegen den Moderator. Hier will er beweisen, dass er kämpfen kann. Drei Zuschauer reichen Wetten ein, und das Publikum entscheidet, was Lanz gegen den Kandidaten schaffen muss. Kurioserweise ist diesmal einer davon Howard Carpendale.

Doch Markus Lanz und Cindy sprechen permanent von „Howard aus München“. „Was machen Sie von Beruf, Howard?“, fragt die Assistentin. Wenn das witzig sein soll, kommt es beim Publikum nicht an. Also, Lanz soll gegen eine Kandidatin Limbo tanzen. Es stellt sich heraus, dass diese das gar nicht kann. Also tritt Lanz gegen Carpendale im Kugelstoßen an – und verliert knapp. Da Carpendale den Preis – eine Reise – aber nicht gewinnen darf, bekommt diesen die Frau, die nicht Limbo tanzen kann. Kuddelmuddel. Lanz ist überfordert. Der dritte Kandidat geht leer aus, eine Schummlerin kriegt die Reise, und was Carpendale beitragen sollte, ist unklar. Das Publikum buht immer wieder. Lanz reagiert nicht. Es ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.

Michelle Hunziker ist schwanger. Das kann jeder sehen. Markus Lanz reicht das nicht. Er fragt sie aus – und nennt das hinterher wahrscheinlich investigativen Journalismus. Was es denn wird. Ob sie schon verlobt ist. Auf was sie Heißhunger hat. Irgendwann wird das selbst einem TV-Profi wie der Hunziker zu doof. Michelle ist genervt und will das Thema wechseln. Lanz checkt einfach nicht, wann es genug ist. Und natürlich durfte auch die obligatorische Hollywood-Star-Demütigung nicht fehlen: Diesmal darf sich Gerard Butler Eiswürfel in die Hose schütten (die Kamera hielt von oben drauf) und dabei Goethe rezitieren.

Halbe Million für Flutopfer

Glücklicherweise gibt es auch ein paar echte Highlights. Stefan Raab singt als verlorenen Wetteinsatz gemeinsam mit Jürgen Drews „Ein Bett im Kornfeld“ – wie schon in den Neunzigern. Ein guter Moment. Der eigentliche Star der Show sind aber die Wetten. Bis auf die Kinderwette sind die alle akrobatisch sehr anspruchsvoll (per Salto rückwärts in Badehosen springen, Nüsse mit dem Po knacken, eine Feuerwehrleiter hinaufhangeln, einen Truck mit den Beinen stemmen). Und es gibt eine Wette gegen die Zuschauer: Dass am Ende der Sendung keine 500.000 Euro für die Hochwasseropfer zustande kommen. Die Summe wird leicht getoppt, diese Sendung ist also doch für etwas gut.

Und dann gibt es da noch den Auftritt der Geissens. Wenig überraschend: Das Publikum liebt die dekadente Fernsehfamilie. Lanz fehlt selbstverständlich jede Ironie, dieses schräge Paar zu bändigen. Exakt wie in ihrer Reality-Sendung pöbeln sie sich durch „Wetten, dass ..?!“ Dann singt der Brite Passenger seinen Hit „Let her go“, und der Zuschauer wünscht sich, der junge Mann würde einfach nicht aufhören zu singen, ein ganzes Konzert geben – damit es endlich aufhört mit dem Fremdschämen. Oder Stefan Raab übernimmt. Jetzt. Sofort.