Kriminalität

„In Deutschland ist die Mafia sicher“

In seinem neuen Buch schreibt „Gomorrha“-Autor Roberto Saviano über die Drogenkartelle der Mafia und Rostock als Umschlagsplatz für Kokain

Sein erstes Buch war sein Todesurteil. Nachdem Roberto Saviano in „Gomorrha“ Namen, Praktiken und Beziehungen der neapolitanischen Mafia beschrieb, schworen die Bosse Rache. Der Tatsachenroman wurde zum Welterfolg, Saviano unter Polizeischutz gestellt. Jetzt, sieben Jahre später, widmet Saviano sich der Haupteinnahmequelle des organisierten Verbrechens. In „Zero Zero Zero“ verfolgt der 33-Jährige den weltweiten Kokainhandel.

Berliner Morgenpost:

Sie können nie ohne Eskorte ausgehen. Wie konnten Sie überhaupt recherchieren?

Durch den ständigen Polizeischutz in den vergangenen Jahren habe ich viele Ermittler kennengelernt und Zugang zu Akten, Verhörprotokollen und Zeugen bekommen. So konnte ich die Dynamiken der Drogenkartelle studieren und sogar die Bosse selbst treffen. Es klingt paradox, aber je stärker ich abgeschirmt wurde, desto näher war ich am Geschehen dran. Was mir nicht mehr möglich ist, ist es, auf die Straße zu gehen und mich unter die Leute zu mischen.

Sie sind den Weg des Kokains nachgereist, von der Gewinnung bis zum Gebrauch.

Ich habe teilweise verdeckt ermittelt, mit falscher Identität. Aber ich habe nicht einen auf Johnny Depp in „Donnie Brasco“ gemacht. Ich will eine Welt zeigen, die jeder kennt, keine Exotik. Mexiko-Stadt soll Reggio Calabria ähneln, Monterrey wie Mailand wirken, Bogotá wie London. Damit jeder versteht, wie eng die Geschichten, die ich erlebt habe, mit unserem Alltag verbunden sind.

Sie sagen: Jeder Mensch kennt eine Person, die kokst. Was macht die Droge so unwiderstehlich?

Kokain wird nicht als Droge wahrgenommen. Es wird als eine Art Aperitif gesehen, als Mittel gegen Müdigkeit und Erschöpfung. Der Lkw-Fahrer nimmt es, um weiter zu fahren, der Koch, um schneller zu arbeiten, der Chirurg, um länger zu operieren. Dabei lässt Koks dein Herz explodieren, es macht dich impotent und neurotisch, aber das merken die Menschen nicht. Koks ist nicht wie Heroin, das dich völlig kaputt macht, nicht wie Ecstasy, das dich die Nacht durchtanzen lässt, nicht einmal wie ein Joint, der dich fröhlich und träge macht. Kokain ist eine Droge, die deinem Leben mehr Leben gibt – was du am Ende mit dem Tod bezahlst.

Haben Sie schon mal gekokst?

Nein, aber nicht aus moralischen Gründen, eher aus chauvinistischen. In meinem Heimatort wurde es als unehrenhaft angesehen, Drogen zu nehmen. Das galt als unmännlich. Jetzt bereue ich fast, dass ich es nie ausprobiert habe.

Nicht einmal zu Recherchezwecken?

Für die Arbeit an meinem Buch wäre das sicherlich hilfreich gewesen. Aber so wichtig war es mir dann doch wieder nicht.

Wie kommt das Kokain zu uns?

Der Weg führt über Südamerika nach Afrika, von dort nach Europa. Die wichtigsten europäischen Häfen sind in Italien, Spanien, Holland und Deutschland. Die deutschen Häfen sind aus Sicht der Drogenkartelle die besten, denn dort wird am wenigsten kontrolliert. Rostock spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle.

Rostock? Wirklich?

Ja. Ihr unterschätzt das Problem dramatisch. Der Drogenhandel ist bei euch kein Thema, weder in den Medien noch im Wahlkampf. Dabei werden in Deutschland jeden Tag große Mengen umgeschlagen. Und eure Polizei hat nicht die juristische Handhabe, um dagegen vorzugehen. Die Mafia ist in Deutschland absurd sicher.

Sie sind für die Legalisierung?

Das ist eine moralisch fragwürdige Idee, ich weiß. Aber wir sprechen hier von einem Markt, der mehr als 400 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr macht. Eine internationale Legalisierung gäbe den Staaten die Möglichkeit, die Droge zu bekämpfen. Sie könnten Kampagnen wie die gegen Zigaretten starten: Statt „Rauchen tötet“ schreiben wir ,„Kokain tötet“. Außerdem nähmen wir der Mafia ihre wichtigste Geldquelle.

In Ihrer Danksagung entschuldigen Sie sich bei Ihrer Familie. Wofür?

Sehen Sie, ich kann in meiner Situation immer noch Interviews geben, meiner Arbeit nachgehen. Aber meine Familie kann sich nur noch verstecken, muss an geheimen Orten leben, kann nicht mehr ausgehen. Das ist meine Schuld. Und dafür entschuldige ich mich, auch wenn das nichts an ihrer Lage ändert. Aber ich will deutlich machen, dass ich mir meiner Verantwortung bewusst bin.

Auf Deutsch erscheint „Zero Zero Zero“ im Februar 2014 im Hanser-Verlag.