Prora

Ein Pfad ganz nah unter dem Himmel

Unweit des vier Kilometer langen „Koloss von Rügen“ weiht Bundeskanzlerin Angela Merkel heute einen spektakulären Bau ein

Prora ist vor allem bekannt durch seinen Baukoloss aus der Nazizeit, eine vier Kilometer lange, leer stehende Altlast am Strand von Rügen, mit der niemand etwas anzufangen weiß. Am heutigen Freitag aber wird eine Person froh sein, Prora in ihrem Wahlkreis zu wissen: Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt, um etwa einen Kilometer hinter dem Strand eine Attraktion des Naturschutzes einzuweihen: Das Naturerbe-Zentrum der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), inmitten eines jetzt unter Schutz gestellten Gebietes.

Blick von oben auf die Bäume

Der Bau selbst ist spektakulär genug. Neben dem Informationszentrum beginnt ein Wipfelpfad, von dem aus das Habitat auf den umliegenden Bäumen auf fast eineinhalb Kilometer Länge von oben anzuschauen ist. Als Höhepunkt ein 40Meter hoher, wuchtiger „Adlerhorst“: Ein Aussichtsturm in einer seinem Namen entsprechenden Gestalt, von dem aus das neue Schutzgebiet ringsum zu sehen ist – und eben auch der Strand mit der unendlichen Unterkunft aus der Zeit von „Kraft durch Freude“ (KdF). Die mächtige Buche, die der Wendelsteig – barrierefrei und mit gemäßigter Steigung – nach oben umschließt, wirkt von der Aussichtsplattform wie ein bodendeckendes Gartenpflänzchen.

Noch bemerkenswerter allerdings ist das bundesweite Projekt, in das das Naturerbe-Zentrum mit seinem Umland eingebettet ist. Von ihm ist das Schutzgebiet Prora – trotz seiner 1900 Hektar Fläche – zwar nur ein kleiner Teil, der aber wegen des Aplombs seiner Eröffnungszeremonie und seiner bizarren Konstruktionen das ganze Unternehmen erneut ins Blickfeld rückt. Mit seinem Vorhaben „Nationales Naturerbe“ verfolgt die Bundesrepublik Deutschland seit Jahren die Idee, umfangreiche eigene Liegenschaften, für die keine Verwendung besteht, nicht zu privatisieren, sondern sie an Umweltstiftungen kostenlos abzugeben unter der Bedingung, dass die neuen Besitzer sie dem konsequenten Naturschutz zuführen.

Zug um Zug sollen so ungefähr 2000 Quadratkilometer der wirtschaftlichen Nutzung entzogen und in den Dienst der Biodiversität im Lande gestellt werden. Insgesamt eine Fläche, die fast an die Größenordnung des Saarlands mit seinen 2500 Quadratkilometern heranreicht. Dabei handelt es sich hauptsächlich um frühere Truppenübungsplätze, die nach der Wende insbesondere in den neuen Bundesländern nutzlos wurden. Auch die jetzt unter Schutz gestellten Flächen rund um das malerische alte Forsthaus von Prora waren zu einem großen Teil Militärgelände. Nach dem Krieg bis zur Wende nutzten die Streitkräfte der DDR die Liegenschaften der KdF aus der Nazizeit. In der Ostsee übte die Marine, im Hinterland pflügten die Panzer durch die Flur.

Auch wenn es widersinnig klingt, so sind es nach Erkenntnissen von Naturschützern gerade Truppenübungsplätze, auf denen die Artenvielfalt besonders hoch ist, wo besonders seltene Arten anzutreffen sind, weil sie dort Nischen finden, die ihnen in streng geschützten, sich selbst überlassenen Wäldern von den allzu dominanten Mitgeschöpfen genommen werden. Die Panzerketten, aber auch die auf offenen Geländen häufiger ausbrechenden Buschbrände drängen die „Platzhirsche“ der Fauna und Flora regelmäßig zurück und geben den benachteiligten Kreaturen immer wieder die Chance, sich neu anzusiedeln.

Sollen die für den Artenschutz und die Idee „Naturerbe“ neu gewonnenen Flächen also überhaupt komplett geschützt, „naturbelassen“ werden? Also weiter Panzer, jetzt im Dienste der Artenvielfalt? Werner Wahmhoff, Naturschutzexperte und stellvertretender Generalsekretär der DBU, strebt stattdessen eine „extensive Beweidung“ vor. Die „Hufe großer Weidetiere“ könnten die Landschaft offen halten.

Artenvielfalt dank der Panzer

Anders will man mit den Waldflächen verfahren, die die eigentlichen Übungsgelände in ebenso großer Ausdehnung umfriedeten. Die in Ostdeutschland anzutreffenden, meist in unnatürlicher Dichte stehenden Kiefernwälder sollen zu Laubwäldern „umgebaut“ werden. Dieser Veränderung will man jedoch nachhelfen. Bereits bestehende Laubwälder und Feuchtbiotope will die DBU allerdings sich selbst überlassen, dem klassischen Naturschutz unterwerfen.

Die DBU ist – mit den einstigen Milliarden aus der 1989 erfolgten Privatisierung des Salzgitter-Konzerns – die finanzstärkste unter den 42 Umweltstiftungen, die im Netzwerk Nationales Naturerbe zusammengeschlossen sind und die vom Bund übereigneten Flächen verwalten. Das Projekt in Prora dient dabei nicht nur dem Naturschutz direkt. Für DBU-Generalsekretär Fritz Brickwedde sei es, wie er sagt, eben auch „wichtig, auf den Wert des Naturerbes aufmerksam zu machen“. Wenn es sein muss, eben auch von ganz oben aus, auf einem eineinhalb Kilometer langen Pfad unter dem Himmel.