Gewalt

Auftragskiller töten Volleyballstar

Spanische Polizei nimmt zwei Verdächtige im Mordfall Ingrid Visser fest. Das Motiv ist unklar. Es soll um viel Geld gegangen sein

Noch immer forscht die spanische Polizei nach dem genauen Motiv für den Doppelmord an der berühmten niederländischen Volleyballspielerin Ingrid Visser, 36, und ihrem Lebensgefährten Lodewijk Severein, 57. Die Leichen des Paars wurden in der Nacht zum Montag unweit eines einsam gelegenen Landhauses in Alquerías, einem kleinen Ort in der Provinz Murcia, gefunden.

Die Bevölkerung dort stand unter Schock, nachdem bekannt geworden war, dass Lodewijk vor seinem Tod brutal gefoltert worden war und man ihm bei Bewusstsein die Zähne gezogen und den Kiefer zertrümmert hatte. Unklar ist, ob Visser vor ihrem Tod ebenso litt wie ihr Partner. Nach ihrem Tod wurden beide offenbar mit einer Kreissäge enthauptet und zerstückelt, wie die Tageszeitung „ABC“ meldete. Eine Obduktion soll weiteren Aufschluss geben.

Die Polizei fand die Leichenteile in Plastiktüten verpackt und notdürftig verscharrt in einem Zitronenhain in Alquerías, 15 Kilometer entfernt von dem Haus, in dem die Morde stattfanden. Während spanische Fernsehteams die umgegrabene Erde filmten, versicherten die Anwohner, weder etwas gesehen oder gehört zu haben. Verhaftet wurden bisher zwei rumänische Auftragskiller im Alter von 59 und 47 Jahren sowie der ehemalige Volleyballmanager Juan Cuenca Lorente, 36, Sportdirektor des Klubs CAV Murcia. Inwieweit es eine Verbindung gibt, wurde offiziell nicht mitgeteilt. Die Polizei konzentriere sich nun darauf, den Auftraggeber der Killer zu identifizieren, sagte Joaquín Bascuñana, Präfekt der Region Murcia.

Wilde Spekulationen

Die Polizei wollte auch keine Angaben dazu machen, wie sie auf die Spur der drei Männer kam. Ebenso unklar ist bislang das Tatmotiv. Die Polizei geht davon aus, dass das Paar „freiwillig“ zum Landhaus fuhr und dort eine „geschäftliche Unterredung“ hatte. Murcia war für die niederländische Nationalspielerin kein neues Terrain, zwischen 2009 und 2011 hatte sie für den Verein gespielt. Cuenca Lorente war dort in dieser Zeit für die Finanzen zuständig.

So unklar das Motiv, so intensiv wird spekuliert, worum es ging. Niederländische Zeitungen etwa vermuteten, dass Visser möglicherweise noch Honoraransprüche an den CAV Murcia hatte. Der Verein war durch die Finanzkrise in Spanien zahlungsunfähig geworden. Die spanische Polizei gab keine weiteren Daten heraus. Die Ermittlungsergebnisse blieben geheim, bis mehr Klarheit herrsche.

„Wir prüfen alle Kontakte und Beziehungen, die Frau Visser während ihres Aufenthalts in Murcia hatte“, sagte der örtliche Polizeichef Cirilo Durán. Eine wichtige Rolle bei der Aufklärung des Verbrechens dürfte auch ein Anwalt aus Murcia spielen, der mehrere Tage vor dem Treffen von Ingrid Visser mit ihren Mördern einen Brief von ihr erhielt. Den Inhalt des Schreibens wollte die Polizei ebenfalls nicht preisgeben.

Der Fall ist mehr als konfus. Ihrer Familie in Amsterdam hatte die Sportlerin erzählt, sie reise nach Südspanien, um in Murcia eine Fruchtbarkeitsklinik zu besuchen. Wie die Zeitung „Levante“ aus Valencia unter Berufung auf „glaubwürdige Kreise“ behauptete, war die ehemalige Spielführerin des niederländischen Nationalteams im dritten Mo-nat schwanger und unterzog sich einer routinemäßigen Kontrolluntersuchung. Dann folgt eine wilde Geschichte.

Der Besuch der Klinik allein war der Zeitung zufolge keineswegs das einzige Motiv für die Spanienreise. Das Paar wollte sich mit dem ehemaligen Volleyballmanager Cuenca Lorente treffen, dabei soll es um Geldforderungen gegangen sein. Offenbar wurden demnach nicht nur die ausstehenden Gehälter der Sportlerin eingefordert, sondern auch eine Summe, die Vissers Lebensgefährte Lodewijk Severein dem Sportmanager vor Jahren überreicht haben soll, im Glauben, der Spanier investiere das Geld in einen Marmor-Steinbruch.

Der niederländischen Presse zufolge soll Severein mehrere Betriebe in den Niederlanden gehabt haben. Die an den Spanier überreichte Summe sei hoch gewesen, schrieb „Levante“. Als Severein auf die sofortige Rückzahlung gedrängt habe, habe Cuenca Lorente keinen anderen Ausweg gesehen, als zwei rumänische Auftragskiller zu engagieren. Diese hätten für ihn die „Drecksarbeit“ erledigt.

Der brutale Mord hat auch die Niederländer, die in Südspanien leben, aufgeschreckt. „Niemand hat mit so einem Ausgang gerechnet“, sagte Roberto van der Hoeven, ein Freund der Familie, der seit vielen Jahren in Denia lebt.

Das ermordete Paar war am 13.Mai nach Murcia gekommen und hatte sich im Hotel „Churra Vistalegre“ einquartiert, am 15.Mai wurden die beiden vermisst gemeldet. Bei der Ankunft hatten die beiden ein Auto gemietet, das die Polizei eine Woche später sauber abgestellt in der Innenstadt von Murcia fand. Überwachungskameras zeigten später, dass Visser und Severein es dort selbst geparkt hatten.

Angehörige unter Schock

Die Angehörigen von Ingrid Visser haben offenbar noch nicht die Absicht, nach Spanien zu reisen, um die Leichen zurückzuholen. Der Familienanwältin Miriam van der Welde zufolge, die als offizielle Sprecherin fungiert, sind sie „völlig erschüttert“ und wollen erst abwarten, bis das Medizinische Institut von Murcia die Identität der beiden Leichen zweifelsfrei bestätigt.

Völlig mitgenommen zeigte sich auch Evedasto Lifante, ein murcianischer Unternehmer und Besitzer des Volleyballklubs CAV Murcia 2005. Der lokalen Zeitung „La Verdad“ sagte er, Juan Cuenca Lorente habe den Klub schon Mitte 2011 verlassen und damals alle Unterlagen mitgenommen, sogar den Computer. „Ich weiß nicht, in was für Sachen er verstrickt war“, sagte Lifante der Zeitung. „Geld kommt und geht, aber das Leben kann den beiden niemand mehr zurückgeben.“