Mount Everest

Traumziel auf 8848 Meter Höhe

Vor 60 Jahren bestiegen Tenzing Norgay und Edmund Hillary als Erste den Mount Everest. Heute stauen sich die Touristen am Berg

In eisigen Höhen ist die Luft niemals zu dünn für schöne Schimpfworte. Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay am 29.Mai 1953 vom Gipfel des Mount Everest zurückkommen, treffen sie am Südsattel zuerst George Lowe, den neuseeländischen Freund Hillarys. Die Begrüßungsworte sind überliefert. „Well, George, we’ve knocked the bastard off.“ In neuen Büchern steht als Übersetzung „Wir haben den Bastard drangekriegt“, was keine Verunglimpfung eines heiligen Bergs sein soll, der in Tibet „Mutter des Universums“ heißt, Chomolungma.

Hillary selbst hat die Worte in seiner Autobiografie bezeugt, meint aber, sie seien kaum zur Veröffentlichung, sondern persönlich für seinen Freund gesagt worden. Und dort, wohl übersetzt zuerst 1976, heißt es: „Nun, wir haben den Schweinehund geschafft.“ Wer kennt noch den Schweinehund!

Lowes untadelige Antwort: „Das habe ich mir gedacht.“

Hillary war ein Mann, der nicht zu Pathos neigte und gerne knurrige, knappe Antworten gab. 15 Minuten verbrachten die beiden Erstbesteiger auf dem Gipfel, mittags halb zwölf Uhr. Sie umarmten sich schüchtern, schauten sich staunend um. Der Himmel war fast schwarz. Der tiefgläubige Sherpa Tenzing fiel auf die Knie, um im Schnee auf 8848 Metern Höhe persönliche Dinge für die Götter zu vergraben, Bonbons, Schokolade und einen Bleistiftstummel, den seine Tochter ihm gegeben hatte. Hillary vergrub ein Kruzifix, aber kaum, weil es ihm ein Anliegen war, mehr, weil der Expeditionsleiter es ihm gegeben hatte. Dem „Catholic Herald“ erklärte er später deutlich, keinen religiösen Glauben zu haben. „Mir selbst hat das gar nichts bedeutet.“

Hillary fotografierte die meiste Zeit über. Das Bild Tenzings mit dem hochgereckten Eispickel und den Fähnchen ist weltberühmt. Der Neuseeländer wollte, dass Tenzing auch von ihm ein Bild mit der Retina 118 von Kodak machte, aber der Sherpa konnte den Apparat nicht bedienen. Beide aßen ein wenig Pfefferminzkuchen, setzten dann die Sauerstoffmasken wieder auf.

In zwei Autobiografien, 1955 und 1976, hat Hillary nicht alles erzählt, was damals auf dem Gipfel geschehen ist. Erst 2001, in „Die Abenteuer meines Lebens“, fügte der Bergsteiger ein Detail hinzu. Höhenbergsteiger müssen trinken, so viel es geht, sonst wird das Blut unnötig dicker. Zugleich fällt es in großer Höhe enorm schwer, nicht nur die Zubereitung, auch das schlichte Trinken. Ed Hillary aber hatte vor und am Gipfeltag viel trinken können, die Flüssigkeit musste heraus. Vor dem Abstieg öffnete er also seine Hose und erleichterte sich auf dem höchsten Punkt der Erde. Der Mount Everest nahm es nicht übel. Nach mehr als zwei Stunden schwierigem Abstieg legten die beiden im Hochlager eine Pause ein und tranken Zitronenwasser, um 16 Uhr erreichten sie den Südsattel und George Lowe, der Suppe bereithielt, kurz darauf gab es noch Tee.

Gegen 17.30 Uhr machte Wilfrid Noyce sich auf, um am Südsattel noch einmal aufzusteigen. Er nahm zwei Schlafsäcke und einen Sherpa mit. Oben platzierte er die Schlafsäcke zu einem „T“, legte sich hin und bat den Sherpa, ebenfalls Platz zu nehmen. Es war ein bizarres Bed-in, lange vor Yoko Ono und John Lennon, allerdings mit praktischen Absichten. Das „T“ sollte der Gruppe in den unteren Lagern „Top“ signalisieren, den Gipfelerfolg. Zwei Schlafsäcke parallel hätten bedeutet, dass nur der Südgipfel erreicht worden war, ein einzelner Schlafsack, dass alles gescheitert war. Allerdings war das „T“ verlorene Mühe. Wolken versperrten die Sicht.

Die Erzählung vor der ersten Besteigung des Mount Everest vor 60 Jahren klingt heute noch so abenteuerlich wie damals. Die Echtheit und der Wagemut springen dem Leser nahezu ins Auge. Und das vor allem, weil sich die Situation am Berg und die Sicht darauf komplett geändert haben.

Schlange stehen am Berg

Von Jahr zu Jahr gehen Fotos um die Welt von Hunderten von Bergsteigern, die sich an Seilen festhalten und Schlange stehen auf ihrem Weg in die extrem unwirtliche Region, die zwangsläufig den Tod bedeutet, wenn man sich länger dort aufhält. Die touristische Nutzung des Bergs ist in großem Stil im Gange, für viel Geld werden Kunden zum Gipfel oder in die Nähe gebracht, es gibt immer wieder Stau und – zuweilen deshalb – auch Tote. 2012 war ein katastrophales Jahr am Everest mit insgesamt zehn Menschen, die starben. Im Jubiläumsjahr wird ein ähnliches Rennen wie im vergangenen Jahr erwartet. Denn seit praktisch der gesamte Aufstieg mit Seilen gesichert und im gefährlichen Khumbu-Eisbruch mit Leitern versehen wird, ist der Berg relativ einfach zu besteigen, jedenfalls keine Kletterei nur für Ausnahmemenschen.

Walter Lücker schreibt in seinem Buch „Der höchste Berg“ von Träumen und Albträumen am Everest. Er prangert die Zustände an, die er selbst im überfüllten und mit allen Finessen der modernen Technik ausgestatteten Basislager erlebt hat, der Berg wird benutzt als Abenteuer-Rennbahn von Menschen, die oft nicht genug Bergsteigen können, um in dieser Höhe annähernd sicher zu sein.

Mit elf Bergsteigern hat Lücker Gespräche geführt und sie vom Everest erzählen lassen, es sind berühmte Kletterer. Die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner etwa schimpft: „Wer im Basislager noch schnell lernen will, wie man ein Zelt auf engstem Raum aufstellt und wie man die Steigeisen im Stehen anlegt, der hat an diesem Berg einfach nichts verloren.“ Reinhold Messner sagt: „Außerdem ist auch der Mount Everest im Gänsemarsch peinlich.“ Sein Partner Peter Habeler, mit dem er als Erster ohne Sauerstoff auf dem Gipfel war, stellt die boshafte Frage: „Und, war es nett, am Everest anzustehen wie an einer Bushaltestelle?“

Die Coolness der Pioniere

Der Gegensatz zwischen Elite und Masse, Avantgarde und Nachahmern wird deutlich. Der erfolgreiche Expeditionsleiter Russell Brice sagt, es gehe um die Sicherheit der Kunden, weshalb er wie viele auf künstlichen Sauerstoff besteht. Eine Umkehr der Verhältnisse am Berg ist nahezu ausgeschlossen, die Kunden wollen es, die Industrie will es, Nepal will es.

Dennoch lassen Lücker und die professionellen Extrembergsteiger keine Zweifel daran, dass der Berg sie fasziniert. Jahrzehntelang gab es Versuche, den höchsten Punkt der Welt zu „erobern“, der in der westlichen Hemisphäre nach einem britischen Landvermesser in Indien benannt ist: George Everest (1790–1866). Auch deshalb begriffen die Briten den Everest als „ihren“ Berg.

Es ist vor allem George Lowe zu verdanken, dass wir heute so viel über die Expedition wissen. Gerade sind sein spannendes Tagebuch mit dem leicht irreführenden Titel „Briefe vom Everest“ sowie der Bildband „Die Eroberung des Mount Everest“ mit Lowes Fotos veröffentlicht worden. Der Neuseeländer nimmt die Sherpas auf, wie sie sich die Lederschuhe schnüren, er fotografiert die Bergsteiger, die mal mit ihren karierten Hemden und Hosenträgern aussehen wie Touristen, mal wie Insekten in einer Eiswüste erscheinen.

Das Unwirtliche, Ausgesetzte der Region ist wesentlich deutlicher in diesen historischen Fotos zu spüren als in den heutigen Bildern. Ebenso die Abenteuerlust. Die freudige Kühnheit und die grimmige Entschlossenheit von Hillary stehen ihm selbst dann im Gesicht geschrieben, wenn er Mütze und Maske trägt. Nie wirkt das absichtlich heroisch. Wahrscheinlich wussten die Bergsteiger wirklich nicht, welchen Rummel sie auslösen würden. An diesem eiskalten Ort darf man von Coolness sprechen.

George Lowe, Huw Lewis Jones: Die Eroberung des Mount Everest. Knesebeck, München. 240 S., 29,95 €.

George Lowe: Briefe vom Everest. Herbig, München. 208 S., 17,99 €.

Walter Lücker: Der höchste Berg: Traum und Albtraum Everest. Malik, München. 528 S., 26,99 €.